Korruption bei der Fifa: „Wer einmal die Hand aufhält, versucht es auch ein zweites Mal“

Die Fifa spielt bei den Korruptions-Vorwürfen gegen Katar auf Zeit. Die Vorlage eines Untersuchungsberichts erfolgt erst nach der WM. Sylvia Schenk von Transparency International zweifelt an der Integrität der Fußball-Stars Franz Beckenbauer und Michel Platini. Sie glaubt, dass die Fifa noch einen weiten Weg zu gehen hat, bis sie eine saubere Institution ist.

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Denk ich an FIFA und denk ich an Fußball, dann fällt mir zuallererst das Wort Korruption ein! Der internationale Fußball wird von sinistren Gestalten wie Sepp Blatter, Michel Platini oder Franz Beckenbauer (ja: unserem Kaiser Franz) kaputt gemacht. Der Bericht des von der FIFA eingesetzten Ermittlers, Michael Garcia, zu den Korruptionsvorwürfen bei der Vergabe der WM 2022 an Katar soll erst nach der WM in Brasilien vorgelegt werden. Der Staatsanwalt aus New York sagte, er müsse noch nacharbeiten. Derweil wurde das Turnier angepfiffen, begleitet von Bildern prügelnder Polizisten in São Paulo und immer neuen Korruptionsvorwürfen gegen die Clique der Fußballfunktionäre.

Für die Deutschen Wirtschafts Nachrichten sprach Antonio Cascais mit Sylvia Schenk, Sprecherin der Arbeitsgruppe Sport von Transparency International Deutschland. Sylvia Schenk ist Anwältin und Ex-Leistungssportlerin. Bei den Olympischen Spielen 1972 in München trat sie für Deutschland im 800-Meter-Lauf an.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: In der Presse war zu lesen, dass einer der Zeugen, die Garcia befragen wollte, nicht ausgesagt hat: Franz Beckenbauer. Wie ist das zu bewerten?

Sylvia Schenk: Franz Beckenbauer sagt, das war mir ein zu juristisches Englisch, was ich erst mal sehr merkwürdig finde. Wenn er mir die Fragen geschickt hätte, hätte ich es ihm gern ins Deutsche übersetzt. Es hörte sich nach einer Ausrede an. Und vor allen Dingen sagt Beckenbauer auch, er habe keine FIFA-Funktion mehr und deshalb dürfe man ihn nicht befragen. Allerdings ist das so: Solange er noch irgend etwas im Fußball-Bereich macht – und ich denke er wird irgendwo bei Bayern München Mitglied sein, oder sonst was – unterlegt er im Grunde ja der Sanktionshoheit der FIFA, zumindest für das, was er in den vier Jahren als Exekutivkomitee-Mitglied gemacht hat oder nicht gemacht hat. Also insofern sollte er eigentlich aussagen. Ich finde es schon ziemlich merkwürdig, dass er sagt: Ich sag‘ da Nichts!“

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Es steht im Raum, dass das große Problem der FIFA-Präsident Sepp Blatter ist. Sehen Sie das auch so?

Sylvia Schenk: Sepp Blatter ist sicherlich nicht das einzige Problem. Aber er trägt zum Problem bei. Das was sich an Korruption ereignet hat oder ereignet haben soll – also es gibt ja Dinge, die nachgewiesen sind, da sind ja Leute suspendiert worden – also ehemalige Exekutivkomitee-Mitglieder, die rausgeworfen worden sind nach Verfahren die die FIFA durchführt hat – und es gibt andere Beschuldigungen, die im Raum stehen, wo man nicht weiß, treffen sie zu oder nicht – all dieses hat sich ereignet unter der Präsidentschaft von Sepp Blatter. Er kann nicht sagen: Ich habe nichts damit zu tun. Wo war er die ganze Zeit, als das passierte? Wenn er der Chef eines Wirtschaftsunternehmens wäre, und soviele Vorstandmitglieder hätten ihre Koffer packen müssen wegen Korruption, dann wäre er mit Sicherheit nicht mehr Chef, dann würde in der Wirtschaft das ganz anders funktionieren. Also von daher hat das auch mit ihm zu tun. Es gibt keine Behauptung, dass er selbst Geld genommen hat, also dass er sich selbst hat bestechen lassen, aber die Frage ist: Wie hat er den Laden geführt? Was hat er mitgekriegt, was oder wen hat er möglicherweise gedeckt? Was hätte er mitkriegen müssen? Hätte er Konsequenzen ziehen müssen?

Und dann kommt jetzt hinzu: Er sagt, meine Mission ist nicht zu Ende. Ich muss die FIFA reformieren. Das hat er die letzten drei Jahre ja schon versucht. Er hat es nicht geschafft, die FIFA in ruhiges Fahrwasser zu bekommen. Und bei allen Vorwürfen, die im Raum stehen, fällt es zunehmend schwer zu glauben, dass er wirklich derjenige ist, der einen Neuanfang bei der FIFA symbolisieren kann. Insofern: Je länger das alles andauert, wird er immer mehr zum Teil des Problems.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Kann man Sepp Blatter zugute halten, dass er den Staatsanwalt Michael Garcia eingesetzt hat? Das ist doch ein Zeichen, dass er Aufklärung will!

Sylvia Schenk: Es sind ja ein paar Sachen in Bewegung geraten. Das bestreite ich nicht. Ein paar Reformschritte sind ja gemacht worden bei der FIFA, aber der Druck war ja immens groß. Wenn gar nichts passiert wäre, wäre Blatter der Laden längst um die Ohren geflogen. Was die Aufklärung betrifft: Wir von Transparency International hatten schon vor drei Jahren gefordert , die die Aufklärung zu gehen. Es hat aber dann sehr lange gedauert. Es ist insofern immer schwieriger geworden, bestimmte Fakten nachzuweisen. Auch was die Vorwürfe von Korruption bei der Vergabe der WM 2022 an Katar angeht ist es so, dass die Vorwürfe schon seit drei Jahren im Raum sind. Man hätte viel früher ermitteln können und hat es lange Zeit nicht getan. Die FIFA hat es sich also selbst zuzuschreiben, dass die Vorwürfe jetzt vor der WM wieder hochkochen. Sepp Blatter, das zeigt sich immer mehr, hat jetzt nicht die Glaubwürdigkeit zu vermitteln, dass er alles rückhaltlos aufklären will.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Haben Sepp Blatters direkte Konkurrenten (und möglich Nachfolger) denn diese Glaubwürdigkeit?

Sylvia Schenk: Also ich kenn im Moment nur zwei mögliche Konkurrenten und Nachfolger. Der eine ist Jerôme Champagne: Es wäre mir völlig neu, wenn er zum Thema Korruption irgendetwas gesagt hätte…

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: …ist denn Michel Platini der Mensch, der für Transparenz, Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit steht?

Sylvia Schenk: Also das ist jetzt auch nicht mein Traumkandidat, wenn ich ehrlich bin. In die FIFA müsste mehr Bewegung rein. Die Frage ist: Ist mehr Bewegung zu erwarten wenn jemand neues kommt oder ist mehr Bewegung zu erwarten wenn Blatter bleibt. Und ich meine, dass jeder Kandidat der kommt und Blatter ersetzt wichtig ist, um etwas in Bewegung zu bringen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Es steht im Raum, dass die Mitglieder des Exekutivkomitees aus der Dritten Welt die korrupten sind. Aber zur Korruption gehören ja zwei Seiten…

Sylvia Schenk: Ein wesentlicher Teil der Vorwürfe bezieht sich auf die Korruption in Katar. Da wäre der korrumpierende Staat Katar. Die, die bestochen sein könnten wären die Mitglieder des Exekutivkomitees, die 22 Leute, die am 1. und 2. Dezember 2010 über die Vergabe entschieden haben. Da sind alle Kontinente grundsätzlich vertreten. Unter denen, die Geld genommen haben oder irgendwelche Vorteile genommen haben, müssten vier Europäer gewesen sein, sagen wir es so: müssten vier Europäer für Katar gestimmt haben… Darunter war einer auf jeden Fall Platini, der hat sich offen dazu bekannt…

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Gibt es Hinweise, dass auch bei der Vergabe an andere Länder Korruption im Spiel war: Also auch bei der Vergabe an Russland oder auch an Deutschland 2006?

Sylvia Schenk: Zu Deutschland gab es Informationen, Gerüchte… Da gab es auch ansatzweise Untersuchungen. Da hätte man viel profunder ermitteln sollen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wenn es bei der Vergabe an Katar Bestechung gegeben hat, dass dann die Vergabe an Russland ohne Bestechung gelaufen ist. Es ging ja um die selben Personen, die abgestimmt haben. Wenn sie einmal die Hand aufgehalten haben, dann haben sie es wahrscheinlich auch ein zweites Mal versucht.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was müsste aus Ihrer Sicht geschehen, damit wieder Transparenz in die großen Sportevents einzieht?

Sylvia Schenk: Die FIFA hat ein paar Reformschritte getan. Da sind aber noch Lücken. Also Amtszeitbegrenzung, unabhängige Direktoren, Offenlegung der Aufwandsentschädigung für die Mitglieder des Exekutivkomitees. Das ist alles noch unerledigt. Und dann kommt der ganze Bereich Menschenrechte, Arbeitsbedingungen… Das ist jetzt auch ein Thema bei Katar. Wie weit kann man schon da in den Vergabe-Kriterien Mindeststandards aufnehmen, wie kann man das unabhängig prüfen lassen?

Hinsichtlich der Transparenz bei der Vergabe-Entscheidung selber müssen einmal die Kriterien klar sein, der Entscheidungsprozess muss öffentlich zugängig sein.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Können Sie persönlich verstehen, dass unter den gegebenen Umständen keine große Begeisterung für das Turnier unter den Brasilianern aufgekommen ist, und auch hier in Deutschland sich viele von diesem Mega-Event abwenden?

Sylvia Schenk: Ich würde sagen: In Deutschland ist da schon ganz viel Begeisterung für den reinen Sport da. Und in Brasilien muss man schauen: Wenn die Spiele losgehen. Man muss auch sehen, wie die brasilianische Mannschaft abschneidet. Man hat in Brasilien gehofft, dass die WM Brasilien positiv nach vorne bringt. Da hat es auch ein paar Vorgaben gegeben für mehr Transparenz bei großen Bauprojekten . Das hat aber alles nicht so richtig funktioniert, wie es gedacht war. Man hat sich viel zu wenig um die Alltagskorruption gekümmert. Und das ist den Brasilianern aufgestoßen. Und das haben sie mit vielen Demonstrationen während des Confederation-Cups zum Ausdruck gebracht. Und das setzt sich während der WM jetzt fort. Da sind Hoffnungen, die mit der WM verbunden wurden enttäuscht worden. Ob daraus noch eine positive Stimmung erwächst bleibt abzuwarten.

Audio-Version des Interviews:

Transparency International zum Thema „Korruption im Sport“

Transparency International zum Thema „Fußball-WM Brasilien 2004“

 

 

Teil 1: Die Revolution hat in Brasilien Feuer gefangen

Teil 2: Brasilien: Künstler protestieren gegen die Fußball-WM

Teil 3: Brasilien: Von der Fußball-WM profitieren Konzerne, Politiker und Banken

Teil 4: Weltmeister: Deutsche Waffen-Industrie verdient prächtig mit der Fußball-WM

Teil 5: Brasilien: Staudamm-Bau mit Methoden einer Militär-Diktatur

Teil 6: Wer ist die rätselhafte Dilma Rouseff?

Teil 7: Brasilien: Straßenkinder passen nicht ins Bild der WM – und verschwinden

Teil 8: Der ganz andere WM-Song:  „Öffnet eure Augen, Brüder / die FIFA greift in unsere Taschen“

Teil 9: Brasilien: Fifa unterstützt Projekte gegen Kinderprostitution nicht

Teil 10: Lage in São Paulo eskaliert: Polzei knüppelt streikende U-Bahn-Fahrer nieder

Teil 11: Der Schwarze Block will marschieren: „20 Prozent der Brasilianer sind gegen die WM“

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