Analysten nervös: Russland-Sanktionen versetzen deutscher Wirtschaft „Tiefschlag“

Trotz niedriger Zinsen haben die Sanktionen gegen Russland die deutsche Wirtschaft nachhaltig getroffen. Für den Herbst fürchten Analysten nun sogar eine Rezession. Positiv für die Exportwirtschaft ist dagegen die anhaltende Talfahrt des Euro.

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Der Euro befindet sich auf Talfahrt - das wird der Exportwirtschaft in Europa nützen, Importe werden jedoch teurer. (Grafik: <a href="http://www.ariva.de/euro-dollar-kurs" target="_blank">ariva.de</a>)

Der Euro befindet sich auf Talfahrt – das wird der Exportwirtschaft in Europa nützen, Importe werden jedoch teurer. (Grafik: ariva.de)

Der deutschen Wirtschaft steht ein schwieriger Herbst bevor – die Konjunktur lässt spürbar nacch. Industrieproduktion und Auftragseingänge sind im August auf den tiefsten Stand seit fünf Jahren gefallen. Die Stimmung in den Unternehmen wird immer schlechter. Das Ifo-Geschäftsklima, das wichtigste deutsche Konjunkturbarometer, ist im September den fünften Monat in Folge gesunken. Immer mehr Experten schließen nicht aus, dass Deutschland im dritten Quartal in die Rezession abrutschen könnte.

Tatsächlich fällt das Urteil vieler Experten angesichts der jüngsten Konjunkturdaten erst einmal verheerend aus: «Ein weiterer Schock.» So kommentierte Ing-Diba-Chefvolkswirt Carsten Brzeski die jüngsten Daten zur deutschen Industrieproduktion. Vor allem eine Zahl macht deutlich, wie stark die Industrie im August an Fahrt verloren hat: In den deutschen Autofabriken ist die Produktion um 25,4 Prozent zum Vormonat eingebrochen.

Experte Andreas Rees von der Großbank Unicredit musste weit in der Statistik zurückgehen, bis er einen vergleichbaren Tiefschlag gefunden hatte. So etwas gab es demnach zuletzt 1984, als in der deutschen Autoindustrie der Kampf um die 35-Stunden Woche tobte. Allerdings war der Juli besonders positiv ausgefallen. Insgesamt war die Produktion in den deutschen Unternehmen im August um 4,0 Prozent eingebrochen und damit fast dreimal so stark wie von Experten erwartet. Immerhin können die ungewöhnlich schwachen Produktionsdaten teilweise mit den späten Sommerferien erklärt werden. Doch das ist eben nicht alles.

Bereits seit geraumer Zeit wird das Klima in der deutschen Wirtschaft schlechter. Als einer der größten Stimmungsdämpfer für die Industrie gilt die Ukraine-Krise und – damit verbunden – die Sanktionspolitik gegen Russland. «Vor allem die Krise in der Ostukraine hat die Unternehmen bei den geplanten Investitionen trotz der aktuell niedrigen Zinsen vorsichtiger werden lassen», argumentieren Experten wie beispielsweise Ökonom Christian Schulz von der Berenberg Bank. Die EU war von den USA zu den Sanktionen gezwungen worden, wie Vizepräsident Joe Biden bei einem Vortrag in Harvard freimütig erläuterte. Die EU müsse wirtschaftliche Schläge einstecken, um Russland unter Druck zu setzen, sagte Biden. 

Und die Weltkonjunktur ist derzeit auch keine große Hilfe für die Exportnation Deutschland: Die globale Konjunktur will nicht an Schwung gewinnen, wie die aktuelle Konjunkturprognose des Internationalen Währungsfonds (IWF) zeigt. Vor allem der Euroraum bleibt nach Einschätzung der Experten eine Problemzone.

Bisher konnte die Europäische Zentralbank (EZB) mit ihrer extrem lockeren Geldpolitik ein Stück weit dazu beitragen, dass die deutsche Konjunkturlokomotive unter Dampf blieb. Aber mittlerweile zeigt sich immer deutlicher: Die EZB hat die Zinsschraube bis an die Grenze gelockert. Jetzt könnte EZB-Chef Mario Draghi nur noch mit dem breit angelegten Kauf von Staatsanleihen versuchen, die Konjunktur in der Eurozone auf die Sprünge helfen.

Spätestens seit dem Einbruch der deutschen Industrieproduktion und dem herben Rückschlag beim Auftragseingang ist für Experten wie Mario Gruppe von der NordLB eines sicher: «Die Daten sind aus unserer Sicht ein Vorgeschmack auf einen schwierigen Herbst und Winter.» Eines stellte der für Deutschland zuständige Chefvolkswirt Andreas Rees von der Großbank Unicredit allerdings auch klar: «Es gibt keinen Grund zur Panik. Die deutsche Industrie wird in den kommenden Monaten an Schwung verlieren, sie wird aber nicht in einen Abgrund stürzen.»

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