Zins-Politik der EZB hat deutsche Sparer bisher 23 Milliarden Euro gekostet

Die Zinspolitik der europäischen Zentralbank hat den deutschen Sparern Milliardenverluste beschert. Im Gegensatz dazu wurden Kreditnehmer vor allem in den anderen Eurostaaten begünstigt. Erstaunlich: Der Konjunktur in den Euro-Staaten hat dies nicht geholfen.

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Ihre Vorliebe für sichere Sparanlagen kostet die Deutschen derzeit viel Geld: Nach einer Studie der Allianz hat die Niedrig-Zins-Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) den deutschen Sparern seit 2010 Zinsverluste von 23 Milliarden Euro eingebrockt. Hingegen hätten Privathaushalte in Ländern wie Spanien, Griechenland oder Portugal beträchtlich von der Krisenstrategie des billigen Geldes profitiert, sagt Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise am Dienstag bei der Vorlage des «Global Wealth Reports». Denn Schuldnern spielen niedrige Zinsen in aller Regel in die Karten, während Gläubiger die Verlierer sind.

Zu der Entwicklung tragen die Deutschen aus Sicht der Experten allerdings auch selbst mit bei. Denn in den unsicheren Krisenjahren stecken die Europameister im Sparen immer mehr Geld in vermeintlich sicherere kurzfristige Bankeinlagen. Das wirft kaum Renditen ab, abzüglich der Inflation bleibt unterm Strich ein Verlust. Und: Während beispielsweise Spanier oder Griechen von günstigen Krediten profitieren, bleibt die Schuldenquote hierzulande niedrig.

Doch obwohl die Bürger Südeuropas leichter und billiger an Kredite kommen, hat sich dies nicht positiv auf die Konjunktur in den Eurostaaten ausgewirkt. Kaum ein Eurostaat kann noch Wachstum verzeichnen. Auch die Schuldenstände der Staaten haben sich erhöht: im Durchschnitt liegt fast jeder Eurostaat mit seiner Staatsverschuldung heute höher als noch vor der Finanzkrise.

Deutsche Anleger meiden nach einer Reihe negativer Erfahrungen anders als etwa US-Amerikaner Aktien, obwohl Aktien in den vergangenen Jahren Haupttreiber für den Anstieg privater Geldvermögen in aller Welt waren. Nach Zahlen der Deutschen Bundesbank hat sich der Wert deutscher Aktien gemessen am Leitindex Dax seit 1988 bis Ende August 2014 knapp verzehnfacht. Davon profitierten allerdings immer weniger Privathaushalte: Ende Mai hielten die privaten Haushalte 11,8 Prozent der deutschen Aktien, 2011 waren es noch 13,1 Prozent.

Um die Wirkung der Zinspolitik zu beziffern, hat die Allianz die Zinssätze der letzten fünf Jahre mit den Durchschnittszinsen der Jahre 2003 bis 2008 verglichen. Die durch die gelockerte Geldpolitik «entgangenen» Zinsen auf der Einlagenseite stellt sie den Zinsgewinnen bei Krediten gegenüber. Das Ergebnis: Während die Menschen in Deutschland seit 2010 im Saldo 23 Milliarden Euro oder 281 Euro pro Kopf verloren, wurden die Bürger in den meisten anderen Euroländern entlastet.

Das gilt nach der Analyse vor allem für Finnland, Spanien, Irland, Griechenland und Portugal: In diesen Ländern liegen die Haushalte mit rund 1000 Euro pro Kopf oder mehr im Plus. Insgesamt addieren sich die Gewinne dort seit Krisenbeginn auf 97 Milliarden Euro. «Die Peripherie ist der große Profiteur der Niedrigzinspolitik», sagt Allianz-Ökonom Arne Holzhausen.

Diese Wirkung der Geldpolitik ist für Heise zwar nicht überraschend. Schließlich sei die Entlastung der Schuldner gewollt: «Man sollte jedoch auch nicht die Augen davor verschließen, dass diese Politik erhebliche Nebenwirkungen hat, vor allem auf deutsche Anleger und ihre Altersvorsorge.»

Während die Zinsgewinne deutscher Kreditnehmer in etwa dieselbe Größenordnung erreichen wie in anderen Euroländern, rächt sich die Vorliebe deutscher Sparer für besonders schwach verzinste Sichteinlagen wie Sparbuch oder Tagesgeldkonto, wie Heise betont. Die Deutschen legten zwar mehr Geld auf die hohe Kante als andere: «Aber kaum jemand bringt auch so viel Geld zur Bank wie wir, obwohl die Bankzinsen deutlich niedriger sind als im Rest Europas.»

Es scheine, als ob die deutschen Sparer immer noch im Krisenmodus verharrten und Anlageentscheidungen eher vermeiden wollten. Das sei ein Fehler, sagt der Experte der Allianz: «Abwarten heißt Geld zu verschenken. Sechs Jahre nach Lehman ist es höchste Zeit, wieder langfristig zu denken und zu investieren.»

Die Allianz rät den Sparern, in den Aktienmarkt einzusteigen: Eine hohe Rendite birgt erhebliches Risiko, so rät der Bankenverband zur «kalkulierten Risikobereitschaft». Wer in den vergangenen 30 Jahren monatlich 100 Euro in Aktienfonds mit Anlageschwerpunkt Deutschland angelegt habe, könne heute im Schnitt über etwa 121 000 Euro verfügen: «Das entspricht einer Rendite von rund sieben Prozent jährlich.» Auf eine Zinswende können Europas Sparer jedenfalls vorerst nicht hoffen. Die EZB hat den Leitzins gerade erst auf das Allzeit-Tief von 0,05 Prozent gesenkt.


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