Westafrika: Eliten sichern sich Zugang zu Rohstoffen

In Westafrika gibt es große Vorkommen an Öl, Uran, Mangan, Diamanten und Eisenerz. Doch vom Verkauf profitiert nicht die Bevölkerung. Afrika-Analyst Stefan Ouma sagt, dass die regionalen politischen Konflikte vor allem Europa in den kommenden Jahren beschäftigen werden.

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Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Könnten Sie uns die politische Situation in den Staaten Westafrikas schildern? Welche Staaten werden demokratisch oder autoritär regiert?

Stefan Ouma: Grundsätzlich ist es so, dass die Region Westafrika durch eine Vielzahl unterschiedlicher Systeme gekennzeichnet ist. Wie auch bei der Kategorie „Afrika“ sonst, sollte die Region nicht als eine homogene Gruppe verstanden werden. Zudem muss bei der Beurteilung des demokratischen Fortschritts in den Staaten auch berücksichtigt werden, dass viele Staaten sehr jung sind. Ein Geschichtsvergessener Blick taugt hier nicht. Der älteste Staat, Ghana, erhielt erst 1957 seine Unabhängigkeit von Großbritannien. Eine Ausnahme bildet Liberia, das 1847 von freigelassenen amerikanischen Sklaven gegründet wurde.

In den 15 Staaten der ECOWAS gibt es Staaten wie Kap Verde oder Ghana, die stabil sind und wiederholt verfassungsmäßige und demokratische Wahlen abgehalten haben. In Ghana wurden die letzten beiden Wahlkämpfe zwischen der führenden Parteien NDC und NPP jedoch zunehmend konfrontativer geführt. In den letzten Jahren zeigte das Land konstant hohes Wachstum, aber aufgrund der aktuellen hohen Inflation haben sich hier die politischen Fronten verhärtet. Dann gibt es Staaten wie Senegal, Benin, oder Mali, die zwar in den letzten zwei Jahrzehnten beachtliche Demokratisierungserfolge erzielt haben, dabei aber nicht ganz so gut wie Ghana abschneiden. Mali geriet in letzter Zeit in die Schlagzeilen, weil das System durch die Konflikte und den Einfluss islamistischer Gruppierungen destabilisiert wurde. Aktuell ist es ruhig.

Dann gibt es Staaten wie Togo oder Gambia, die zwar stabil sind, aber seit langer Zeit autoritär bis diktatorisch regiert werden. Letztlich gibt es Staaten, die eine hohe Instabilität aufweisen, etwa Niger, Guinea oder Guinea-Bissau, in denen es mehrere Putsche gab, auch wenn dort mittlerweile wieder Präsidialregierungen im Amt sind. Guinea-Bissau ist sicherlich der problematischste Fall und gilt als erster Narco-Staat Westafrikas.

Dann gibt es wie Liberia, Sierra Leone oder die Elfenbeinküste, die Phasen des Bürgerkriegs hatten und sich nun wieder auf dem Weg der Normalisierung befinden. In Liberia ist Sirleaf-Johnson an der Macht. Sie ist die erste Präsidentin Afrikas und wurde demokratisch gewählt. Doch das Volk ist unzufrieden. Auslöser der Unzufriedenheit ist das Ausbleiben einer breitenwirksamen Friedensdividende und die Ebola-Epidemie. Die Regierung steht zunehmend unter Druck. Die Opposition hat massiv an Zuspruch gewonnen. Sierra Leone wird von Amnesty International als stabil eingestuft.

Die Elfenbeinküste befindet sich nach dem Bürgerkrieg und dem Sturz des Machthabers Gbabgo wieder auf dem Weg der Normalisierung. Die aktuelle Regierung von Präsident Ouattara ist demokratisch legitimiert.
Ein Sonderfall ist sicherlich Burkina Faso. Dort gibt es zwar ein Mehrparteien-System. Doch der Stil des seit 1987 regierenden Präsidenten Compaoré galt als autoritär. Jüngst wurde dieser von einer Basisbewegung – nicht dem Militär – so stark unter Druck gesetzt, dass er sein Amt niederlegte und das Militär die Macht übernahm.

Vermutlich wird eine Übergangsregierung an die Macht kommen. Es ist ein Machtvakuum entstanden, das dem Land zu schaffen macht.

Und schließlich ist da Nigeria, das bevölkerungsreichste Land Afrikas, welches bis in die 1990er Jahre von Militärregierungen regiert wurde. Nach dem Tod Y‘arduas wurde Goodluck Jonathan im Jahr 2011 nigerianischer Präsident. Während der Präsidentschaftswahlen gab es Unruhen mit Toten und Verletzten. Doch internationale Wahlbeobachter stuften die Wahl als fair ein. Aufgrund der Terror-Gruppe Boko Haram gibt es interne Spannungen. Doch diese Spannungen sind faktisch politisch und nicht religiös begründet. Aufgrund historischer Entwicklungen gliedert sich das Land in einen muslimischen Norden und christlichen Süden, deren Eliten um Machtpositionen im Staate konkurrieren.

Doch ich möchte betonen, dass die Existenz von Mehrparteiensystemen nicht eine demokratische Verfasstheit im westlichen Sinne bedeutet. Gerade ein Blick auf das „Global Democracy-Ranking“ zeigt nochmal, dass viele Staaten Westafrikas – bis auf Ghana – eher schlecht abschneiden. Das tut allerdings auch China. Parteien sind in vielen Staaten eher ethnische oder regionale Wahlclubs, die sich hinter bestimmten Politikern oder Gruppierungen scharren. Innerparteiliche Demokratie ist oft schwach ausgeprägt.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was für sprachliche, ethnische oder religiöse Unterschiede gibt es zwischen den Ländern Westafrikas?

Stefan Ouma: Die Staaten Westafrikas sind multiethnisch. In allen Staaten gibt es sowohl christliche als auch muslimische Bevölkerungsteile. In Ghana, der Elfenbeinküste und Nigeria verteilen sich diese auffällig zwischen den nördlichen und südlichen Landesteilen.

Niger, Senegal, Gambia, Burkina Faso und Mali werden muslimisch dominiert. In Nigeria sind etwas mehr als 50 Prozent der Bevölkerung Muslime. Es gibt zudem in jedem Staat indigene Religionen. In der Praxis gibt es viele Überlappungen der einzelnen Religionen. Viele Menschen praktizieren quasi eine Art Synkretismus unterschiedlicher religiöser Systeme.

Die Amtssprache in Liberia, Ghana, Nigeria, Sierra Leone ist Englisch. In Kap Verde und Guinea-Bissau ist Portugiesisch Amtssprache, in den restlichen Staaten Französisch. Das sind Hinterlassenschaften der Kolonialzeit. Doch es gibt auch eine Vielfalt an indigenen Sprachen. Die Hälfte aller afrikanischen Sprachen wird in Westafrika gesprochen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Gibt es auch sprachliche, ethnische oder religiöse Unterschiede innerhalb der einzelnen Staaten?

Stefan Ouma: Ich möchte hier zwei Beispiele nennen. In der Elfenbeinküste gibt es nach westlichen Gesichtspunkten über 60 Ethnien und sieben weit verbreitete indigene Sprachen. Die Ethnien sind fünf unterschiedlichen ethnolinguistischen Obergruppen zuzurechnen. 40 Prozent der Bevölkerung sind Muslime, 30 Prozent Katholiken und weitere 30 Prozent gehören indigene Religionen an.

Etwa 40 Prozent der Bevölkerung stammen ursprünglich aus den Nachbarländern. In Guinea gibt es 20 Sprachen und jede Sprache repräsentiert eine Ethnie. 85 Prozent sind Muslime, 8 Prozent Christen und 7 Prozent Mitglieder von indigenen Religionen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was für Natur-Ressourcen befinden sich in Westafrika? Wie hoch sind die Mengen im Vergleich zur Weltwirtschaft?

Stefan Ouma: Westafrika ist reich an Bodenschätzen. Guinea hat große Bauxitvorräte, etwa 7,5 Prozent der weltweiten Vorräte. Ghana zählt zu den größten zehn Goldproduzenten der Welt. Zudem hat das Land die sechstgrößten (bekannten) Ölreserven Afrikas. Es gibt auch beträchtliche Erdgasvorkommen im Golf von Guinea. Nigeria ist der größte Ölproduzent Afrikas liegt sogar weltweit auf Platz 11. Zudem gibt es in Westafrika sehr große Vorkommen an Mangan, Diamanten und Eisenerz. In Niger und Mali gibt es große Uranvorkommen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Welchen Stellenwert nimmt die Landwirtschaft in Westafrika ein?

Stefan Ouma: In Westafrika sind 70 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt. Etwa 35 Prozent des BIP geht auf die Landwirtschaft zurück. Die meisten Menschen sind Kleinbauern. Weiterverarbeitende Industrien gibt es kaum. Das interessante an diesem Zustand ist, dass alle Staaten Westafrikas Grundnahrungsmittel sogar importieren müssen, weil die Produktivität der heimischen Landwirtschaft zu gering ist.

Die Bauern verfügen oft über das Know-How, doch sie erhalten zu wenig Unterstützung vom Staat. Die Regierungen investieren nicht genügend in Infrastruktur und Beratungsdienste. Im Senegal, Niger, Mali und Burkina Faso ist auch die Weidewirtschaft ausgeprägt.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Befinden sich die Agrarflächen in den Händen von Klein- oder Großbauern? Wer kontrolliert die Flächen?

Stefan Ouma: Es gibt keine Geschichte großflächiger privater kommerzieller Landwirtschaft, wenn man von einigen wenigen Großplantagen in Liberia, Sierra Leone, der Elfenbeinküste, Ghana und Nigeria absieht.

Die Kontrolle ist von Staat zu Staat unterschiedlich, generell ist aber die Lage in allen Staaten durch einen komplexen Rechtspluralismus gekennzeichnet, der durch Interventionen in der Kolonialzeit sowie jüngeren Entwicklungen im Spannungsfeld zwischen historischem Erbe, traditionellen Autoritäten und den postkolonialen Staaten bedingt ist. In Ghana wird beispielsweise ein Großteil des Agrarlands von sogenannten Chiefs kontrolliert, die nach traditionellem Recht als „Herrscher“ und „Trustees“ für die Gemeinschaften, denen Sie vorstehen, agieren. Formal gibt es keinen Privatbesitz, nur Kommunalland.

Ländereien, die Bodenschätze beherbergen, gehören dem Staat. Ausländische Investoren können landwirtschaftliche Flächen nur über Verhandlungen mit dem Chief oder der Gemeinschaft erwerben, allerdings nur auf Pachtbasis für maximal 50 Jahre. Zudem müssen ausländische Investoren ab 400 Hektar an Landallokation einen Genehmigungsprozess durchlaufen. Bei Bodenschätzen wird sowohl mit dem Staat als auch traditionellen Autoritäten und deren Gemeinschaften verhandelt. Burkina Faso hat aufgrund seiner sozialistisch-revolutionären Vergangenheit wieder ein anderes System.

Liberia hat wiederum eine eigene Geschichte. Die Elite mit US-Hintergrund lebt vor allem an der Küste und hat dort quasi ein Agrar-Rechtssystem nach westlichem Verständnis etabliert. Die indigene Bevölkerung im ländlichen Hinterland operiert nach traditionellem, indigenem Recht. Der Staat hat diese Rechte ursprünglich als volle Eigentumsrechte anerkannt, aber später in nur noch temporäre Nutzrechte umgewandelt. Dies hat ihm erlaubt, Land für Plantagen zu enteignen. Konflikte um Ressourcen und Land waren schließlich ein Grund des liberianischen Bürgerkriegs. Auch wenn das Land mittlerweile befriedet ist, schwelt diese Problematik weiterhin, vor allem aufgrund neuerer Investitionen in landwirtschaftliche Plantagen.

Sie sehen, es ist unmöglich in der Kürze der Zeit für Westafrika zu sprechen. In vielen Staaten spielen traditionale oder religiöse Autoritäten eine wichtige Rolle bei der Landvergabe.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: In welche Länder ziehen die ausländischen Investoren?

Stefan Ouma: Die Hotspots sind auf jeden Fall Ghana und Nigeria, vor allem wegen des Erdöls. Diese gesellen sich zu weiteren afrikanischen Hotspots wie Uganda, Kenia, Tansania, Sambia, Mozambique und Südafrika. In Westafrika geht es Investoren fast ausschließlich um Rohstoffextraktion/-weiterverarbeitung und Agrarflächen. Es werden also keine industrielle Produktion oder Technologiezentren aufgebaut.

Ich denke Westafrika hat ein großes wirtschaftliches Potential, vor allem auch in der Landwirtschaft, aber auch darüber hinaus. Gleichzeitig ist die Region durch komplexe politische Konflikte gekennzeichnet, die in den nächsten Jahren weithin die Region als auch ihre Anrainer, vor allem Europa, beschäftigen werden: Mali, Nigeria, Guinea-Bissau. Letzteres gilt mittlerweile als erste Narco-Staat Afrikas. Auch Niger hat 2010 einen Putsch und es bleibt abzuwarten, wie sich dort die Situation entwickeln wird. Deutsche Unternehmen brauchen sicherlich mehr Mut, andere, beispielsweise chinesische oder südafrikanische Unternehmen, sind hier weit mutiger und leben ganz gut damit. Siehe etwa die Pläne der südafrikanischen Shoprite-Kette in Nigeria.

Wie Sie sehen können, habe ich in meiner Analyse Mauretanien außen vor gelassen und mich lediglich auf die 15 ECOWAS-Staaten beschränkt. In Westafrika mit Mauretanien leben heute rund 340 Millionen Menschen, davon die Hälfte jünger als 15 Jahre. Das Wachstum liegt bei 2,6 Prozent, was eine Verdoppelung der Bevölkerung auf 800 Millionen bis 2050 bedeutet. Da entsteht als ein riesiger Markt. Der Verstädterungsgrad liegt heute schon bi 50 Prozent, Tendenz steigend.

Alle Staaten bis auf Ghana, Nigeria, die Elfenbeinküste und Kap Verde gehören zu den „Least Developed Countries“, im Durchschnitt leben 47 Prozent der Bevölkerung mit weniger als einem Dollar pro Tag. Die Spanne reicht von 23 Prozent in der Elfenbeinküste bis 79 Prozent in Liberia.

Stefan Ouma ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Wirtschaftsgeographie an der Goethe Universität Frankfurt. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen globale Wertschöpfungsketten, Prozesse des agrarischen Wandels in West- und Ostafrika, globalen Logistiknetzwerke und die Finanzialisierung von Landwirtschaft.

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