Russland: Öl-Milliardär wegen Verdachts der Geldwäsche unter Hausarrest

In Moskau ist der Öl-Milliardär Wladimir Jewtuschenkow unter Hausarrest gestellt worden. Ihm wird Geldwäsche vorgeworfen. Die Anleger der Sistema-Holding, zu der Jewtuschenkows Unternehmen Bashneft gehört, reagierten mit Panik-Verkäufen. Es ist unklar, ob die Aktion im Interesse des Staatskonzerns Rosneft erfolgt. Jewtuschenkow hatte sich bewusst aus der russischen Politik herausgehalten.

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Der russische Öl-Milliardär Wladimir Jewtuschenkow, der den Mischkonzern Sistema führt, ist wegen des Verdachts der Geldwäsche unter Hausarrest gestellt worden. Der Hausarrest soll bis Mitte November dauern, der Oligarch hat drei Tage Zeit, um Berufung einzulegen. Hintergrund ist die Übernahme des Ölkonzerns Bashneft durch Sistema vor fünf Jahren. Die Staatsanwaltschaft hat nach eigenen Angaben Hinweise darauf, dass dabei illegale Machenschaften eine Rolle spielten und Jewtuschenkow daran beteiligt war. Zuletzt war spekuliert worden, dass Russlands staatlich kontrollierter Ölriese Rosneft, dessen Chef Igor Setschin als enger Vertrauter von Präsident Wladimir Putin gilt, Interesse an Bashneft habe. Ein Sprecher von Rosneft sagte allerdings, dass das Unternehmen keine Ambitionen habe, Bashneft zu übernehmen.

Sistema wies die Anschuldigungen gegen Jewtuschenkow als substanzlos zurück. Am Aktienmarkt in Moskau herrschte am Mittwoch Panik unter Sistema-Investoren, die nun eine Zerschlagung des Konzerns befürchten. Das Unternehmen verlor umgerechnet zwei Milliarden Euro an Börsenwert. Sistema-Aktien rutschten mehr als 30 Prozent ab, Bashneft-Papiere verloren über 20 Prozent. Ein Investor von Sistema sagte der FT, die Ivestoren fürchten die vollständige Verstaatlichung des Konzerns.

Die Sache hat auch für ein deutsches Unternehmen hohe Brisanz. Der Gesundheitskonzern Fresenius plant ein Gemeinschaftsunternehmen mit einer Sistema-Pharmatochter. Daran will Fresenius trotz der Turbulenzen festhalten, wie ein Konzernsprecher sagte.

Dass die Behörden sich mit Sistema beschäftigen, ist bereits seit längerem bekannt. Ein Gericht untersagte dem Konzern in diesem Jahr den Verkauf von Bashneft-Aktien. Sistema erklärte daraufhin, mit den Ermittlern zu kooperieren, aber keine Details zu den Untersuchungen zu kennen. Nun teilte die Staatsanwaltschaft überraschend mit, dass Anklage gegen Jewtuschenkow erhoben werde. Er sei vermutlich „an der nachträglichen Legalisierung von widerrechtlich angeeignetem Besitz beteiligt“ gewesen. Jewtuschenkow steht in der vom „Forbes“-Magazins erstellten Liste der reichsten Russen mit einem Vermögen von rund neun Milliarden Dollar an 15. Stelle.

In der russischen Wirtschaft, die wegen der Ukraine-Krise bereits mit Sanktionen von USA und EU zu kämpfen hat, und an den Märkten schlug die Nachricht von der Anklage ein wie eine Bombe. Die Experten der Investmentbank Sberbank CIB sprachen von einer „dramatischen Wende der Ereignisse“. Analyst Timothy Ash von der Standard Bank in London sagte: „All dies kommt ganz klar zu einer besonders unpassenden Zeit für die russischen Märkte.“ Den Anlegern machten bereits die Ukraine-Krise, die westlichen Sanktionen und die schwache Konjunktur erhebliche Sorgen.

Entrüstet zeigte sich der russische Unternehmerverband RSPP, der zwei Drittel der russischen Firmen vertritt. „Das sieht zweifellos sehr nach einem ‚Yukos 2.0‘ aus“, sagte Verbandspräsident Alexander Schochin der Nachrichtenagentur RIA zufolge. „Denn die Vorwürfe beziehen sich auf den Chef eines Unternehmens, das 2,5 Milliarden Dollar für Firmenteile bezahlte und nun des Aktiendiebstahls und der Geldwäsche beschuldigt wird.“ Der mittlerweile zerschlagene Ölkonzern Yukos wurde einst von Chodorkowski geleitet. Diesem wurde unter anderem Steuerhinterziehung vorgeworfen. Er saß zehn Jahre im Straflager und Gefängnis. Im Dezember wurde er überraschend von Präsident Putin begnadigt und kam frei.

Chodorkowski schaltete sich in die Debatte über Jewtuschenkows Hausarrest ein. Der Wirtschaftszeitung „Vedomosti“ sagte er, dahinter stehe Rosneft-Chef Setschin. Rosneft wies dies laut RIA postwendend als „absurd“ zurück. Ähnlich reagierte ein Sprecher Putins auf den Vorwurf, das Vorgehen gegen Jewtuschenkow geschehe auf Geheiß des Kreml. „Der Präsident zählt darauf, dass die Ermittlungsbehörden im Rahmen ihrer objektiven Untersuchung Antworten auf alle Fragen finden“, wurde der Sprecher von RIA zitiert.

Im Juni hatte ebenfalls „Vedomosti“ von einem Interesse Rosnefts an Bashneft berichtet. Der Ölkonzern gilt als attraktiv, weil er dank moderner Technologie besonders hohe Produktionssteigerungen erzielt. Sistema hatte Bashneft 2009 gekauft. Die Tochter soll in London an die Börse gebracht werden. Die Anklage gegen Jewtuschenkow könnte diesen Plan infrage stellen. „Das Risiko eines Wechsels in der Aktionärsstruktur von Bashneft nimmt zu“, konstatierten die Analysten von Sberbank CIB. „Und dieses Risiko greift nun auf Sistemas andere Konzernteile über.“ Zu dem Konglomerat gehört auch Russlands größter Mobilfunkanbieter MTS, dessen Aktienkurs sieben Prozent in die Tiefe rauschte.

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