Orthodoxer Patriarch von Kiew: „Putin ist vom Satan erfasst worden“

Der orthodoxe Patriarch von Kiew hat Wladimir Putin als „Lügner und Mörder“ bezeichnet. Im theologischen Sinne sei der „Teufel“ der „Vater“ Putins. Der Brief wirft ein grelles Licht auf den Krieg der Religionen – in diesem Fall einen Bruderkrieg innerhalb der orthodoxen Staatskirchen der Ukraine und Russlands.

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Der Patriarch der ukrainisch-orthodoxen Kirche, Filaret II., hier mit US-Außenminister John Kerry, beim Gedenken an die Maidan-Opfer, im März 2014. (Foto: Getty Images)

Der Patriarch der ukrainisch-orthodoxen Kirche, Filaret II., hier mit US-Außenminister John Kerry, beim Gedenken an die Maidan-Opfer, im März 2014. (Foto: Getty Images)

Der orthodoxe Patriarch der Ukraine, Filaret, hat den russischen Präsidenten Wladimir Putin in einer Botschaft als „Lügner und Mörder“ bezeichnet. Als solcher sei „der Teufel sein Vater“, weil Lüge und Mord die Wesensmerkmale des Teufels seien. Ohne ihn beim Namen zu nennen, schreibt Filaret, dass Putin vom Satan erfasst worden“ sei. Das sei besonders schlimm, weil Putin ein getaufter orthodoxer Christ sei. Putin wolle die Unabhängigkeit der Ukraine als selbständigen Staat zerstören.

Filaret nannte Putin einen neuen „Kain“ – nach dem biblischen Brudermörder, der seinen unschuldigen Bruder Abel ermordet hatte. Der Patriarch überzieht Putin noch mit einigen alttestamentarischen Verwünschungen, die er auch auf Englisch in einer Stellungnahme veröffentlicht hat. Die wörtliche Anwendung des Alten Testaments erinnert an den Umgang der radikalen Islamisten mit dem Koran.

Die orthodoxe Kirche der Ukraine hat sich nach dem Ende der Sowjetunion in zwei rivalisierende Gruppen gespalten. Die Gruppe von Filaret heißt heute Ukrainisch-Orthodoxe Kirche – Patriarchat Kiew. Sie ist seit 1990 mit der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche – Moskauer Patriarchat verfeindet, nicht zuletzt, weil keine andere orthodoxe Kirche sie anerkennt. Daher hat die Schmähung Putins auch einen kirchenpolitischen Hintergrund und folgerichtig bezeichnet Filaret den russisch – orthodoxen Patriarchen als einen Handlanger Putins.

Die orthodoxen Kirchen sind Staatskirchen, die sehr eng mit dem politischen Establishment verflochten sind. In Griechenland waren sogar die als untadelig geltenden Mönche vom Berg Athos in den Strudel der Politik geraten – wegen eines umstrittenen Immobilien-Deals zu Lasten der Steuerzahler, wie Kathimerini berichtete. Ein Gerücht, dass sich der aus dem Amt gejagte ukrainische Staatspräsident Viktor Janukowitsch auf dem Heiligen Berg versteckt halten solle, um nicht an das Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag ausgeliefert zu werden, wurde von den orthodoxen Mönchen dementiert.

Der Kiewer Patriarch spielt allerdings eine Sonderrolle: Er stammt aus dem Donbass und hat lange für die Einheit der russisch-orthodoxen Kirche gekämpft. Bei der Volksabstimmung über den Erhalt der UdSSR rief er seine Landsleute auf, für die Weiterführung der Sowjetunion zu stimmen. Als sich die Ukraine schließlich abspaltete, wurde Filaret, der mit bürgerlichem Namen Mychajlo Antonowytsch Denyssenko heißt, zum entschiedenen Gegner Russlands. Er versuchte, seine Kirche durch auswärtiges Personal zu stärken, was ihm die Exkommunikation des Moskauer Patriarchats eintrug.

Die Religion spielt auch bei den Rebellen in der Ost-Ukraine eine Rolle. Unter dem Titel „Unheilige Gotteskrieger“ beschreibt das ökumenische Schweizer Religionsportal kirchen.ch die „Russisch orthodoxe Armee“, die sich als Splittergruppe unter den Rebellen gebildet hatte:

Unter den Separatisten in der Ostukraine gibt es zahlreiche, die sich als dezidiert orthodox bezeichnen und ihren bewaffneten Kampf religiös verbrämen.

Als wichtigste Gruppierung gilt die sog. Russische orthodoxe Armee (Russkaja pravoslavnaja Armija, RPA). Die Ukrainische Orthodoxe Kirche–Moskauer Patriarchat (UOK–MP) hat sich allerdings klar von den selbst ernannten Gotteskriegern distanziert. „Die Russische Orthodoxe Kirche hat der RPA keinen Segen erteilt, für die Russische Welt (russkij mir) zu kämpfen“, erklärte Erzpriester Georgij Kovalenko, Leiter der Synodalen Informationsabteilung der UOK–MP, am 17. Juni. „Die Kirche verurteilt die sog. ‚politische Orthodoxie‘, die sich in ihrem Kampf für irdische Ziele religiöser Rhetorik und Symbolik bedient.“ Erzbischof Luka (Kovalenko) von Saporischja und Melitopol warnte in einem Hirtenbrief vor der RPA und erklärte, die Kirche verweigere ihren Segen für einen allfälligen Beitritt ihrer Gläubigen zu derartigen Verbänden.

Valentin Nalivajtschenko, der Chef des ukrainischen Inlandgeheimdienstes charakterisierte die RPA folgendermaßen: „Diese bewaffneten Einheiten … handeln aus ideologischen Beweggründen. […] Ihre Anführer und deren engstes Umfeld sind von der Ideologie des eurasischen Fundamentalismus groß gezogen und vergiftet worden. Das Gefährliche daran ist, dass sie u. a. auf einer neuen Welle von Orthodoxie beruht und als solche proklamiert wird – dem orthodoxen Fundamentalismus. In meinen Augen geht von ihm größte Gefahr aus, denn er hat sich in den Köpfen derer eingenistet, die diesen Krieg gegen die Ukraine führen, [Kämpfer] herschicken und ihn ideologisch untermauern.“

Anders als die vom Westen durchaus hofierte Julia Timoschenko, die Wladimir Putin einen „Dreckskerl“ genannt hatte und meinte, man müsse ihm eine „Kugel in den Kopf jagen“, hält der ukrainische Patriarch eine Umkehr Putins immer noch für möglich: Dazu müsse er jedoch „aufhören, zu lügen und zu morden“. Schöne Worte reichten nicht, „nur Taten“.

Der Patriarch hat natürlich kein Interesse, dass es in irgendeiner Weise zu einer Annäherung zwischen Russland und der Ukraine kommt, weil sie Abspaltung dann möglicherweise von der russisch-orthodoxen Kirche kassiert werden könnte.

Viel Hoffnung auf eine Bekehrung Putins im Sinne Kiew hat der Patriarch allerdings nicht: In seiner Botschaft vergleicht er Putin mit dem Pharao, dessen „Herz versteinert“ war. Die Ukrainer hätten allerdings keinen Grund, sich vor Putin zu fürchten, denn dessen „Ende sei nah“.


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