Ökonom Bagus: EZB muss verschuldete Euro-Staaten retten

Der Ökonom Philipp Bagus hat den Verdacht, dass die EZB mit den Negativ-Zinsen nicht, wie behauptet, die Wirtschaft im Süden Europas ankurbeln möchte. Die Lage scheint in einigen Schulden-Staaten dermaßen angespannt, dass Mario Draghi zu drastischen Maßnahmen greifen muss. Normalerweise sind Negativzinsen die Vorboten eines Zusammenbruchs.

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Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Gibt es irgendwo ein Beispiel in der Wirtschaftsgeschichte, wo Negativ-Zinsen etwas bewegt haben?

Philipp Bagus: Nein. Negativ-Zinsen sind in einer freien Marktwirtschaft widernatürlich. Wer wird sein Geld verleihen, wenn er dafür weniger zurückbekommt? Nur wenn es sich umso viel Geld handelt, das es unter der Matratze keinen Platz mehr hat und das Bankensystem so insolvent ist, dass man es dort auch nicht stehen lassen möchte. So kam es dann vor zwei Jahren zu den Negativzinsen bei kurzläufigen deutschen Staatsanleihen. Diese Negativzinsen waren ein Hinweis auf den Beinahe-Zusammenbruch des europäischen Bankensystems. Auch in der Zentralplanwirtschaftswelt der Notenbanken können Negativzinsen vorkommen. Bis letzten Donnerstag hatten Zentralbanken jedoch noch nie Negativ-Zinsen festgesetzt. Hier hat die EZB Neuland betreten.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Japan hat eine ähnliche Bazooka eingesetzt wie Draghi. Hat es geholfen?

Philipp Bagus: Nein. Japan versucht seit über 20 Jahren mit expansiver Fiskal- und Geldpolitik die Wirtschaft anzukurbeln. Es hat nichts gebracht. Und es wird auch in Europa nichts bringen. Wir haben ein Strukturproblem. Einige Sektoren sind zu groß, sie produzieren Güter und Dienstleistungen, die nur unter Verlust verkauft werden können, wie z.B. beim spanischen Immobiliensektor. Die Menschen wollen andere Güter haben. Auch der Finanzsektor ist noch überdimensioniert. Andere produzieren vollkommen am Verbraucher vorbei, wie z.B. die überdehnten Staatssektoren, vor allem in Südeuropa. Die Verbraucher wollen, dass diese Verluste produzierenden Sektoren schrumpfen und damit andere wachsen können. Sie wollen eine Strukturanpassung. Gelddrucken fördert aber nicht die Strukturanpassung. Im Gegenteil: Wenn die Notenbanken Zinsen senken, Unmengen neues Geld produzieren und dem Immobiliensektor, der Finanzindustrie und dem Staat zuleiten, dann wird im besten Falle die Anpassung verzögert, im schlechtesten Falle entwickelt sich eine Zombieökonomie wie in Japan.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was bezweckt die EZB?

Philipp Bagus: Wenn in einer Wirtschaftskrise die Arbeitslosigkeit hoch ist, die Staatsfinanzen wackeln und viele Unternehmen Verluste erwirtschaften, steigt die Unsicherheit und die Wirtschaftssubjekte erhöhen ihre Liquidität. Auch die Banken. Sie hinterlegen ihre Liquiditätsreserven bei der Zentralbank. Diese haben sich auch bei der EZB aufgetürmt. Der offizielle Zweck der Negativzinsen auf diese Liquiditätsreserve ist es nun, die Banken zu verleiten, gegen ihren Willen diese Liquidität auszuleihen an die Privatwirtschaft. Jedoch fehlt in Ländern wie in Griechenland oder Spanien einfach eine solvente Kreditnachfrage. Wenn alle Unternehmen Verluste erzielen, weil die Wirtschaftsstruktur total verzerrt ist, dann wollen die Banken diesen Unternehmen keine Kredite geben und die Unternehmen wollen ihr Minusgeschäft gar nicht expandieren, sondern eher ihre Überschuldung abbauen. Die Negativzinsen werden also kaum die Kreditvergabe ankurbeln können. Erst müsste die Restrukturierung vorankommen, die Fehlinvestitionen liquidiert werden, sodass wieder Gewinne erzielt werden. Dann würden die Kredite fließen.

Daher scheint der eigentliche Zweck des Negativzinsexperiments in ganz anderer zu sein. Nämlich die Banken in scheinbar risikolose, durch das Gewaltmonopol besicherte Anlagen zu drängen: Staatsanleihen. Dank EZB-Politik fallen die Zinsen auf Staatsanleihen weiter, was den überschuldeten Eurostaaten Verschuldungsspielräume eröffnet und ihnen Reformdruck nimmt.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Ein Händler hat am Donnerstag gemeint: Es muss schlecht um die Eurozone stehen, wenn sie zu solchen Brachialmaßnahmen greift?

Philipp Bagus: Ja, man muss sich fragen, wie verfangen die Zentralbanker in ihrem eigenen System eigentlich sind, um nicht zu bemerken, dass sie nur alles noch immer schlimmer machen. Sie folgen ihrer interventionistischen Logik blind und brechen dabei alle Tabus, nur um eine Bereinigungskrise noch weiter aufzuschieben.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Unter welchen Konditionen sollen die Banken Kredite an die Unternehmen geben?

Philipp Bagus: Mit den Targeted Long Term Refinancing Operations will die EZB den Banken Liquidität zur Verfügung stellen, wenn diese an Familien und Unternehmen Kredite vergeben, wobei Immobilienkredite ausgenommen sind. Die EZB will verhindern, dass das neue Geld zur Staatsfinanzierung, oder zur Finanzierung neuer Immobilienblasen verwendet wird. Die EZB will also dirigistisch entscheiden, an welche Sektoren das neue Geld zu fließen hat, vergisst aber dabei, dass die Kreditmärkte kommunizierende Röhren sind.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten:  Die Sicherheiten wurden gelockert – können die Kredite in Unternehmensbeteiligungen umgewandelt werden?

Philipp Bagus: Die Sicherheitsanforderungen werden in der Tat immer weiter gelockert. Früher brauchten die Sicherheiten ein Mindestrating, um bei der EZB angedient werden zu können. Jetzt reicht ein Autokredit an Frau Schmidt oder ein Kredit an einen Copy-Shop, um dafür Finanzierung von der EZB zu erhalten. Die Vermögenswerte, die unsere Währung letztlich absichern, werden immer unübersichtlicher.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: In UK sind Fälle bekannt geworden wie der der RBS im Tomlinson-Report: Die Bank treibt ein Unternehmen mit Schulden in die Insolvenz, damit sie es übernehmen kann. Kann solch ein Kalkül dahinter stecken?

Philipp Bagus: Generell sind im heutigen Scheingeldsystem die Unternehmen extrem vom Bankensystem abhängig. Wer sich nicht verschuldet und mit Hebel agiert, der hat es im Wettbewerb schwer mit jenen mitzuhalten, die mit vom Bankensystem aus dem Nichts geschaffenen Geldern arbeiten. Durch die Überschuldung werden die Unternehmen dann verletzlich und immer abhängiger von den Banken, die ihre privilegierte Position durchaus ausnutzen können, um gänzlich Kontrolle über Unternehmen zu erhalten, wie es im Tomlinson-Report beschrieben wird.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was steht am Ende der aktuellen Geldschwemme – die Wende zu Glück oder der Crash?

Philipp Bagus: Neues Papiergeld bedeutet nur Glück für jene, die es als erste bekommen. Sie profitieren zu Lasten der Spätempfänger, die in die Röhre, bzw. auf immer höhere Preise schauen. Neues Fiatgeld schafft natürlich keine neuen Ressourcen, keine neuen Autos, Computer, Kleider oder Lebensmittel. Neues Zwangsgeld löst auch nicht die Strukturprobleme, die wir haben, sondern bläht die bestehenden immer weiter auf. So werden Ressourcen verschwendet, Kapitalgüter vernichtet und die Gesellschaft verarmt relativ. Viele bemerken es jedoch nicht, da sie durch einen künstlichen Papierreichtum geblendet werden. Irgendwann wird das Debakel jedoch offensichtlich werden, sei es durch einen Crash, eine Währungsreform, ein Bail-in, eine Vermögensabgabe oder eine sehr hohe Inflation.

Das neue Buch von Andreas Marquart und Philipp Bagus aus dem FinanzBuch Verlag München.

Das neue Buch von Andreas Marquart und Philipp Bagus aus dem FinanzBuch Verlag München.

Philipp Bagus ist Professor für VWL an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid. Soeben ist im FinanzBuch Verlag sein neues, mit Andreas Marquart verfasstes Werk erschienen: „Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden – und welche Rolle der Staat und unser Papiergeld dabei spielen.“ Sein Buch „Die Tragödie des Euro“ wurde in dreizehn Sprachen übersetzt. Mit David Howden hat er außerdem das Buch „Deep Freeze: Iceland’s Economic Collapse“ veröffentlicht. Seine wissenschaftlichen Arbeiten wurden mit dem „O.P. Alford III Prize in Libertarian Scholarship“, dem „Sir John M. Templeton Fellowship“, dem „IREF Essay Preis“ und dem „Ron Paul Liberty in Media Award“ ausgezeichnet.


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