Der Schwarze Block will marschieren: „20 Prozent der Brasilianer sind gegen die WM“

In São Paulo finden am Tag der Eröffnung rund 20 Demonstrationen gegen die Fußball-WM statt. Die brasilianischen Medien halten mit Positiv-Propaganda dagegen. Doch sollte die Seleção früh aus dem Turnier ausscheiden, könnte die Lage eskalieren. Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten haben mit Aktivisten gesprochen.

Ihren XING-Kontakten zeigen
linkedin
abo-pic

Heute wird in São Paulo das WM-Eröffnungsspiel zwischen Gastgeber Brasilien und Kroatien angepfiffen. Doch auch am Tag des Eröffnungsspiels soll in São Paulo protestiert werden. Unterschiedliche Gruppen – von Gewerkschaften über Landlose bis hin zu Indigenen – werden die erhöhte Aufmerksamkeit nutzen und für ihre Interessen auf die Straße gehen. Ob es noch einmal zu Massenprotesten kommt, ist fraglich.

In São Paulo werden die Proteste von der Bewegung der Obdachlosen Arbeiter MTST sowie der Bewegung für den Nulltarif im Nahverkehr angeführt. Junge Aktivisten und ihre alternativen Medien versuchen ihre Positionen über das Internet zu verbreiten.

In der zweitgrößten Stadt, Rio de Janeiro, ist das Volkskomitee der WM tonangebend. Daneben erregen die „Autonomen“ vom Schwarzen Block, die „black blocs“, wie sie in Brasilien genannt werden, in beiden Städten Aufmerksamkeit mit Gewalt und Randale. Die Demonstranten kritisieren die exorbitanten Kosten der WM für eine Bevölkerung, der es an Grundlegendem mangelt, während eine kleine Elite sich schamlos bereichert. Die WM gilt nicht zu Unrecht als Vehikel einer Umverteilung von unten nach oben. Die Mehrheit der Brasilianer teilt diese Sicht, auch wenn sie nicht demonstriert.

DWN-Kolumnist Antonio Cascais sprach schon in der ersten Ausgabe des Anderen Tagebuchs mit Vinícius Fiorentino (24) und Fábio Chap (23), die die Anti-WM-Proteste in São Paulo organisieren. Am Tag des Eröffnungsspiels in São Paulo spricht er erneut mit den beiden Aktivisten und Mitarbeitern des alternativen Medienportals www.midianinja.org , dass sich zum Ziel gesetzt hat, vom offiziellen Brasilien unterdrückte Nachrichten zu verbreiten. Fábio Chap ist E-Book-Autor von Texten, vor allem zum Thema „Sexuelle Befreiung“. Vinícius Fiorentino ist Internet-Experte, Fotograf und Videokünstler.

Anti-WM-Aktivisten Vinícius Fiorentino (li.) und Fábio Chap aus São Paulo, Brasilien. (Foto: Antonio Cascais)

Anti-WM-Aktivisten Vinícius Fiorentino (li.) und Fábio Chap aus São Paulo, Brasilien. (Foto: Antonio Cascais)

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Ôi Vinícius! Ôi Chap!Tudo bem? Was gibts Neues in São Paulo?

Vinicius Fiorentino: Hier ist der Teufel los! Überall in der Stadt werden Aufmärsche gegen die WM-Eröffnung stattfinden. Über 20 Demos sind geplant. Verschiedene Gruppen in den unterschiedlichsten Stadtvierteln!

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wisst ihr ob die U-Bahn-Angestellten auch an diesem WM-Eröffnungstag streiken werden?

Vinícius: Das steht noch nicht definitiv fest. Die U-Bahn-Angestellten haben kurzfristig eine Mitarbeiterversammlung einberufen. Der Druck der Regierung und der Justiz auf die Mitarbeiter ist sehr groß, so dass es gut sein kann, dass die U-Bahnen heute fahren werden.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie ich bei MidiaNinja gelesen habe, hat die Regierung zumindest einige Forderungen der Obdachlosen- und Landlosen-Protestbewegung von São Paulo erfüllt…

Fábio: Ja. Die Regierung des Bundesstaats São Paulo hat versprochen, 2.000 Wohnungen für die Armen zu bauen, die sich der Bewegung “copa do povo” (“WM für das Volk”) angeschlossen und ein Gelände nahe des neuen Stadions besetzt hatten. Zudem hat die Stadtverwaltung von São Paulo angekündigt, dass 41 leerstehende oder besetzte Häuser der Wohnungslosen-Bewegung zur Verfügung gestellt werden sollen. Bislang sind das aber nur Versprechungen. Mehr nicht. Was wirklich passiert bleibt abzuwarten…

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie würdet ihr die Stimmung in São Paulo am Tag der WM-Eröffnung beschreiben?

Vinícius: Es ist nicht die Eröffnung, die sich die FIFA, die Sponsoren und die Regierung erhofft haben! Die Leute feiern nicht ausgelassen. Sie sind sehr kritisch. Selbst die einfachsten Leute haben ein sehr kritisches Bewusstsein entwickelt! Gestern sind wir in unserem Viertel ein paar Leute gesehen, die die Straße mit gelb-grünen Bändern schmückten. Einer hat den Bürgersteig gelb-grün angemalt. Aber das sind Einzelfälle. In anderen Zeiten hätte man damit schon im Januar angefangen und nicht am Tag vor der WM-Eröffnung!

Fábio: Von Euphorie ist bisher wenig zu spüren. Wenn die brasilianische Nationalmannschaft die ersten Tore schießt, könnte sich das ändern. Wenn die Seleção allerdings früh aus dem Turnier ausscheidet, dann könnte sich die angestaute Wut Bahn brechen. Vorsorglich hat die Regierung ihre Propaganda-Maschine angeworfen. In den Mainstream-Medien wird behautet, Alles sei Ok, die Leute seien zufrieden, alles sei pünktlich fertig geworden, alle geplanten Bauten, auch die Stadien. Aber Jedermann kann sehen, dass das nicht stimmt. Selbst die Mainstream-Medien kommen an dieser Realität nicht vorbei!

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Werder ihr Euch die Spiele anschauen? Sogar live im Stadion? Wieviel kosten eigentlich die Eintrittskarten?

Vinícius: Nein, wir gehen nicht zu den Spielen. Selbst wenn wir wollten, wäre das praktisch unmöglich, denn die Eintrittskarten kosten durchschnittlich 500 Reais (ca. 165 Euro), das ist mehr als 60 Prozent des Mindestlohns in Brasilien.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie wird Brasilien in naher Zukunft aussehen? In welche Richtung wird sich Euer Land entwickeln?

Vinícius: Wir glauben an die Zukunft unseres Landes. Wir glauben, dass das bestehende System bereits bei den nächsten Wahlen einen Denkzettel bekommt. Und nicht nur das: Das System wird erschüttert werden. Wir werden von den Mega-Events keine Vorteile haben. Es werden kaum Infrastruktur bleiben, und das normale Volk wird auch keine wirtschaftlichen Vorteile haben! Aber eins ist sicher: Das politische Bewusstsein der Brasilianer ist stark gewachsen. Und das ist der Ausgangspunkt für eine Veränderung des Landes zum Besseren.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Gibt es heute in São Paulo eigentlich Public Viewing? Großleinwände an öffentlichen Plätzen?

Fábio: Ja, es gibt die sogenannten offiziellen „Fifa Fan Feste”. Und in einigen Bars wird das Eröffnungsspiel natürlich auch gezeigt. Aber die Begeisterung hält sich – für brasilianische Verhältnisse – in Grenzen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was schätzt ihr: Wie groß ist der Anteil an WM-Kritikern in der Bevölkerung São Paulos?

Vinícius: Es gab Umfragen: Mehr als 50 Prozent der Brasilianer sind der WM gegenüber kritisch eingestellt. 20 Prozent der Brasilianer sind radikal gegen die WM.

Teil 1: Die Revolution hat in Brasilien Feuer gefangen

Teil 2: Brasilien: Künstler protestieren gegen die Fußball-WM

Teil 3: Brasilien: Von der Fußball-WM profitieren Konzerne, Politiker und Banken

Teil 4: Weltmeister: Deutsche Waffen-Industrie verdient prächtig mit der Fußball-WM

Teil 5: Brasilien: Staudamm-Bau mit Methoden einer Militär-Diktatur

Teil 6: Wer ist die rätselhafte Dilma Rouseff?

Teil 7: Brasilien: Straßenkinder passen nicht ins Bild der WM – und verschwinden

Teil 8: Der ganz andere WM-Song:  „Öffnet eure Augen, Brüder / die FIFA greift in unsere Taschen“

Teil 9: Brasilien: Fifa unterstützt Projekte gegen Kinderprostitution nicht

Teil 10: Lage in São Paulo eskaliert: Polzei knüppelt streikende U-Bahn-Fahrer nieder

*** Bestellen Sie den täglichen Newsletter der Deutschen Wirtschafts Nachrichten: Die wichtigsten aktuellen News und die exklusiven Stories bereits am frühen Morgen. Verschaffen Sie sich einen Informations-Vorsprung. Anmeldung zum Gratis-Newsletter hier. ***


media-fastclick media-fastclick