Zeitungsverleger wollen mehr Geld von der Bundesregierung

Die Zeitungsverleger betrachte ihre Produkte als "sensible Kultur- und Wirtschaftsgüter" und fordern, dass sie auch über Jahre von der Bundesregierung subventioniert werden. Auch auf europäischer Ebene rufen die einstigen Hüter der Idee vom freien Markt nach staatlichen Interventionen: Die EU-Kommission solle Google stoppen. Im ersten Quartal haben die Zeitungen 700.000 Käufer verloren. Der Verlegerverband BDZV sieht die Zeitungen dennoch auf einem guten Weg.

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Pressemitteilung des BDZV im Wortlaut:

Im Zentrum der Verlagsstrategien stehe die Weiterentwicklung der Zeitung in all ihren Ausprägungen, erläuterte BDZV-Hauptgeschäftsführer Dietmar Wolff. Dabei eröffneten die digitalen Technologien neue Möglichkeiten, Inhalte zu präsentieren. Von der klassischen gedruckten Zeitung über E-Paper, Apps für Smartphones und Tablets, stationäre und mobile Webseiten bis zu Social-Media-Kanälen wie Facebook und Twitter reiche das publizistische Angebot. Bei der dringend notwendigen Übertragung der Bezahlkultur aus der gedruckten in die digitale Zeitungswelt seien die Verlage auf einem guten Weg. Wolff führte aus, dass die Zeitunghäuser „so mutig und innovativ“ seien wie nie zuvor und noch stärker als bisher neue digitale Inhalte und auch Dienstleistungen anböten. Dabei gebe es keine Patentrezepte. „Jedes Unternehmen muss für sich herausfinden, was die Kunden wollen und was zur eigenen Marke passt.“ Die Erweiterung der unternehmerischen Aktivitäten sei bei den Verlagen gelernt, so Wolff mit Hinweis auf die Beteiligungen bei Radio und TV, bei Anzeigenblättern, Direktverteilern und Postdienstleistern. Vor diesem Hintergrund sei es nur konsequent, wenn Regionalverlage sich heute auch an Start-up-Unternehmen beteiligten.

„Die Zeitung in all ihren Spielarten und in einem hoch diversifizierten Informations- und Serviceangebot ist das Leitmedium Deutschlands“, stellte Wolff fest. In der Leseranalyse Entscheidungsträger LAE 2014 hätten die Zeitungstitel allesamt zugelegt. Wer mitgestalten wolle, brauche die Zeitung. Laut einer vor wenigen Wochen vorgestellten Studie der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) habe die Bedeutung des Mediums für die Meinungsbildung noch zugenommen, während TV in dieser Disziplin an Relevanz verloren habe. Das Allensbacher Institut für Demoskopie habe der Zeitung einmal mehr ihre starke Verwurzelung im Lokalen bestätigt: 86 Prozent der Zeitungsleser interessierten sich vor allem für die Berichterstattung aus dem unmittelbaren Lebensumfeld. Danach folgten – noch vor dem Sport – innen- und außenpolitische Themen. „Professionalität und Glaubwürdigkeit sind unsere Assets, das zieht sich wie ein roter Faden durch die Studien.“ Selbst die Zwölf- bis 19-Jährigen attestierten laut JIM-Studie der Zeitung die höchste Glaubwürdigkeit, ergänzte Wolff.

In der immer stärker fragmentierten Medienwelt sei die Zeitung der Kommunikationsriese, der täglich mit einem Massenpublikum intensiv kommuniziere. Die Zeitungsmarken erreichten über alle Ausspielkanäle hinweg mehr als 57 Millionen Menschen in Deutschland. 81 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung seien Zeitungsleser – auf Papier, auf PCs und Tabletcomputern, auf Smartphones. „Zwar verlieren wir leider an gedruckter Auflage, doch über die digitalen Kanäle legen die Verlage enorm zu“, betonte Wolff. Letztlich sei es irrelevant, wie Informationen und Meinungen das Publikum erreichten, wenn die Qualität stimme, die Ansprüche und Wünsche der Kunden erfüllt würden und das Geschäftsmodell funktioniere.

Entscheidend für die erfolgreiche Entwicklung der Zeitungsbranche seien auch gute wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen, führte der BDZV-Hauptgeschäftsführer weiter aus. Aufgrund der zum Teil erheblichen Unterschiede in den regionalen Wirtschaftsräumen sei die Lage der Zeitungsbranche recht heterogen. „Es gibt unter den 329 Zeitungsverlagen in Deutschland Häuser, bei denen die Geschäfte gut laufen, aber es gibt auch Unternehmen, die müssen Tag für Tag aufs Neue im Markt kämpfen“, so Wolff.

Politische Bilanz

Beim Thema Mindestlohn begrüßte der BDZV zwar, dass eine Sonderregelung für den Zeitungsvertrieb grundsätzlich für notwendig erachtet wurde. Die beschlossene Übergangszeit von zwei Jahren greife jedoch mit Blick auf die dann dauerhaften Mehrbelastungen für die Verlage zu kurz. „Hier muss das Gesetz spätestens in zwei Jahren nachgebessert werden“, forderte der BDZV-Hauptgeschäftsführer.

Einverstanden gewesen wäre der BDZV mit dem ursprünglichen Vorschlag von Bundesarbeitsministerin Nahles. Darin war ein Mindestlohn für geringfügig beschäftigte Zeitungszusteller in Höhe von netto 8,50 Euro ab Januar 2015 sowie eine fünfjährige teilweise Entlastung bei den Sozialabgaben für die Verlagshäuser vorgesehen. „Frau Nahles hatte eine Lösung gefunden, die sowohl den Erwartungen der Zusteller als auch der wirtschaftlichen Situation der Verlage gerecht geworden wäre“, betonte Wolff. Umso irritierender sei es, dass dieser ausgewogene Vorschlag der zuständigen Fachministerin nicht die Zustimmung in den Bundestagsfraktionen erhalten habe. „Uns ist schleierhaft, warum das Ergebnis einer monatelangen Prüfung durch das Ministerium von den Abgeordneten nicht anerkannt wurde“, kritisierte Wolff. Wer in letzter Minute eine solche Kehrtwende ohne sachlich zwingenden Grund vollziehe, der mache sich unglaubwürdig.

Der Mindestlohn sei ein Beispiel dafür, dass das sensible Kultur- und Wirtschaftsgut Presse bei Gesetzesvorhaben immer wieder Kollateralschäden davontrage, obgleich es gar nicht im Fokus des Gesetzgebers stehe. Um dies zu vermeiden, sollte so rasch wie möglich jede neue Gesetzesinitiative daraufhin geprüft werden, welche Auswirkungen für die Presse zu erwarten seien. „Wenn es der Politik ernst ist mit der Erhaltung einer funktionierenden Presse in Deutschland, dann ist eine umfassende Folgenabschätzung überfällig“, stellte der BDZV-Hauptgeschäftsführer fest.

Im Zusammenhang der breiten öffentlichen Diskussion und der Kritik an dem Unternehmen Google begrüßte Wolff die kritische Sicht der Bundesregierung auf die Marktmacht des amerikanischen Kommunikationskonzerns in Deutschland. Der BDZV habe diese Debatte bereits vor drei Jahren angestoßen. „Die Bundesregierung hat erkannt, welch gigantische Verschiebungen im Markt digitale Megaplayer wie Google, Amazon und Facebook bereits herbeigeführt haben. Jetzt ist Handeln gefordert.“ Kritisch äußerte sich der BDZV-Hauptgeschäftsführer zu dem langwierigen Kartellverfahren der deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenverleger gegen Google auf europäischer Ebene: Der zuständige EU-Kommissar Joaquín Almunia habe bisher nichts im Sinne der Presse bewegt. Das Verfahren laufe bereits seit zwei Jahren und Google baue seine Quasi-Monopolstellung im Markt der Suchmaschinen weiter aus. „Ein klares Wort aus Brüssel zu unserem Anspruch auf eine faire Suche und zum wettbewerbswidrigen Verhalten von Google ist überfällig“, so Wolff.

Der BDZV erneuerte seinen Appell an den Gesetzgeber, den reduzierten Mehrwertsteuersatz endlich auf die elektronischen Angebote der Zeitung auszudehnen. Dass für die Lektüre von politischer Information überhaupt eine Steuer gezahlt werden müsse, sei nicht vermittelbar, zumal es innerhalb der EU Länder mit dem Mehrwertsteuersatz null gebe, so Wolff. Doch geradezu grotesk sei es, die Nutzung von Informationen auf einem Smartphone oder einem PC steuerlich anders zu behandeln als auf Papier.

Beim Thema Datenschutz rief der BDZV die Politik auf, die besondere Betroffenheit der Presse im Auge zu behalten. Die Verlage bekennten sich zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit Daten. Dies gelte für den Datenschutz in Redaktionen ebenso wie beim Pressevertrieb. Es sei allerdings wirklichkeitsfern anzunehmen, der Vertrieb von Presseprodukten sei ohne Nutzerdaten überhaupt möglich. Der Gesetzgeber müsse anerkennen, dass immer mehr Kunden individualisierte Informations- und Serviceangebote wünschten.

Digitales Wachstum

Die Zeitungen hätten das größte Angebot im Internet, stellte Hans-Joachim Fuhrmann, Leiter Kommunikation + Multimedia, fest. Jeden Monat erreichten sie mit ihren Online-Inhalten 31 Millionen Leser (Unique User), jede Woche 17,5 Millionen. Dies entspreche 44 Prozent der Bevölkerung. Damit lägen die Zeitungen vor den Portalen T-Online und eBay. Von den 14- bis 29-Jährigen besuchten 67 Prozent (9,9 Millionen) regelmäßig die Webangebote der Zeitungen.

Zur Entwicklung von Paid Content führte Fuhrmann aus, dass derzeit 79 Verlage Bezahlmodelle im Netz hätten. Bis Ende des Jahres werde man 100 erreichen. Die meisten Nutzer entschieden sich auch im Netz für ein Abonnement, das im Schnitt acht Euro koste. Daneben böten viele Verlage zusätzlich Tagespässe, die durchschnittlich 1,10 Euro kosteten. In der Zeitungsbranche bestehe Konsens, die Angebote nicht mehr komplett gratis zu machen. Inzwischen gebe es auch eine gelebte Bezahlkultur im Netz. Die Nutzer akzeptierten, für Spiele, Musik, Videos und auch Zeitungsinformationen zu bezahlen. 25 Prozent aller Internetnutzer gäben bereits Geld für digitale journalistische Inhalte aus.

Neben den Webseiten entwickelten die Verlage intensiv Apps für Smartphones und Tablets. Mittlerweile würden 530 Apps (Juli 2013: 450) angeboten. Die meisten orientierten sich stark an klassischen Zeitungsinhalten und folgten damit dem gelernten Nutzungsverhalten der Leser.

Auflagenentwicklung, Vertriebs- und Anzeigengeschäft

Von einem anhaltenden Boom beim Verkauf von E-Paper-Ausgaben berichtete Jörg Laskowski, Geschäftsführer Verlagswirtschaft. Im Vergleich zum Vorjahr (1. Quartal) sei die Auflage um 64 Prozent auf 560.000 Exemplare gestiegen (2013: 340.000). Grund für den weiter steigenden Verkauf sei die anhaltende Verbreitung von Tablets und Smartphones, auf denen die Zeitungsausgaben komfortabel gelesen werden könnten. Laskowski räumte ein, dass E-Paper die Auflagenverluste bei der gedruckten Zeitung freilich nicht ausgleichen könne. Die Gesamtauflage ging im ersten Quartal 2014 von 22,23 Millionen Exemplaren auf 21,51 zurück (-3,23 Prozent). Die Tageszeitungen setzten 16,99 Mio. Exemplare ab (-3,39). Die Auflage der Wochenzeitungen blieb mit 1,74 Mio. Exemplaren stabil (-0,2). Die regionalen Abo-Zeitungen kamen auf 12,68 Mio. Exemplare (-2,76), überregionale Blätter auf 1,19 Mio. (-5,58), Straßenverkaufszeitungen auf 3,11 Mio. (-5,07) sowie Sonntagszeitungen auf 2,78 Mio. (-4,07). In Deutschland erscheinen 329 Tageszeitungen mit über 1.500 lokalen Ausgaben. Damit habe Deutschland eine der vielfältigsten Zeitungslandschaften der Welt und den größten Zeitungsmarkt in Europa.

In seinem Bericht über die Geschäftsentwicklung 2013 stellte Laskowski fest, dass die Vertriebserlöse nach wie vor recht stabil seien (-0,4 Prozent), dagegen die Anzeigen- und Beilagenumsätze erheblich eingebüßt hätten (-9,9 Prozent). Damit sei der Gesamtumsatz im Vorjahresvergleich von 8,23 Milliarden Euro auf 7,87 Mrd. (-4,4 Prozent) zurückgegangen. Der Gesamtumsatz (Tages-, Wochen-, Sonntagszeitungen und Supplements) setzt sich zusammen aus 3,43 Mrd. Euro Anzeigen und Beilagen, 4,69 Mrd. Vertrieb und 79,3 Mio. Supplements. Die Tageszeitungen kamen auf einen Gesamtumsatz von 7,4 Mrd. (-4,2 Prozent). Dabei entfielen 2,9 Mrd. (-9,7 Prozent) auf Anzeigen und Beilagen sowie 4,5 Mrd. auf den Vertrieb. Wochen- und Sonntagszeitungen machten einen Gesamtumsatz von 383 Mio. (-7,5 Prozent). Laskowski hob hervor, dass 94,1 Prozent der Vertriebsumsätze im Abonnement erreicht würden. Lediglich 5,2 Prozent kämen aus dem Einzelverkauf, 0,7 Prozent seien sonstige Verkäufe. Im Anzeigengeschäft komme das Gros der Umsätze nach wie vor aus dem lokalen Markt (30 Prozent), gefolgt von Stellenanzeigen (18 Prozent) sowie Markenartikel/Markenwerbung/ Großformen des Handels mit 15 Prozent.

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