Alibaba: Die Wall Street wird zur digitalen Volksrepublik

Der Börsengang von Alibaba führt zu einer Symbiose von Börsen-Wahnsinn und totalitärer Wirtschaftskultur. Das ist ein magischer Cocktail, der die Geldgierigen aller Länder vereinigt. Am ersten Handelstag schloss das Papier mit einem Gewinn von 38 Prozent . Damit ist das Unternehmen wertvoller als Facebook, JPMorgan oder Verizon. Angela Merkel lobt den unbekannten Giganten. Wo? Vor dem Zentralverband des Deutschen Handwerks. 欢迎勇敢的新世界!

Ihren XING-Kontakten zeigen
linkedin
abo-pic
Man muss sich die animierte Grafik bis zum Ende ansehen und dabei links unten auf die Börsen-Tage im Zeitraffer achten: Die farbigen Kurven zeigen auf der Zeitleiste die Aktivitäten der Roboter an den Börsen. 2007 verlief der Handel normal, am Ende erleben wir ein Feuerwerk. An diesem werden sich viele am Ende die Finger verbrennen. (Grafik: Nanex)

Man muss sich die animierte Grafik bis zum Ende ansehen und dabei links unten auf die Börsen-Tage im Zeitraffer achten: Die farbigen Kurven zeigen auf der Zeitleiste die Aktivitäten der Roboter an den Börsen. 2007 verlief der Handel normal, am Ende erleben wir ein Feuerwerk. An diesem werden sich viele die Finger verbrennen. (Grafik: Nanex)

Die Algos spielten auch nach dem Börsengang von Alibaba verrückt: Es gab unzählige Flash-Crashs.

Die Algos spielten auch nach dem Börsengang von Alibaba verrückt: Es gab unzählige Flash-Crashs.

Auch bei Alibaba haben zum Börsenstart offenbar die Roboter zugeschlagen. Der Kurs stieg kurzzeitig auf über 99 Dollar. (Grafik: ariva)

Auch bei Alibaba haben zum Börsenstart offenbar die Roboter zugeschlagen. Der Kurs stieg kurzzeitig auf über 99 Dollar. (Grafik: ariva)

Der chinesische Online-Händler Alibaba hat mit dem größten Börsengang aller Zeiten alle Erwartungen übertroffen: Zum Handelsschluss landete das Papier mit 93,89 Dollar bei einem Plus von gut 38 Prozent. Das Papier hatte zum Börsenstart bei 92,70 Dollar notiert. Der Preis wurde vor dem Börsengang mit 68 Dollar festgelegt. Wenig später kostete das Papier sogar 99,70 Dollar, bevor der Kurs wieder auf rund 93 Dollar nachgab. Es dauerte angesichts einer Flut von Kaufaufträgen fast zweieinhalb Stunden, ehe die New Yorker Börse überhaupt einen ersten Kurs nennen konnte. Viele Anleger, die bei der Zuteilung leer ausgegangen waren, wollten die Titel offenbar zu fast jedem Preis in ihren Depots haben. Die NYSE hatte kurz vor dem Debüt bekanntgegeben, dass der Preis in einer Bandbreite von 87-89 Dollar liegen werde – womit Alibaba wertvoller würde als Facebook oder Verizon.

Investoren rissen dem Unternehmen, das vor 15 Jahren von dem Englischlehrer Jack Ma gegründet worden ist, die Aktien buchstäblich aus der Hand. Die Papiere wurden zum Höchstpreis von 68 Dollar ausgegeben. Das Volumen des am Freitag in New York anstehenden Börsengangs liegt damit bei 21,8 Milliarden Dollar. Allein Milliardär Ma kassiert fast 900 Millionen Dollar. Eine ganze Reihe von Managern und Software-Fachleuten bei Alibaba werden mit dem Schritt an die Börse zu Millionären.

Natürlich ist das alles blanker Unsinn: Denn die Stärke ist ihr größtes Problem. Das Unternehmen ist bereits Markführer, ist extrem profitabel und wächst immer noch weiter.

Bei näherem Hinsehen gibt es drei gravierende Probleme: Niemand aus dem Westen kann den chinesischen Markt durchschauen. Abgesehen von der Sprache agiert vor allem die chinesische Regierung eiskalt, wenngleich hinter stets freundlicher Fassade. Was ist, wenn die Chinesen die Rahmenbedingungen plötzlich verändern? Was geschieht, wenn die Immobilien- oder Kreditblase platzt, Unternehmen pleitegehen, und die Leute kein Geld mehr zum Konsumieren haben? Wer versteht die Frühwarnsysteme? Wer weiß, wie die chinesischen Unternehmen funktionieren? Die Frankfurter Börse hat eben erst äußerst unliebsame Erfahrungen mit dem chinesischen Schuh-Hersteller Ultrasonic gemacht. 

„In der Geschichte hat es selten einen Börsengang dieser Größe gegeben, bei dem man weniger über das Unternehmen wusste“, sagte der demokratische Senator Bob Casey aus Pennsylvania. „Ich mache mir immer noch Sorgen über die Transparenz chinesischer Firmen, die an unseren Börsen notiert sind.“ An der Frankfurter Börse haben unlängst Skandale bei chinesischen Firmen für große Unruhe gesorgt.

Alibaba bietet zunächst 320 Millionen Aktien an. Damit kommen 13 Prozent des Unternehmens in die Hände neuer Aktionäre. Zwei Drittel der Papiere stammen aus dem Besitz der bestehenden Anteilseigner. Mas verbleibender Aktienbesitz ist auf dem Papier zum Ausgabepreis 14 Milliarden Dollar wert. Yahoo war ebenfalls früh bei Alibaba eingestiegen. Der US-Internetriese streicht mit dem Verkauf von Aktien bei der Platzierung acht Milliarden Dollar ein, bleibt aber mit 16 Prozent beteiligt. Größter Alibaba-Anteilseigner ist die japanische Softbank mit 32 Prozent. Sie hat keine Aktien beim Börsengang verkauft.

Das zweite Problem: Das Management hat sich die Macht auf Lebenszeit gesichert. Auch wenn irgendjemand 100 Prozent des Unternehmens besitzt – er hätte nicht den geringsten Einfluss. Wenn das Management der Meinung ist, Alibaba müsse seine Strategie ändern und Apple, Google, Amazon und Facebook kaufen oder aber Marktführer in der weltweiten Rüstungsindustrie werden – niemand könnte etwas dagegen unternehmen. Einem solchen Unternehmen sein Geld anzuvertrauen ist idiotensicher und tollkühn in einem Atemzug: Vermutlich kann man mit Alibaba auf Sicht kein Geld verlieren. Es ist wie bei der Wettmafia im Fußball: Solange Goldman Sachs und die anderen beteiligten Investment-Banken abkassieren, geht es auch den Anlegern gut. Was danach kommt, das weiß nur Mao Tse Tung.

Das dritte Problem: Alibaba hat in den vergangenen Monaten wie wild Unternehmen aufgekauft, um zu wachsen. Welche Probleme diese Unternehmen haben, weiß kein Mensch. Es kann auch keiner Wissen, weil der Börsenprospekt nichts mit der Realität zu tun hat.

Das ist nicht nur bei Alibaba so.

Der Gründer und Investor Mark Cuban hat 2004 einen bemerkenswerten Blogeintrag geschrieben. Darin beschreibt er, was sich an den Börsen wirklich abspielt.

Cuban hat zwei Firmen – MicroSolutions und Broadcast.com – gegründet und groß gemacht. Nachdem er MicroSolutions verkauft hatte, brachte er Broadcast.com an die Börse. Der Kurs stieg von einem Dollar am ersten Handelstag auf über 60 Dollar am Ende des Tages.

Cuban erklärt, wie das abgelaufen ist: Die Börse, so schreibt er, ist nichts anderes als ein gigantisches Schneeball-System. Der Wert von Aktien richtet sich nicht nach dem tatsächlichen Wert des Unternehmens, sondern ist eine Marketing-Nummer: Leute, die verkaufen wollen, suchen Leute, die kaufen wollen. Zu diesem Zweck erzählen die Verkäufer den Käufern die schönsten Märchen. Entscheidend ist, dass sich möglichst viele um eine Aktie reißen.

Begeisterung für eine Aktie entsteht nicht, weil das Unternehmen gut ist. Begeisterung entsteht, weil andere sagen, dass eine Aktie ein „heißer Tipp“ ist. Mit der Wirklichkeit hat das alles nichts zu tun. Es geht um Marketing.

Cuban berichtet von der Road-Show für Broadcast.com. Das ist die Phase vor einer Börseneinführung. Dabei stellen die Manager des Unternehmens die Firma potentiellen Investoren vor. Mit Hilfe von Investment-Banken üben die Gründer, was sie sagen dürfen und was nicht. Es gibt nur ein Ziel: Möglichst viele Investoren sollen zum Kauf gebracht werden.

Cuban sagt, er sei vor allem davon erschüttert, dass unter den hunderten Investoren nicht einmal eine Handvoll vernünftiger Fragen zu dem Unternehmen gestellt wurden. Schlimmer noch: Die Investoren wollten gar nicht wissen, worum es bei dem Unternehmen geht. Sie wollten kaufen, weil das Marketing sie eingelullt hatte.
Und sie kaufen – mit dem Geld anderer. Die meisten „Investoren“ verwalten das Geld von Leuten, die ihnen das Geld anvertraut haben. Pensionsfonds und Vermögensverwalter sammeln Gelder ein und versprechen Renditen. Das Geld kommt von ganz normalen Leuten. Meist wissen diese einfachen Leute gar nicht, dass es sich um ihr Geld handelt: Wer durch Einzahlungen einen Renten-Anspruch erwirbt, sieht sein Geld über Jahrzehnte nicht. Er vertraut darauf, dass ihm am Ende seines Berufslebens die Rente ausbezahlt wird.

In seinem brillanten Buch „The Number“ hat Alex Berenson dargelegt, dass die „Nummer“ von den meisten Unternehmen im großen Stil manipuliert wird. Vor einigen Monaten hat eine Studie ergeben, dass viele Manager in Europa ihre Bilanzen manipulieren.

Im Fachjargon heißt die Nummer „Fundamental-Daten“. An sie klammern sich alle, die nicht verstehen worum es geht. Cuban sagt: Wann immer von den Fundamental-Daten die Rede ist, ist Vorsicht angebracht.

Der Chef der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), Ben Bernanke, hat sich gegen Ende seiner Amtszeit kritisch über die Lage an den Börsen geäußert. Manchmal entsprächen die Kurse nicht mehr den Fundamental-Daten.

Leider haben auch die Fundamental-Daten nichts mit der Realität zu tun. Sie haben dieselbe Funktion wie ein TV-Spot. Sie sollen zum Kauf verführen.

Manipulationen im Börsenkurs sind nicht per se illegal. Man kann eine Bilanz so oder so gestalten. Je größer das Unternehmen, desto leichter kann die „Nummer“ manipuliert werden. Berenson schreibt, dass den legalen Manipulationen keine Grenzen gesetzt sind.

Seit einigen Jahren hat sich die Entwicklung jedoch dramatisch beschleunigt. Der Grund: Man hat eine Möglichkeit gefunden, die Meldung der Unternehmens-Daten direkt in die Computersysteme einzuspeisen. Roboter reagieren darauf. Ein Roboter kann eine Manipulation nicht erkennen.

Der sogenannte Hochgeschwindigkeits-Handel (High Frequenzy Trading, HTF) hat die Börsen grundlegend verändert. Eine von Nanex veröffentlichte animierte Grafik (am Anfang des Textes) zeigt die atemberaubende Entwicklung.

Der Handel ist seit 2007 faktisch explodiert. In der Grafik sind die bunten Kurven jene der Roboter-Tätigkeit. Es lohnt sich die Grafik bis zum Ende zu betrachten: Es kommt zu einem wahren Feuerwerk der Handelstätigkeit.

Beim globalen Schneeball-System Börse gibt es nur ein Gesetz, wie Cuban berichtet: Er habe den Goldman Sachs Banker Raleigh Ralls gefragt, was der Kern der Börse sei, an welche Regel man sich halten müsse. Die Antwort aus dem Hause Goldman: „Get long, get loud!“ (Wette auf etwas und schreie es laut hinaus!)

Dieses System wird von Alibaba genutzt. Die Chinesen gießen Öl in ein Feuer, das schon gewaltig lodert.

Wie es sich für eine zukünftige Weltmacht gehört, wird der Börsengang sehr laut. Viele Anleger wollen „long“ sein.

Was passiert, wenn die Chinesen bei Alibaba „short“ gehen, das kann sich jeder selbst ausmalen.

Eine, die totalitäre Systeme gut kennt, sich normalerweise aber nicht zu Börsenthemen äußert, ist Angela Merkel. Doch zu Alibaba sagte sie überraschend: „Wenn heute der Börsengang von Alibaba stattfindet, dann zeigt dies…, dass die Welt nicht schläft, dass chinesische große Unternehmen längst Global Player sind“.

Angela Merkel sprach vor dem Zentralverband des Deutschen Handwerks.

Besser kann man nicht illustrieren, wie sich die Gewichte in der Welt verschoben haben.

*** Bestellen Sie den täglichen Newsletter der Deutschen Wirtschafts Nachrichten: Die wichtigsten aktuellen News und die exklusiven Stories bereits am frühen Morgen. Verschaffen Sie sich einen Informations-Vorsprung. Anmeldung zum Gratis-Newsletter hier. ***


media-fastclick media-fastclick