Abschiedsspiel für die DDR: Biermann gegen Gysi 1:1

Der Bundestag hat der DDR unfreiwillig ein Abschiedsspiel gegönnt. Das Ergebnis erinnerte an den Umtauschkurs der Ost-Mark zur D-Mark: Ein leistungsgerechtes 1:1. Die entscheidenden Spielszenen im Video.

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Der Auftritt Wolf Biermanns im Bundestag hat die obligate politische Randale nach sich gezogen. Die Linke war empört, weil der Dichter sie als Überrest der Drachenbrut bezeichnet hat. Tatsächlich jedoch ist es den beiden Protagonisten Wolf Biermann und Gregor Gysi gelungen, die Feierstunde zu einer Art Abschiedsspiel für die untergegangene DDR zu machen.

Für einen Augenblick bot der Bundestag mehr als die bekannten langweiligen Spielzüge, die nicht der Kreativität der Einzelspieler, sondern der sturen Fraktions-Disziplin folgen. Dem nicht ganz austrainiert wirkenden Biermann fehlte sichtlich die Spielpraxis nach einer langen Verletzungspause. Der auf das Auswärtsspiel gut eingestellte Gysi profitierte von seiner immer noch beeindruckenden Wendigkeit. Es entwickelte sich ein interessantes Match, das allerdings stark von taktischen Überlegungen geprägt war.

Die DDR geriet schnell in Rückstand: Biermann nutzte das ihm gewährte Recht auf Gesang geschickt aus, unterbrach sein Lied, und attackierte die Fraktion der Linken verbal mit technisch feinen Volten. Nachdem die Abgeordneten zunächst noch geschickt verteidigten, gelang der BRD schließlich doch das 1:0, wenngleich unter Mithilfe des Schiedsrichters (Lammert und die Geschäftsordnung). Lammert hatte die Abseitsstellung Biermanns übersehen, weil dieser eigentlich nur singen hätten dürfen und nicht reden. Der Treffer war dennoch sehenswert, weil man sich als Freund von taktischen Schachzügen unwillkürlich die Frage stellte: Wo endet eigentlich das gesungene Wort in der Kunst des Widerstands gegen die Staatsgewalt?

Dass die Zuschauer im BRD-Fanblock trotz halbstarker Unterstützung für Biermann schließlich noch den scheinbar sicheren Sieg verspielten, lag an Gregor Gysi: Der Spielmacher der Linken machte zunächst während der stürmischen Angriffe Biermanns einen ungewohnt unsicheren Eindruck und versuchte allzu bemüht, Biermanns Worte zu ignorieren. Gysi gelang es jedoch wenig später, in einem dialektischen Konter zu sagen, dass die DDR kein Rechtsstaat gewesen sei – ohne sagen zu müssen, dass die DDR eine Unrechtsstaat gewesen sei, was ihm im eigenen Lager nicht verziehen worden wäre.

Der Ausgleich zum 1:1 gelang Gysi schließlich, als er mit einem einfachen Trick die gesamte BRD-Abwehrmauer ins Abseits stellte: Er nutzte nämlich den einzigen Fehler Biermanns aus, als dieser es verabsäumte, ein dringend nötiges Wort zur Gegenwart Deutschlands zu sprechen. Die dadurch entstehende Lücke überwand Gysi, indem er vor den Herausforderungen der Zukunft sprach – ein Thema, mit dem er den gesamten BRD-Fanblock überraschte. Gysi zeigte damit, dass er nicht bloß ein abgebrühter Politiker ist, sondern auch etwas zu sagen hat: Ein Spiel wird nicht in der nostalgischen Betrachtung von vergangenen Siegen entschieden, sondern im Kampf bis zur letzten Minute. Kampf ist jedoch nicht mit Taktik zu lernen, sondern bleibt eine Gesinnungsfrage. Selbst Spiele, in denen der Schiedsrichter gekauft ist, enden gelegentlich mit einer Überraschung.

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