Sanktionen und Rubel-Crash: Russland-Krise erreicht Deutschland

Die deutschen Exporte nach Russland werden im kommenden Jahr um 20 Prozent einbrechen. Dies dürfte Auswirkungen auf die Arbeitsplätze insbesondere in der Automobil-Industrie haben. Die Konjunktur-Forscher nutzen die Gelegenheit des Rubel-Absturzes, um schon jetzt ihre Prognosen für 2015 zu kassieren.

Ihren XING-Kontakten zeigen
linkedin
abo-pic

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) rechnet für dieses Jahr mit einem Rückgang der deutschen Exporte nach Russland um 20 Prozent. Deutsche Unternehmen litten unter der „dramatisch sinkenden Kaufkraft“ der Russen, sagte DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ vom Mittwoch. Dazu trübten sich die Geschäftsaussichten in Russland im nächsten Jahr weiter ein. Investitionen gingen zurück.

„Deutsche Autofabriken sind bereits seit einigen Wochen auf Kurzarbeit geschaltet oder entlassen Mitarbeiter“, erklärte Treier. Die Sanktionen gegen Russland wirkten als Katalysator dieser Entwicklung, die sich allerdings bereits zuvor abgezeichnet hätte. Noch stiegen bei Konsum- und Gebrauchsgütern die Umsätze, weil russische Bürger ihr Geld noch ausgäben, bevor es weiter an Wert verliere. „Diese Entwicklung wird jedoch befristet sein, bis Ersparnisse aufgebraucht sind“, warnte er.

Zudem sänken die Erlöse deutscher Firmen in Russland, weil sie umgerechnet in Euro nur noch die Hälfte dessen wert seien, was sie vor Jahresfrist einbrachten. Mit Blick auf die wirtschaftliche Stabilität Russlands warnte der DIHK davor, dass das Land zunehmend seine Reserven verbrauche. Devisen würden nicht in dem Maße ins Land zurückfließen wie in der Vergangenheit. Auch zur Finanzierung des Haushalts sei wegen des Ölpreisrutsches ein Rückgriff auf die Reserven nötig.

Die Wirtschaftsforscher nutzen die Russland-Krise, um ihre aktuellen Prognosen schon jetzt als unhaltbar darzustellen. Dies ist allerdings verwunderlich, weil eine Russland-Krise spätestens seit den Ereignissen auf dem Maidan in Kiew im Februar vorherzusehen war. Allerdings hat keines der Institute bisher gesagt, dass die Sanktionen vielleicht auch negative Wirkungen auf Deutschland haben könnten. Dies ist nicht verwunderlich: Forscher wie Marcel Fratzscher schreiben als Kolumnisten in der Bild-Zeitung, die in der Russland-Frage einen strammen Merkel-Kurs fährt.

Nun hat Fratzschers DIW erkannt, wie Reuters meldet:

Eine schwere Rezession in Russland würde nach Ansicht des DIW-Instituts auch den Aufschwung in Deutschland bremsen. Wenn die russische Wirtschaft im nächsten Jahr um rund fünf Prozent schrumpfen würde, dann würde auch die Wirtschaft hierzulande weniger stark wachsen als bisher erwartet, erklärten die Ökonomen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) am Mittwoch. Das Bruttoinlandsprodukt würde um 0,1 oder 0,3 Prozentpunkte langsamer steigen, sagte DIW-Experte Ferdinand Fichtner. „Das hätte aber keinen massiven Einbruch der deutschen Konjunktur zur Folge.“ Derzeit erwarten die Berliner Forscher 2015 ein Wachstum von 1,4 Prozent, nach 1,5 Prozent in diesem Jahr. 2016 rechnen sie mit einem Plus von 1,7 Prozent.

„Die Risiken sind aber enorm“, räumte DIW-Präsident Marcel Fratzscher. Grund sei neben den wirtschaftlichen Turbulenzen in Russland die Tatsache, dass der Euro-Raum konjunkturell nicht richtig vom Fleck komme. Für Schwung sorge hingegen die Binnenwirtschaft in Deutschland, da vor allem die Verbraucher mit ihren Konsumausgaben die Konjunktur ankurbelten. Die Bürger profitieren laut DIW von steigenden Löhnen und einer – auch wegen des sinkenden Ölpreises – niedrigen Inflation. „Wir haben die höchsten Reallohnzuwächse seit der Wiedervereinigung“, sagte Fichtner.

Wegen des niedrigen Ölpreises dürften auch die Importpreise sinken. In der Folge erwartet das DIW einen Anstieg des Leistungsbilanzüberschusses von 7,5 Prozent im Verhältnis zur Wirtschaftskraft. Dieser Werte werde im nächsten und übernächsten Jahr sogar bei 8,0 Prozent liegen. „Das ist ein unglaublich starker Anstieg“, sagte Fratzscher. „Da wird Deutschland sicher wieder Kritik einstecken müssen.“ Die EU-Kommission stuft Werte von dauerhaft mehr als sechs Prozent als Gefahr für die Finanzstabilität ein. Sie gelten auch als Ursache für Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft.

*** Bestellen Sie den täglichen Newsletter der Deutschen Wirtschafts Nachrichten: Die wichtigsten aktuellen News und die exklusiven Stories bereits am frühen Morgen. Verschaffen Sie sich einen Informations-Vorsprung. Anmeldung zum Gratis-Newsletter hier. ***


media-fastclick media-fastclick