Antisemitismus: Rechtsextreme in Europa profitieren von der Finanz-Krise

Efraim Zuroff vom Simon-Wiesenthal-Center warnt vor den politischen Folgen der Finanzkrise in Europa: Rechtsextreme Klischees und radikale Islamisten könnten zu einem Aufflackern des Antisemitismus in Europa führen. Er fordert eine Allianz von Juden und Muslimen gegen den Extremismus.

Ihren XING-Kontakten zeigen
linkedin
abo-pic

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wieviel Nazi-Verbrecher haben Sie bisher enttarnt?

Efraim Zuroff: Bisher habe ich die Fluchtorte von etwa 3.000 tatverdächtigen Nazi-Kriegsverbrechern ausfindig gemacht.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie viele laufen noch frei in der Welt rum?

Efraim Zuroff: Das kann keiner genau sagen. Meiner Einschätzung zufolge gibt es noch Hunderte, wenn nicht Tausende, die meiner Definition von Nazi-Kriegsverbrechern entsprechen. Ein Nazi-Verbrecher ist jemand, der für Nazi-Deutschland oder für einer der alliierten Staaten Nazi-Deutschlands gedient und maßgeblich hat und an der Verfolgung oder/und am Mord von unschuldigen Menschen beteiligt gewesen ist.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Doch wie waren die Reaktionen der Festgenommenen? Haben Sie so etwas wie Schuld empfunden? Was haben sie gesagt?

Efraim Zuroff: Ausgehend von meiner 33-jährigen Erfahrung, habe ich niemals erlebt, dass ein Nazi-Verbrecher nur einen Hauch einer Entschuldigung geäußert hat. Sie haben nichts bereut.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Haben Sie denn jemals persönlich mit diesen Leuten gesprochen? Was ist Ihr persönlicher Eindruck?

Efraim Zuroff: Ich habe niemals mit diesen Leuten gesprochen, sondern lediglich lange Gespräche mit den Kindern von Nazi-Verbrechern geführt. Aber ehrlich gesagt, interessiert es mich auch nicht, was sie zu sagen haben. Es ist wichtig, dass meine Arbeit nicht durchmischt wird mit persönlichen Gefühlen. Andernfalls wäre meine Aufgabe schwer durchzuführen, was ohnehin schon der Fall ist.

Efraim Zuroff ist Direktor des Simon Wiesenthal Centers in Jerusalem. (Foto: Dr. Efraim Zuroff by Avigayil Davidi)

Efraim Zuroff ist Direktor des Simon Wiesenthal Centers in Jerusalem. (Foto: Dr. Efraim Zuroff by Avigayil Davidi)

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Die EU-Wahlen haben uns gezeigt, dass Europa vor einem Umbruch steht. Der Front National erhielt 25 Prozent und sogar die NPD sitzt nun im Europaparlament. Wie bewerten sie das?

Efraim Zuroff: Ich habe dazu einen Artikel auf i24 geschrieben, in dem ich darauf hingewiesen habe, dass der Aufstieg von rechten EU-Parteien gefährlich ist. Ich habe auch öffentlich davor gewarnt, dass die generelle Akzeptanz derartiger Parteien, die Zukunft der Gemeinden von Juden, Muslimen und anderen Minderheiten massiv gefährdet.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Viele Wähler aus dem bürgerlichen Lager schließen sich rechten Parteien an. Ist das ein Rückschritt in der europäischen Geschichte oder ein normaler politischer Prozess?

Efraim Zuroff: Es gibt zahlreiche Entwicklungen, die eine Gefahr für die Minderheiten in Europa darstellen. Zweifellos spielt hier auch die Finanzkrise eine Rolle. Die Krise führt zur Auferstehung des Neo-Faschismus, was zwangsläufig in der Unterstützung von rechten Parteien mündet. Im gleichen Zug führt die Globalisierung zu Ängsten. Die Menschen haben Angst vor dem Verlust ihrer nationalen Identität. Die Kombination dieser Ereignisse hat zu den Wahlergebnissen bei den EU-Wahlen geführt.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Ist es den überhaupt richtig, immer wieder Rückschlüsse auf die Vergangenheit zu ziehen?

Efraim Zuroff: Keine historische Situation ist vergleichbar. Aber es gibt Lehren, die die Europäer aus der Vergangenheit ziehen sollten. Insbesondere in Bezug auf Rassismus, Faschismus und Fremdenhass.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wollte Jean Marie Le Pen mit seinen jüngsten antisemitischen Aussagen junge französisch-arabische Wähler erreichen?

Efraim Zuroff: Nein, das glaube ich nicht. Es ist wahrscheinlicher, dass er die jungen arabischstämmigen Leute genauso hasst wie die Juden. Natürlich gab es im vergangenen Jahrzehnt einen Anstieg des muslimischen Antisemitismus in Frankreich. Das steht außer Frage. Dies zeigte sich im Anstieg der alarmierenden antisemitischen Attacken, die von jungen Muslimen verübt wurden. Einheimische Franzosen treibt die Sorge um, dass der traditionelle Antisemitismus innerhalb der Linken und Rechten sich in einen Anti-Zionismus verwandelt hat. Der Hass richtet sich gegen den jüdischen Staat, dem seine Legitimation entzogen werden soll.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Doch auch Dschihadisten sind eine Bedrohung für die Öffentlichkeit. Sie zielen insbesondere auf Juden ab – wie beim Terror-Anschlag gegen das Jüdische Museum in Brüssel.

Efraim Zuroff: Ja, es steht außer Frage, dass der islamistische Terrorismus eine Bedrohung für Europa, Israel und die Juden darstellt. Wir sollten nicht vergessen, dass sein eigentliches Ziel die Zerstörung der westlichen Zivilisation ist.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Muslimische Organisationen haben den Anschlag verurteilt. Aber was können die muslimischen Gemeinden tun, um die Radikalisierung von jungen Menschen präventiv einzudämmen?

Efraim Zuroff: Zunächst ist es wichtig – wie in der Frage beschrieben – , dass die muslimischen Vertreter den dschihadistischen Terror verurteilen. In diesem Zusammenhang müssen sie sagen, dass dieser Fundamentalismus auf einem verzerrten Verständnis des Islams und der islamischen Lehre beruht. Sie müssen deutlich machen, dass der Dschihad keine Pflicht oder Aufgabe eines Muslims, sondern die Schändung und Entweihung des Islams ist.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: In Großbritannien hatten sich muslimische und jüdische Gemeinden dazu entschieden, ihre Gotteshäuser gegenseitig zu schützen. Was denken Sie über diese Initiative?

Efraim Zuroff: Jede nur erdenkliche Kooperation zwischen europäischen Juden und Muslimen im Kampf gegen den Extremismus sollte gefördert und unterstützt werden.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Haben Sie eine Botschaft an die Jugend Europas – unabhängig von religiösen oder ethnischen Kategorien?

Efraim Zuroff: Der einzige Weg für Frieden und Wohlstand liegt in der Akzeptanz – nicht nur Toleranz – für die Verschiedenheiten von Menschen. Es Bedarf zudem einer Entschlossenheit, um Fundamentalisten und Extremisten zu bekämpfen, die ihre Weltanschauung und Ideologie uns allen überstülpen wollen. Derartige Parteien oder Bewegungen können und dürfen niemals toleriert werden.

Dr. Efraim Zuroff wurde 1948 in New York geboren und zog 1970 nach Israel. Sein Bachelor-Studium hat er an der Yeshiva Universität und sein Master-Studium an der Hebräischen Universität in Jerusalem absolviert. Sein Doktorgrad mit dem Forschungsschwerpunkt „Holocaust-Studien“ erlangte er an derselben Universität. Seit 1986 ist er Leitender Nazi-Jäger des Simon Wiesenthal Centers (SWC) und SWC-Direktor in Israel. Zwischen 1980 und 1986 arbeitete er in Israel als Researcher für das US-Justizministerium. Er ist Autor von drei Büchern und hat 380 Artikel verfasst. Der Titel seines jüngsten Buches heißt: „Operation Last Chance: Im Fadenkreuz des ‚Nazi-Jaegers’“. Das Werk ist beim Prospero Verlag erhältlich.

 

*** Bestellen Sie den täglichen Newsletter der Deutschen Wirtschafts Nachrichten: Die wichtigsten aktuellen News und die exklusiven Stories bereits am frühen Morgen. Verschaffen Sie sich einen Informations-Vorsprung. Anmeldung zum Gratis-Newsletter hier. ***

media-fastclick media-fastclick