Streik der Bahn: Bald kann es auch die Pendler treffen

Der Streik der Lokführer brachte ein Novum: Weil nur eine Gewerkschaft streikte, mussten die Passagiere teilweise am Bahnsteig herausfinden, welcher Gewerkschaft der Lokführer ihres Zuges angehört. Je nachdem gab es Weiterfahrt oder nicht. Die Lokführer halten in der kommenden Woche eine Urabstimmung ab, danach kann es unbefristete Streiks geben, die auch die Pendler betreffen werden.

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Ein Streik der Lokführer hat am Samstag bundesweit zu erheblichen Verspätungen und Zugausfällen geführt. Von der dreistündigen Arbeitsniederlegung zwischen 06.00 und 09.00 Uhr waren der Nah- und Fernverkehr ebenso betroffen wie S-Bahnen und der Güterverkehr. Reisende mussten wie etwa am Berliner Hauptbahnhof oft mehrere Stunden auf ihren Zug warten. Im Fernverkehr waren die Nachwirkungen bis in den Nachmittag hinein zu spüren. Eine Ende des Konflikts ist nicht in Sicht. Die Lokführergewerkschaft GDL drohte mit unbefristeten Arbeitsniederlegungen, sollte sich die Deutsche Bahn nicht bewegen. Der Konzern will aber kein neues Angebot vorlegen.

Der Streik hatte eine groteske Komponente: Da die GDL nicht die einzige Gewerkschaft der Lokführer ist, konnte niemand genau sagen, ob ein Zug weiterfahren würde oder stehenbleibt. Die Reisenden erfuhren erst 15 Minuten vor Anfahrt, ob ein Lokführer nun streikt oder nicht, wie der Deutschlandfunk berichtete (Audio).

Die Schwerpunkte der Streiks lagen nach Angaben der Deutschen Bahn im Norden Deutschlands, in Berlin, rund um Leipzig sowie in einzelnen Regionen in Nordrhein-Westfalen und Bayern. Rund 1000 Züge seien betroffen gewesen. Ein Chaos sei aber nicht entstanden, da an Samstagen kaum Berufspendler unterwegs seien, sagte ein Sprecher.

Laut GDL standen während des dreistündigen Streiks mehr als 90 Prozent aller Züge still oder hatten Verspätung. Zu dem Arbeitskampf hatte sie Lok- und Rangierführer ebenso wie Zugbegleiter, Bordgastronomen und andere Bahn-Beschäftigte aufgerufen.

Die Bahn versuchte nach eigenen Angaben mit Ersatzverkehren die Auswirkungen für die Reisenden abzumildern. Wie im Berliner Hauptbahnhof bildeten sich Menschentrauben in den Bahnhofshallen und auf Bahnsteigen. In Geduld üben müssten sich auch Urlauber, die sich zum Ende der Schulferien in Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland auf der Rückreise befanden.

Die Verantwortung für die Arbeitskämpfe trage allein die Bahn, sagte der GDL-Bundesvorsitzende Claus Weselsky. „Mit ihrer Weigerung, über unsere Forderungen zu verhandeln, verärgert sie mutwillig die Reisenden und brüskiert die eigene Belegschaft.“ Bleibe die Bahn weiterhin taub und lege kein substanzielles Angebot zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen vor, werde die GDL in der kommenden Woche eine Urabstimmung einleiten. An deren Ende könnten dann unbefristete Arbeitsniederlegungen stehen. „Wer nicht hören will, muss fühlen“, sagte Weselsky.

Bahn-Sprecher Achim Stauß sagte dagegen der Nachrichtenagentur Reuters, es gebe ein Angebot des Unternehmens, über das nun erstmal verhandelt werden müsse. Dieses sieht eine Erhöhung der Bezüge um 1,9 Prozent bei einer Laufzeit von einem Jahr vor. In einer Erklärung hieß es zudem, das Unternehmen sei jederzeit bereit, „über alles für unsere Lokführer zu verhandeln – über Löhne, über Arbeitsbedingungen und über neue Spielregeln für Tarifverhandlungen“.

Die GDL fordert Lohnerhöhungen und Arbeitszeitverkürzungen nicht nur für die 20.000 Lokführer, sondern auch für das Begleitpersonal. Dahinter steht auch ein Machtkampf mit der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), die bisher allein für die übrigen 140.000 Bahn-Mitarbeiter verhandelt.

COCKPIT HÄLT LUFTHANSA-STREIKS FÜR ERFOLG

Bei der Lufthansa lief der Flugbetrieb am Samstag nach dem Streik am Vortag dagegen wieder störungsfrei, wie die Airline mitteilte. Beeinträchtigungen gebe es lediglich bei Italien-Flügen wegen eines Streiks der dortigen Fluglotsen.

Die Lufthansa-Piloten waren für sechs Stunden in den Streik getreten. Die Fluggesellschaft musste zwar nach eigenen Angaben 218 Flüge streichen, so dass insgesamt 26.000 Passagiere von der Arbeitsniederlegung betroffen waren. Von den 2200 Hotelbetten, die die Fluggesellschaft in der Rhein-Main-Region für gestrandete Passagiere gebucht hatte, wurde jedoch weniger als die Hälfte benötigt. Die 5400 Lufthansa-Piloten kämpfen für die Beibehaltung ihrer betriebsinternen Frührente. Eine Annäherung ist nicht in Sicht. Der Vorstand der Pilotenvereinigung Cockpit, Jörg Handwerg, bezeichnete den Streik als Erfolg, da der Lufthansa erheblicher wirtschaftlicher Schaden entstanden sei.

Die Politik diskutiert derzeit darüber, wie sie durch ein Gesetz zur Tarifeinheit die Macht kleinerer Spartengewerkschaft wie GDL und Cockpit einschränken kann. Vorgesehen ist, dass künftig in einem Betrieb stets der Tarifvertrag der Gewerkschaft mit den meisten Mitgliedern gilt. Allerdings gibt es hierzu erhebliche verfassungsrechtliche Bedenken.

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