Panik in London: Parteichefs sagen Termine ab und rasen nach Schottland

Die Führer der großen englischen Parteien haben am Montag überraschend alle Termin abgesagt und sind nach Schottland geflogen: Am Wochenende waren Umfragen bekannt geworden, dass die Stimmung in Schottland kippt. Die reale Möglichkeit der Abspaltung hat die englischen Politiker aufgescheucht. Nachdem sie sich monatelang über das Referendum lustig gemacht hatten, stehen ihnen nun offenkundig der Angstschweiß auf der Stirn.

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David Cameron würde es „das Herz brechen“, wenn sich Schottland für die Unabhängigkeit von Großbritannien entscheidet. Daher reiste er gemeinsam mit den beiden Parteichefs Ed Miliband und Nick Clegg nach Edinburgh, um die „Familie der Nationen“ zusammenzuhalten. Miliband rief sogar alle Briten dazu auf, aus Solidarität die schottischen Flaggen zu hissen.

Großbritanniens Premier David Cameron hat gut eine Woche vor dem Referendum über Schottlands Unabhängigkeit emotional für den Zusammenhalt des Vereinigten Königreichs geworben. Dieses sei eine „Familie von Nationen“, zu der die „starke und stolze Nation“ der Schotten seit 300 Jahren freiwillig gehöre, sagte er am Mittwoch in Edinburgh. „Mir würde das Herz brechen, wenn diese Familie von Nationen, die wir aufgebaut haben, zerrissen würde“.

Die Furcht vor einem „Ja“ der Schotten zur Unabhängigkeit führt in London zu ungewöhnlichen Bündnissen: Der konservative Premierminister David Cameron kündigte am Dienstag in einer gemeinsamen Erklärung mit den Parteichefs von Labour und den Liberal-Demokraten eine Wahlkampftour in den Norden Großbritanniens an. Man sei bei vielen Dingen verschiedener Meinung, hieß es in der Erklärung. „Aber an eine Sache glauben wir leidenschaftlich: Es ist besser, wenn das Vereinigte Königreich zusammenbleibt.“

Cameron hatte sich bislang aus der Debatte über eine Loslösung Schottlands nach mehr als 300 Jahren weitgehend herausgehalten. Dahinter steht die Befürchtung, dass seine Herkunft aus der englischen Oberschicht und seine konservativen politischen Ansichten bei den allgemein stärker linksgerichteten Schotten nicht gut ankommen würden. Allerdings hat das „Nein“-Lager in den vergangenen Wochen deutlich an Boden verloren. Einer am Dienstag veröffentlichten Umfrage von TNS zufolge liegen Befürworter und Gegner einer Unabhängigkeit inzwischen Kopf-an-Kopf. Laut Experten haben sich in den letzten Tagen vor der Abstimmung am 18. September insbesondere immer mehr Frauen für eine Abspaltung entschieden.

Die Regierung hat betont, dass sie weiter auf ein geeintes Königreich setzt und keine Vorbereitungen für eine schottische Unabhängigkeit trifft. Die Finanzaufsicht FCA dagegen hält nach eigenen Angaben einen Plan B bereit. „Wir haben dafür grundsätzlich Vorkehrungen getroffen“, sagte FCA-Chef John Griffith-Jones vor einem Parlamentsausschuss. Bankeninsidern zufolge prüft die Großbank Lloyds eine Verlegung des Konzernsitzes, falls die Schotten für die Unabhängigkeit stimmen. Lloyds habe wie die Royal Bank of Scotland (RBS) schon mit der britischen Notenbank Beratungen aufgenommen. Sowohl Lloyds als auch RBS wurden in der Finanzkrise mit Steuer-Milliarden gerettet.

Notenbankchef Mark Carney selbst erklärte auf einer Gewerkschaftskonferenz, eine Währungsunion sei nach einer Unabhängigkeit Schottlands nicht denkbar. Er verwies darauf, dass alle drei Parteien im Parlament dagegen seien. „Insgesamt ist eine Souveränität nicht vereinbar mit einer Währungsunion.“ Die schottischen Nationalisten haben erklärt, am Pfund festhalten zu wollen.

Miliband rief die Menschen in ganz Großbritannien auf, ihre Verbundenheit mit Schottland zu zeigen und die schottische Fahne – ein weißes Andreaskreuz auf blauem Grund – zu hissen. In einer Erklärung hieß es, die Städte und Dörfer im Vereinigten Königreich sollten so eine Botschaft in den Norden senden: „Bleibt bei uns.“

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