Groß-Demos: In Berlin für den Frieden, in Köln gegen Fremdenfeindlichkeit

In mehreren deutschen Städten kam es am Wochenende zu Großdemonstrationen. In Köln gingen 15.000 Menschen auf die Straße, um gegen Fremdenfeindlichkeit zu protestieren. In Berlin marschierten 4.000 Teilnehmer vor das Schloss Bellevue und kritisierten Bundespräsident Gauck wegen seiner Aussagen zum Einsatz von deutschen Soldaten im Ausland.

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Über die Demo in Köln schreibt die dpa:

Sieben Wochen nach den Krawallen von Hooligans und Rechtsextremisten haben in Köln Tausende Menschen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit demonstriert. Zur Abschlusskundgebung unter dem Motto «Du bes Kölle – Kein Nazis he op unser Plätz!» waren am Sonntag nach Angaben von Polizei und Veranstaltern rund 15 000 Teilnehmer gekommen.

«Wir alle stehen hier, um zu zeigen, dass diese Stadt ein friedliches Bild abgeben kann. Der 26. Oktober war ein schwarzer Tag für uns (…). Das darf sich auf unseren Straßen nie wiederholen,» sagte Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD). Köln zeige mit der Aktion, dass es bunt sei und nicht braun. Bei einer Kundgebung der Gruppe «Hooligans gegen Salafisten» hatte es schwere Ausschreitungen gegeben. Mehrere Polizeibeamte waren verletzt worden.

Aufgerufen zur der Protestaktion in der Kölner Innenstadt hatte die Initiative «Arsch hu», die von vielen Kölner Künstlern wie dem Musiker Wolfgang Niedecken und dem Kabarettisten Jürgen Becker unterstützt wird. Die Bläck Fööss traten gemeinsam mit ihrem ehemaligen Frontmann Tommy Engel auf. Die Kölsche Band Brings erinnerte zusammen mit dem deutschen Rapper Eko Fresh in einem Lied an den Nagelbombenanschlag in der Keupstraße im Jahr 2004, der dem «Nationalsozialistischen Untergrund» (NSU) zugeschrieben wird.

Kabarettist Becker betonte bei der Schlusskundgebung, Köln sei kein Einzelfall: «Hier gibt’s genauso viel rechte Säcke, Neonazis und Ausländerfeinde wie in jeder anderen Großstadt Deutschlands.»

Über die Berliner Demo meldet die Berliner Morgenpost:

In Berlin haben mehrere tausend Menschen für Frieden demonstriert. Rund 4.000 Teilnehmer hätten sich zum Protest unter dem Motto „Verantwortung für unser Land heißt: Nein zu Krieg und Konfrontation“ versammelt, sagten Polizei und die Organisatoren des Bündnisses «Friedenswinter 2014/2015». Sie trafen sich am Sonnabend am Hauptbahnhof und marschierten zum Schloss Bellevue. Dort protestierten sie gegen Äußerungen des Bundespräsidenten Joachim Gauck zur Rolle der Bundeswehr.

Der rbb berichtet sehr sachlich:

«Verantwortung für unser Land heißt: Nein zu Krieg und Konfrontation», so lautete das Motto einer großen Friedensdemonstration vor dem Amtssitz von Bundespräsident Joachim Gauck. Verschiedene Friedensnetzwerke und -initiativen hatten zu der Kundgebung aufgerufen, darunter die rüstungskritische Organisation IPPNW (Ärzte gegen den Atomkrieg) und die katholische Organisation pax christi.

Die Friedensbewegung forderte auf der Abschlusskundgebung, auf der unter anderem der Theologe Eugen Drewermann sprach, Lehren aus den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts zu ziehen, an die vielen Millionen Tote zu erinnern und alles dafür zu tun, dass von deutschem Boden kein Krieg mehr ausgehe. Die Demonstranten zeigten sich besorgt über Äußerungen des Bundespräsidenten zur Übernahme von mehr Verantwortung in der Welt.

Die Berliner Zeitung schreibt unter dem Titel «Verschwörungstheoretiker kapern Friedensdemo in Berlin»:

Nein, sie wollten sich nicht einschüchtern lassen, weil es ja um die gute Sache gehen sollte: den Frieden. Also stehen nun, trotz vieler Bedenken im Vorfeld, vereint in Berlin: Gewerkschafter der Lehrervertretung GEW, Atomkraft- und Atomkriegsgegner, Bundestagsabgeordnete der Linkspartei, kommunistische und antiimperialistische Gruppen, die Globalisierungskritiker von Attac und vor allem Hunderte besorgte Bürger mit Peace-Fahnen und Friedenstauben-Logos – bereit für einen Protestmarsch, der am Ende mit 4000 Teilnehmern tatsächlich die größte Friedensdemo des Jahres wird.

Sie wissen, dass auch deshalb so viele Leute da sind, weil die «alte», linke Friedensbewegung hier erstmals gemeinsame Sache mit den neuen, oft zwielichtigen «Mahnwachen»-Gruppen macht. Die hatten im Sommer jeden Montag bundesweit Tausende Kriegsgegner auf die Straße gebracht – darunter allerdings reichlich Verschwörungstheoretiker, Antisemiten, Neurechte und Paranoiker. Falls die traditionellen Friedensbewegten nun gehofft hatten, die Mahnwachen hätten solche Leute inzwischen ausgeschlossen oder würden ihrem Anliegen weniger schaden als nutzen, ging das in Berlin am Ende gründlich daneben.

Die Zeit kritisiert die Demo vor dem Bellevue:

Breit ist das Bündnis…, weil viele der Aussagen so allgemein sind, dass sie eigentlich gar keinen Effekt haben – außer, diejenigen zu wärmen, die sie äußern. So wie die Frau mit dem «Unsere Kinder wollen Leben»-Umhang. Oder den Mann mit dem «Mut zur Wahrheit – wir sind das Volk»-Schild. Oder den Redner, der die natürlich rhetorische Frage stellt: «Seit wann sind Profite wichtiger als Menschenleben?»

Andererseits ganz eng beieinander und einer Meinung sind sie hier, wenn es um den tatsächlich längst stattfindenden Krieg in der Ukraine geht. Das ist nämlich die Schuld der Nato und der USA. Russland ist das Opfer…Putin ist der Übervater dieser Proteste.

Es demonstrieren also 4.000 auch für diesen Präsidenten, der die Krim annektiert, das Völkerrecht gebrochen und Soldaten zur Eroberung in ein fremdes Land geschickt hat. Und gegen den deutschen Präsidenten, der gewagt hat, nur davon zu reden, dass es Situationen geben kann, in denen auch Deutschland militärisch aktiver werden müsste. Ersterer ist für die Menschen hier Hoffnungsträger, der andere ein übler Kriegshetzer. Die größte «Friedensdemo» seit Jahren ist wohl auch deshalb so groß, weil sie sich auf die Seite einer Kriegspartei schlägt.


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