Schriftsteller Zé do Rock: „Sepp Blatter wäre der ideale Präsident für Brasilien“

Viele Brasilianer in Deutschland wundern sich über das Bild, das die öffentlich-rechtlichen WM-Sender in ihrer „Berichterstattung über Land und Leute“ über Brasilien verbreiten: Fernanda Brandão, Strand, Caipirinha, Samba, mit dem Hintern wackeln. Der Schriftsteller Zé do Rock sagt: Vergesst die Klischees, wir sind anders.

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Viele Brasilianer in Deutschland wundern sich über das Bild, das die Öffentlich-Rechtlichen über ihr Land verbreiten, so auch Künstler Zé do Rock. (Foto: Zé do Rock)

Viele Brasilianer in Deutschland wundern sich über das Bild, das die Öffentlich-Rechtlichen über ihr Land verbreiten, so auch Künstler Zé do Rock. (Foto: Zé do Rock)

Einer der es nicht mehr tut ist der Schriftsteller, Kabarettist und Regisseur „Zé do Rock“, der seit den 1990er-Jahren in Deutschland lebt. Zé do Rock sagt: „Es ist alles zu spät, wir werden die Klischees nicht mehr besiegen!“

Deshalb schreibt er sich alles von der Seele: Auf Deutsch und teilweise auf Portugiesisch. Seine Bücher haben Titel wie „fom winde verfeelt“ oder „Deutsch gutt sonst geld zurück“. Sie sind in „Ultradoitsh“, „Wunschdeutsch“, „Siegfriedisch“ und „Kauderdeutsch“ verfasst; satirisch verfremdeten Spielarten des Deutschen und der deutschen Orthografie.

Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten stellten Zé do Rock Fragen. Zé do Rock antwortete schriftlich: auf „ZéDoRockDoitsch“.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Zé do Rock, Sie sind Schriftsteller und Filmemacher und lebten lange Zeit in München und zurzeit in Stuttgart. Vor einigen Jahren haben Sie einen Dokumentarfilm produziert – „Schroeder liegt in Brasilien“ – in dem Sie diverse Vorurteile über Brasilien und Deutschland auf die Schippe nehmen. Wenn man sich die aktuelle TV-Berichterstattung über „Land und Leute in Brasilien“, am Rande der WM, anschaut, dann merkt man schnell: Es wird kein Klischee ausgelassen, oder?

Zé do Rock: Klar. Dá sind die alteingesessenen klischees, wie dschungel, samba, fussball. Und natüralich die armut: früher durfte kein journalist über Brasilien schreiben, ohne die favelas zu erwähnen. Und dás wort „mittelschicht“ durfte nich en verbindung mit Brasilien gebracht werden – má nehme zum exemple den deutschen wikipedia-eintrag über den autor Paulo Coelho: dá steht dás er aus da „gehobenen schicht“ commt. En da brasilianischen wikipedia steht, dás er aus da mittelclasse commt – sein papai war ingenieur. Und ingenieure gehören sowohl en Deutschland wi auch en Brasilien zur mittelclasse. Seit der WM- und olympia-vergabe an Brasilien und nachdem Brasilien die letzte crise so gut überstanden hat, heisst es, Brasilien is boomland, und manchmal wenn ich mit den leuten en den letzten jahren gesprochen hab, hatte ich den eindruck, die leute glauben, en Brasilien benützt man inzwischen nu 100-dollar-scheine als klopapier.

Und nach den protesten zurück zum alten blick: die tradicionale mittelclasse (mittlere und obere mittelschicht) hasst Lula und alles was mit ihm und seiner Arbeiterpartei PT zu tun hat, vermutlich weil se sich kaum noch a hausangestellte leisten kann – se sind zu teuer geworden und má mousse nó dazu socialabgaben zahlen – und meint, mit arbeitslosengeld und socialhilfe wil dás gouverno nur stimmen kaufen, und se, die mittelclasse, mousse dás ganze financiar. Und dis braunen leute, die gärtner oder maurer sind und nich mehr arbeiten wollen, sitzen nu mit ihnen im flieger! Em den aeroportos sah má früher nur weisse – braune und negros waren kellner und gepäckträger, und nu sind die passageiros, und wenn es so weiter geht, wird es bald wi em da seleçao brasileira aussehen, wo weisse raritätswert haben.

Ach so ja: bevor ich weiter mach: ich schreib nu em a brasilianisado deutsch, später auf wunschdeutsch forte, das merere romanische elementos hat. Alles im progressiven modus, das heisst, es fängt praktisch normaldeutsch an und wird immer mehr andas…

Financiar mousse die mittelclasse tatsächlich die umverteilung, aba wenn má 100% mehr verdient, is es wirklich sou schlimm, wenn má vielleicht 5% oder 10% mehr vom einkommen zahlt? Naja, dis tradicionale mittelclass is sauer, aba über umverteilung zu reclamar is nich specialment elegante, also há má die mähr erfunden, die sich em einem satz resumir lässt: nie vá dás land sou corrupto, und die hospitais, scolas und stradas verkommen weil dás ganze geld für stádios ausgegeben wird. Dis satz wird millionenfach wiederholt. Die mídia wiederholen ihn ao – se gehören zwar dem groszcapital, werden aba von jornalistas und redactores betrieben, die naturalment alle aus diz mittelclasse comem, die ansicht dieser classe teilen und diz mittelclasse dás geben, vas se hören vil: das alles em diz land Brasil scheisse is. A ser geschlossener informacionskreis, und der satz wird zu einer etablierten wahrheit. Aba dadurch, das a satz millionenfach wiederholt wird und durch die mídia geht, wird er nich vara. Wenn die leute sagen, nó nie va das land sou corrupt, frag ich se, ob se statísticas de corrupçao von früher haben, um es zu vergleichen. Naturalmente haben se keine – zahlen gabs dafür früher überhaupt keine, und heute versucht Transparency International, die corrupçao em den ländern zu messen (und se zu bekämpfen), da is aba Brasil im oberen mittelfeld: ein drittel da länder sind weniger corrupt, zwei drittel corrupta – die regel lautet, je reicher das land, desto weniger corrupçao, und sou reflecte das land seine posiçao econômica – eigentlich is es sogar etwas weniger corrupt als seine posiciao im prokopf-einkommen erwarten lassen würde. Und vas ma sou an zalen für hospitais, scholes und strades há: alles deutlich besser als vor 20 oder 30 jaren. Da müssen die vilen statisticos, die vas contra das governo haben, sich vas einfallen lassen: das is zum exempel der vergleich mit ländern vie die Schuiça, Alemanha oder France, und da schneidet Brasil mau ab. Ma vergleicht es nur nich mit solchen ländern wenn es zum exempel um waxtum get, da nimmt ma liba die andren BRIC-ländern, sou das Brasil vida mau abschneidet. Wenn ma waxtum mit da Schuiça und prokopf-einkommen mit China oder India vergleichen würde, dann stünde Brasil in beiden vergleichen blendend da, aba das is eben nich der sinn der übung.

Clar gab es und gibt es corrupcion in Brasil, und die FIFA is kein knabencor. Naturlich is es nich schlecht, wenn ma dagegen protestie. Aba für die stadien wurden etwas weniger als 3 miliarden dollar ausgegeben, für die gesundheit im gleichen zeitraum um die 600 miliarden. Das heisst, wenn kein stadion gebaut worden vär und das geld für hospitäler ausgegeben worden vär, würde das eine verbesserung von 0,5% in der gesundheit bedeuten. Wenn die leuti nich merken, das die lebenserwart in Brasil sich um über 10% verbessert ha, vie sollen sie eine 0,5%-ige verbesserung merken?

Ich sag ja dauernd: wenn dise brasili meinen, alle brasiliano politikis sind corrupt, könnte ma den presidenten autsorsen und jemand aus eim corruptionsfreien land nemen, zum beispil den Sepp Blatter.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Fernanda Brandão, Strand, Caipirinha, Samba, mit dem Po wackeln… Wollen die Deutschen das wirklich sehen? Oder liegt hier ein schreckliches Mißverständnis vor?

Zé do Rock: Wenn ma bei die deutshe mann das wort „brasilianerin“ erwänt, kriegt er gleich ein ständer. So schön und so leicht verfügbar sind sie… dabei gibt es vile milionen ser hässliche brasilas, und auch vile conservativas, für die sex vor der ee tabu is…

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Erlaubt die Berichterstattung zu Land und Leuten in Brasilien Rückschlüsse über die Psyche der Deutschen? Welche Rückschlüsse?

Zé do Rock: Ich wüsste von nix, was die deutshe presse von der press in andren ländern der welt unterscheidet, zumindest nich, was die berichterstattung über Brasil betrifft. Die internacionale presse bestätigt die clischees – da is man als journalist immer auf der sicheren seite, und muss keine beweise vorlegen. Und clar, es gibt journalis, die gut recherchiren und diferenziert schreiben, aber vile sind zum ersten mal im land, manche wissen kaum, das die sprach in Brasil nich espanian is.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wird sich das Bild Brasiliens und der Brasilianer in Deutschland nach der WM verändern? Wenn ja, wie?

Zé do Rock: Der mensch is ein herdentir, und als solches beweegt er sich nich nur mit der herde, sondern er muss auch mit der herde denken, damit er sich besser mit der herde bewegen kann. Sonst wird er leicht totgetrampelt. Und die comunicacion unter der herde muss einfach sein, praktisch digital: schön oder hässlich, gut oder schlecht, grosz oder klein, arm oder reich. Und das wird sich in den näxten jarzehnten, vileicht jarhunderten, vileicht sogar jartausenden kaum ändern. Hat für die gruppe sicher seine vorteile, aber auch seine nachteile.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Vielen Dank für das Gespräch!

Hier die offizielle Homepage von Zé do Rock

Information zum Film „Schroeder liegt in Brasilien“:

Und so beschreibt Zé do Rock sich selbst:

Zé do Rock is vor verdammt langa zait in Brasilien geboren, hat 14630 tage gelebt, 1357 liter alkohol gesoffen, 940 stunden flöte und 648 stunden fussball gespielt, 200.000 km in 1457 autos, flugzeugen, shiffen, zügen, oxenkarren und traktoren getrempt, 135 lenda und 16 gefengnisse besucht, sich 8 mal ferlibt, 2 filme gedreet, aine kunstsprache erfunden, merere ferainfachte deutsh-varianten kreirt, 5 bücha gesriben, hat nix studirt und lebt noch hoite, maistens zwishen Stuttgart und Mynchen.

P.S.:

Heute findet das Auftaktspiel der Deutschen Nationalmannschaft statt. Der Gegner heißt Portugal. Antonio Cascais empfiehlt zur Einstimmung folgendes Video, dass im November 2012 in Portugal produziert wurde. Es soll den Deutschen die dramatischen Folgen der Sparpolitik in Portugal zeigen.

Angela Merkels Regierung soll damals dafür gesorgt haben, dass das Video nicht in Deutschland öffentlich gezeigt wird. Die Ausstrahlung wurde in Deutschland „aus politischen Gründen“ abgelehnt. Gegen diese Entscheidung hat der Initiator des Films, der ehemalige Chef der portugiesischen Sozialdemokraten (PSD) und Ex-Minister, Marcelo Rebelo de Sousa, damals offiziell beim deutschen Botschafter in Lissabon protestiert.

Teil 1: Die Revolution hat in Brasilien Feuer gefangen

Teil 2: Brasilien: Künstler protestieren gegen die Fußball-WM

Teil 3: Brasilien: Von der Fußball-WM profitieren Konzerne, Politiker und Banken

Teil 4: Weltmeister: Deutsche Waffen-Industrie verdient prächtig mit der Fußball-WM

Teil 5: Brasilien: Staudamm-Bau mit Methoden einer Militär-Diktatur

Teil 6: Wer ist die rätselhafte Dilma Rouseff?

Teil 7: Brasilien: Straßenkinder passen nicht ins Bild der WM – und verschwinden

Teil 8: Der ganz andere WM-Song:  „Öffnet eure Augen, Brüder / die FIFA greift in unsere Taschen“

Teil 9: Brasilien: Fifa unterstützt Projekte gegen Kinderprostitution nicht

Teil 10: Lage in São Paulo eskaliert: Polzei knüppelt streikende U-Bahn-Fahrer nieder

Teil 11: Der Schwarze Block will marschieren: „20 Prozent der Brasilianer sind gegen die WM“

Teil 12: Korruption bei der Fifa: „Wer einmal die Hand aufhält, versucht es auch ein zweites Mal“

Teil 13: Brasilianischer Fußball: Der lange Weg zur Vielfalt der Kulturen

Teil 14: Fußball: „Für die Brasilianer ist die Fifa so böse wie der IWF“

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