Tausende Palästinenser auf der Flucht: Hamas fordert Zivilisten zum Bleiben auf

Wegen der massiven Bodenoffensive der israelischen Armee im Gazstreifen sind tausende Zivilisten auf der Flucht. Die Hamas hat die Bewohner aufgefordert, ihre Wohngebiete nicht zu verlassen. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon fordert einen sofortigen Waffenstillstand.

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Israel weitet seine Bodenoffensive im Gazastreifen aus. Bei dem folgenschwersten Angriff seit Beginn des Einmarsches vor drei Tagen kamen am Sonntag nach palästinensischen Angaben mindestens 50 Menschen ums Leben. 400 Menschen seien im nordöstlichen Stadtviertel Schedschaia verletzt worden, teilten Sanitäter mit. Viele Bewohner flohen in ein mit Verletzten überfülltes Krankenhaus. Bei den seit insgesamt 13 Tagen andauernden Gefechten wurden nach palästinensischen Angaben mindestens 370 Palästinenser getötet. Auf israelischer Seite wurden zwei Zivilisten und fünf Soldaten getötet. Die Arabische Liga erklärte, sie betrachte das Vorgehen Israels im Gazastreifen als Kriegsverbrechen. In Europa demonstrierten Tausende Menschen gegen die israelische Militäraktion. In Paris lieferte sich die Polizei Straßenschlachten mit Demonstranten. Es kam zu zahlreichen antisemitischen Ausfällen. In der Londoner Innenstadt nahmen Tausende friedlich an einem Protestmarsch teil.

Auch in Berlin berichten jüdische Organisationen von antisemitischen Ausfällen am Rande von Demonstrationen.

Der bewaffnete Arm der militanten Palästinensergruppe Hamas hat nach eigenen Angaben während der Kämpfe im Gazastreifen einen israelischen Soldaten gefangen genommen. Ein maskiertes Mitglied der Kassam-Brigaden sagte im Hamas-TV am Sonntagabend, der Soldat sei in der Gewalt der Organisation. Israel wollte sich dazu zunächst nicht äußern.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat im Gaza-Konflikt eine sofortige Feuerpause gefordert. Die israelische Militäroffensive sei eine „scheußliche Tat“, sagte Ban am Sonntag in Doha. „Die Gewalt muss aufhören.“ Der UN-Generalsekretär war in die Hauptstadt Katars gereist, um in Gesprächen mit den Konfliktparteien eine Waffenruhe zu erreichen. Diplomatische Bemühungen unter anderem von Ägypten, Katar, Frankreich und den Vereinten Nationen um ein Ende der Gewalt waren am Wochenende zunächst erfolglos geblieben. Israel hatte am Wochenende seine Bodenoffensive im Gazastreifen ausgeweitet. Dabei kamen am Sonntag nach palästinensischen Angaben mindestens 60 Palästinenser ums Leben. Bei Angriffen der Hamas auf israelische Truppen im Gazastreifen wurden nach Militärangaben 13 Soldaten getötet.

Tausende Bewohner flohen nach Beginn des Panzerbeschusses aus dem Stadtviertel. Manche zu Fuß, manche auf Lastwagen, manche auf den Motorhauben von Autos. Das Haus des führenden Hamas-Vertreters Chalil al-Haja sei aus der Luft getroffen worden, sagten Krankenhausvertreter. Dabei seien dessen Sohn und Schwiegertochter sowie zwei Enkel getötet worden. Auf Bitten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz verkündete Israel für den Nachmittag eine zweistündige humanitäre Feuerpause. Kurz darauf hob Israel sie wieder mit der Begründung auf, die Hamas habe sie gebrochen.

Angesprochen auf den Angriff sagte eine israelische Militärsprecherin, die Bewohner des betroffenen Bezirks seien vor zwei Tagen gewarnt worden, das Gebiet zu verlassen, um ihr Leben zu schützen. Die Hamas wiederum appellierte an die Bewohner, der israelischen Aufforderung nicht Folge zu leisten.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu warf der Hamas vor, Zivilisten im Gazastreifen als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen. Die Armee greife militärische Ziele an. Dass es dabei manchmal auch Opfer unter Zivilisten gebe, bedauere Israel, sagte Netanjahu dem US-Fernsehsender CNN. Einen Zeitrahmen für den Militäreinsatz nannte Netanjahu nicht. Die Aktion zur Zerstörung der Tunnel werde „ziemlich schnell“ erledigt sein, sagte er nur.

Israel hatte seine Bodenoffensive am Donnerstag gestartet, nachdem ein zehntägiger Beschuss aus der Luft und vom Meer aus keinen durchschlagenden Erfolg brachte. Ziel der Offensive ist es, den Beschuss Israels mit Raketen zu stoppen und ein weit verzweigtes Tunnelnetzwerk der Extremisten zu zerstören. Im Süden Israels und in Tel Aviv heulten am Sonntag wieder Sirenen, die vor Raketenangriffen warnen. Nach israelischen Angaben wurden bislang 1700 Raketen auf das Land abgefeuert. Die meisten werden jedoch vom Abwehrsystem „Iron Dome“ abgefangen.

US-Außenminister John Kerry bekräftigte, Israel habe ein Recht zur Selbstverteidigung. Die USA unterstützen die Bemühungen Israels, die von der Hamas zu Angriffen auf Israel genutzten Tunnel zu zerstören, und sich vor Raketen der Extremisten zu schützen. Er appellierte an die Vernunft der Hamas. Sie sollte einem Waffenstillstand zustimmen und auf diese Weise Leben retten, sagte Kerry im Fernsehsender Fox.

Diplomatische Bemühungen unter anderem von Ägypten, Katar, Frankreich und den Vereinten Nationen um ein Ende der Gewalt blieben zunächst erfolglos. In Doha sollten nach Angaben Katars am Sonntag Abbas und UN-Generalsekretär Ban Ki Moon über die Lage beraten. Anschließend werde Abbas auch mit Hamas-Chef Chaled Meschaal zusammentreffen. Katar habe der internationalen Gemeinschaft eine Forderungsliste der Hamas übermittelt, die in der abgelaufenen Woche eine von Ägypten vorgeschlagene Feuerpause abgelehnt hatte. Zu den Forderungen gehörten eine Gefangenenfreilassung, die Öffnung der Grenzen und ein Ende der Seeblockade des Gazastreifens durch Israel.

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