Amerika ist geschwächt und kann Zerfall von Staaten nicht verhindern

Die USA verlieren ihre dominante Rolle in der Welt. Sogar die renommierte Carnegie-Stiftung beobachtet, dass sich immer weniger regionale Mächte an die Spielregeln der Amerikaner halten. Sie können sich mit vergleichsweise einfachen Mitteln den US-Interessen widersetzen. Daher erscheint es den Experten auch unwahrscheinlich, dass die Russen in der Ukraine einmarschieren werden: Sie könne ihre langfristigen Ziele dort anders erreichen. Das Bild der USA als Weltpolizist hat ausgedient.

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Ukraine, Gaza, Irak und Syrien – wer bewaffnete Konflikte entschärfen will, weiß derzeit kaum, an welchen Brandherd er zuerst eilen soll. Doch hat die Zahl der Krisen tatsächlich zugenommen oder kommt uns das vielleicht nur so vor, weil sich einige in relativer Nähe zu Deutschland abspielen?

«Die Zahl der bewaffneten Konflikte hat seit dem Ende des Kalten Krieges nicht zugenommen», sagte der Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik (Baks), Hans-Dieter Heumann, der dpa. Gestiegen sei jedoch die Zahl der «instabilen und zerfallenden Staaten». Dazu zählt er unter anderem Somalia, Libyen und Mali.

«In Nahost und Nordafrika beobachten wir im Moment die Auflösung einer instabilen Ordnung, die nach dem Ersten Weltkrieg entstanden war», stellt Heumann fest. Der Konflikt zwischen sunnitischen und schiitischen Muslimen, der auch von Regionalmächten wie Katar, Saudi-Arabien und Iran befeuert werde, könne langfristig sogar zu einer Verschiebung von Staatsgrenzen in der Region führen.

«Fällt die Welt auseinander?», fragte die Carnegie-Stiftung für Internationalen Frieden kürzlich in einer Diskussion. Die Antwort des von der Stiftung befragten Experten Thomas Carothers deutet darauf hin, dass die Amerikaner ihre dominante Rolle in der Weltpolitik verlieren. Carothers beobachtet seit Beginn dieses Jahres eine «Kaskade der Krisen». Grund dafür ist ihrer Ansicht nach auch die Tatsache, dass die USA dabei sind, sich von ihrer Rolle als Weltmacht zu verabschieden.

So gerne die Amerikaner früher die Rolle des Weltpolizisten gegeben haben: Heute fällt es ihnen schwerer – nicht zuletzt, weil die Lage im eigenen Land alles andere als stabil ist. Die Ausschreitungen in Ferguson haben gezeigt, dass sich Washington auf bürgerkriegsähnliche Zustände einstellt: Polizei und Militär traten den eigenen Bürgern gegenüber wie eine fremde Macht einem zu einem Kolonial-Volk.

Die unentschlossene Haltung der USA werde von nichtstaatlichen Akteuren wie Al-Kaida oder der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) genauso registriert wie von verschiedenen Regionalmächten. Das Ergebnis sei eine Streuung der Macht in der Welt. «Durch eine derartige Streuung werden sich die Ursachen für gewaltsame Konflikte in der Welt vervielfachen», warnt die US-Stiftung, die natürlich ein Interesse an der Dominanz der Amerikaner hat.

Doch tatsächlich könnten viele Drohgebärden ohne Folgen bleiben: Andrew S. Weiss analysiert, warum Russland kein Interesse an einer Invasion in der Ukraine habe: Die Russen könnten ihre Interessen viel einfacher durchsetzen, auch in Zusammenarbeit mit dem neuen ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko. Dieser wolle den Krieg beenden, weil er den wirtschaftliche Kollaps der Ukraine zu Folge haben werde. Weiss bringt noch einen anderen, interessanten Gedanken in die Diskussion ein: Putin habe kein Interesse, die Söldner, die die Russen in die Ukraine abkommandiert hätten, zurück auf russischem Boden zu sehen. Sie könnten Russland destabilisieren und somit Putin selbst gefährlich werden, weshalb Putins Interesse darin bestehen könnte, die Kämpfer auf ukrainischem Territorium zu halten.

Auch die Hilfsorganisationen spüren die Ergebnisse dieses Zerfallsprozesses bereits. «Die Vielzahl der derzeitigen Konflikte bringt uns als Hilfsorganisationen und unsere Mitarbeiter besonders in den Krisenländern an unsere Grenzen», sagte der Vorstandsvorsitzende von World Vision, Christoph Waffenschmidt, kürzlich bei der Vorstellung der Jahresbilanz seiner Organisation.

Im aktuellen Welt-Friedens-Index des in New York und Sydney ansässigen Instituts für Wirtschaft und Frieden (IEP) bildet das Bürgerkriegsland Syrien auf Platz 162 derzeit das Schlusslicht. Als extrem «unfriedlich» identifizierten die Forscher auch Afghanistan, den Irak, Somalia und den Südsudan.

Zu den aufstrebenden Mächten zählt der Baks-Präsident aktuell nicht nur China, sondern auch den Iran. Die Türkei dagegen «wurde in ihren außenpolitischen Möglichkeiten überschätzt», sagt Heumann. Allerdings könnte die Türkei ein wichtige Rolle bei der Verschiebung der Machtverhältnisse spielen. Ihre jüngste Zuwendung zu Russland ist ein Indikator, den die geopolitischen Akteure in Washington sehr wohl registriert haben.

Die Krise in der Ost-Ukraine wird das Verhältnis zwischen den EU-Staaten und Russland seiner Ansicht nach zwar nachhaltig verändern: «Ein neuer Kalter Krieg in Europa droht aber nicht.»

Ein weiterer Grund dafür, dass viele Menschen heute das Gefühl haben, die Zahl der bewaffneten Konflikte habe weltweit zugenommen, sind die vielen Bilder aus dem Krieg. Die Videoaufnahmen von der Rettung der verzweifelten Jesiden im Irak konnte diesen Monat jeder, den es interessiert, im Internet anschauen. Als die irakische Luftwaffe im März 1988 die kurdische Stadt Halabdscha mit Giftgas bombardierte, dauerte es Wochen bis die ersten verwackelten Fotos der Opfer einer breiteren Öffentlichkeit bekanntwurden.

Wieweit diese Bilder allerdings die Wahrheit abbilden, ist faktisch nicht mehr festzustellen. Doch auch gerade die Möglichkeit von Terroristen oder Geheimdiensten, mit Bildern für Verwirrung zu sorgen, stärkt die Amerikaner nicht, sondern untergräbt ihre Autorität als die einzige verbliebene Weltmacht.

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