Megatrends 2015: China, der Dollar und der gläserne Bürger

Das Jahr 2015 könnte gravierende Veränderungen im System der Weltwirtschaft bringen: Wer an den Weihnachtsfeiertagen die richtigen Bücher liest, könnte in turbulenten Zeiten im Vorteil sein. Die zehn Geheim-Tipps der Deutschen Wirtschafts Nachrichten.

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Die Veränderungen im internationalen Finanz- und Wirtschaftsleben sind mit Händen zu greifen: Über Nacht geraten Systeme aus den Fugen, wie nun der Rubel in Russland. Die Frage, die sich viele stellen: Ist das der Schwarze Schwan, mit dem das System zum Einsturz komm? Folgt der Domino-Effekt in den Schwellenländern, des erste Ausläufer heute schon in der Türkei zu beobachten sind? Wie wird die Krise Europa betreffen? Woher kommt die Krise eigentlich? Wir zeigen im Folgenden anhand von 10 Büchern, worum es bei der Krise geht. Die Bücher eignen sich als Weihnachtsgeschenk (einzeln oder als 10er-Pack) genauso wie als Proviant für die Feiertage (falls nach der Verdauung des Weihnachtsbratens wirklich der Schwarze Schwan auftauchen sollte).

Tipp 1: „Wladimir. Die ganze Wahrheit über Putin“

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In dieser außerordentlich kompetent geschriebenen Analyse räumt der Autor mit diversen Vorurteilen auf, die über Putin landläufig kursieren. Stanislaw Belkowoski erklärt, dass Putin weniger ein Mann der Geheimdienste ist, sondern eher ein geschickter Wirtschaftsmann, der es versteht, die Interessen der Oligarchen zu bedienen. Daher ist Putin trotz seiner versuchten Ächtung durch die Amerikaner immer noch ein wichtiger Player für die internationalen Finanz-Eliten. Allerdings könnte es für den Westen dramatische Folgen haben. Der Autor schreibt in seiner kritischen, jedoch angenehm unvoreingenommenen Analyse: „Meine Herren Bürokraten, wenn das Volk demnächst massenhaft auf die Straße geht, wie es vor kurzem in Bulgarien der Fall war, dann werdet ihr nicht sagen können, man habe euch nicht gewarnt.“

Tipp 2: „Die Geld-Apokalypse“

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Dieses im Deutschen etwas reißerisch übertitelte Buch (Englisch: The death of money) erklärt die Kulisse, vor der der neue Kalte Krieg mit Russland stattfindet: Autor James Rickards erklärt in unnachahmlich klarer und verständlicher Sprache, dass wir uns bereits mitten in einem Währungskrieg befinden: „Der Kriegszweck besteht darin, den Willen und die ökonomischen Kapazitäten des Feindes zu brechen…Die Zerstörung von Wohlstand durch eine Börsenattacke kann wirksamer sein als das Versenken feindlicher Schiffe.“ Rickards berichtet aus dem inneren der US-Regierungsbehörden, wie die Beamten in Washington längst zu dieser Art der Kriegsführung übergangen sind. Der Autor versteht es meisterhaft, nicht Partei zu ergreifen für die eine oder andere Seite, sondern schildert wie in einem Krimi den vielleicht entscheidenden Krieg der Zukunft, die Schlacht um das Fortbestehen des Dollars als Weltleitwährung.

Tipp 3: „Mehr Geld als Gott“

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Die Regierungen sind natürlich nicht die einzigen Player in dieser globalen Auseinandersetzung. Über den Wert von Währungen und Assets bestimmen ganz entscheidend die berüchtigten Spekulanten mit. Sie sind in gewisser Weise ein wichtiges Korrektiv, wenn man wissen will, wie der Krieg endet könnte. Denn sie wetten reales Geld und gehen daher besonders überlegt vor. Sebastian Mallaby entwirft in seinem Buch ein sehr lehrreiches Panorama der neuen Wettkönige, die sich im Fachjargon „Hedge Fonds“ nennen. Mallaby kommt zu dem überraschenden Schluss, dass das klassische Universal-Bankenwesen am Ende ist und die Zukunft bei solchen hochspezialisierten Spekulanten liegen könnte. Entscheidend ist für Mallaby, dass mit fairen Mitteln gewettet wird – und dass die Spekulanten klein und abgeschottet bleiben, damit sie schlicht pleitegehen können, wenn sie sich verzocken.

Tipp 4: „Die Herren des Geldes“

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Die Gegenspieler zu den Wettkönigen sind die Zentralbanken: Sie riskieren persönlich nichts und können, wenn sie zu viele Fehler machen, „die Welt in den Bankrott“ treiben, wie Liaquat Ahamed sein Buch über die Weltwirtschaftskrise der 1920er-Jahre untertitelt. Ahameds Buch ist so wertvoll, weil es die Problematik der Zentralbanker nicht in den Verstrickungen der aktuellen Proponenten zeigt, sondern die Geschichte von vier Strippenziehern erzählt, deren Fehler die Welt in letzter Konsequenz in einen Weltkrieg getrieben haben. Ihr Jonglieren mit dem Fundament jeder Wirtschaftsordnung – dem Geld – wurde überdeckt von den Fehlern, Anmaßungen und schließlich den historischen Verbrechen von Politikern, die in die Geschichte als die Täter eingingen, obwohl ihre Aktionen ohne die vorbereitende Arbeit der Strippenzieher unter Umständen nicht möglich gewesen wären.

Tipp 5: „Der Kollaps des Dollars“

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James Turk und John Rubino haben bereits vor zehn Jahren den Untergang der Weltwährung vorhergesagt. Dass es den Dollar noch immer in der bekannten Form gibt, spricht nicht gegen die Analysen der Autoren, sondern ist ein Beleg für das Beharrungsvermögen von globalen Systemen. Das Buch hatte allerdings in einem Punkt recht: Parallel zum Niedergang des Dollars stieg der Goldpreis. Gold ist, wie neulich die New York Times in einem interessanten Op-Ed erläuterte, vermutlich weniger ein Zahlungsmittel oder eine Wertanlage als vielmehr ein Symbol der Macht, das erodierende Reiche verlieren und aufsteigende Reiche horten – um eines Tages die Spielregeln zu ändern. Die Autoren schildern prophetisch, dass die Krise des Dollar die Zwillingsschwester der globalen Schuldenkrise gesehen werden muss. China, Russland und viele andere Emerging Markets haben in den vergangenen Jahren ihre Goldbestände systematisch erhöht. In dem von Rickards (siehe Tipp 2) beschriebenen, globalen Währungskrieg gibt es im Pentagon längst Planspiele, in denen China mit der Einführung eines Goldstandards die globale Machtfrage stellt.

Tipp 6: „Die China AG“

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Ob China wirklich seiner eigenen Schuldenfalle entkommen kann, ist eine offene Frage. Hans Joachim Fuchs zeigt jedoch in seinem Buch, dass China seit Jahren eine nachhaltige Strategie verfolgt, sich auf europäischen Märkten einzukaufen. China braucht wie kein anderes Land Rohstoffe. Erst in den vergangenen Tagen wurde bekannt, dass sich China den niedrigen Ölpreis zunutze macht, um seine Lager zu füllen. Der Autor analysiert anhand von faszinierenden Fall-Beispielen, wie chinesische Unternehmen in neue Märkte vordringen und belegt damit, dass China ein uralte Tradition als Handelsmacht hat und weniger auf den Krieg, als vielmehr auf die Vernetzung durch Wirtschaftsbeziehungen setzt. Eine der Firmen, die Fuchs analysiert, ist das Telekommunikationsunternehmen Huawei. Vor wenigen Jahren noch unbekannt, positioniert sich das Unternehmen gerade ohne viel öffentlichen Aufhebens als Modem-Partner der Deutschen Telekom und könnte, wenn die Mitbewerber nicht achtgeben, schon bald in praktisch jedem deutschen Haushalt präsent sein.

Tipp 7: „Die gelbe Gefahr“

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Chinas Strategie der globalen Wirtschaftsbeziehungen ist alles andere als selbstlos. China ist ein zentral gesteuerter Staat, der eigene Vorstellungen von dem Zusammenleben einer Gesellschaft hat. Eben erst schickt sich das Land an, Russland seine Unterstützung anzubieten – zu einem Preis, den die Russen zahlen unter Umständen zahlen müssen, weil sie selbst bei der Errichtung einer nachhaltigen Partnerschaft mit dem Westen auf halbem Weg stehen geblieben sind. Der Deal Putins mit Peking über Gas-Lieferungen nach China war nur möglich, weil die Chinesen extrem gute Preise verhandelt haben. Stephen Leeb und Gregory Dorsey beschreiben in ihrem Buch, dass „Chinas Gier nach Rohstoffen unseren Lebensstil gefährdet“. Das rationale Vorgehen Chinas, das in dem Buch sichtbar wird, ist beeindruckend und sollte Romantikern die Augen öffnen: Die Chinesen sind keine Heilsarmee.

Tipp 8: „Verwerfungen“

978-3-89879-685-9Bereits zwei Jahre vor dem Buch von Thomas Piketty hat Raghuram G. Rajan die Gefahren, die von der wachsenden Ungleichheit bei Vermögen und Einkommen ausgehen, analysiert. Er beschreibt in seinem Buch über die „Verwerfungen“, die in einem globalen System zwangsläufig kommen müssen. Der ehemalige Chefökonom des IWF weiß, wovon er spricht. Der IWF ist als globale Schuldenmaschine einer der Motoren, die durch die Anbetung von Götzen wie „Wachstum“, „Kredite“ und „Exporte“ versucht, die Welt zu einem Marktplatz zu machen. Rajan zeigt, dass die globale Verteilung an ihre Grenzen stößt – spätestens, wenn ein Problem wie die weltweite Nahrungsmittelknappheit zum Ausgangspunkt von kriegerischen Auseinandersetzung wird. Dieser Krieg wird, wie wir bei Tipp 5 gesehen haben, nicht nur mit Bomben und Landminen, sondern vor allem als Finanzkrieg geführt. Erstaunlich harsch fällt das Urteil über die handelnden Repräsentanten von Politik, Wirtschaft und den NGOs aus: Sie treffen sich auf pathetischen Gipfel und geben Plattitüden von sich, ohne die Probleme auch nur im Ansatz zu erkennen, geschweige denn beheben zu können.

Tipp 9: „Raubzug der Algorithmen“

Schmitt

Der Tatenlosigkeit der politischen Repräsentanten wird untermal vom ständigen Surren und Rauschen einer scheinbar unbegrenzten, weltweiten Kommunikation, die durch das Internet ermöglicht wird. Hubert-Ralph Schmidt beschreibt, dass die Cyberwelt auch eine Welt der Cyberkriminalität ist, in der vor allem Unternehmen und ihre Geschäftsgeheimnisse ins Visier geraten. Die global marodierenden Cyber-Banden sind oft die Vorhut der Finanzkrieger. Mit Cyberattacken bietet die moderne, vernetzte Welt beispiellos effiziente Werkzeuge, um an das Wissen anderer zu kommen. Edward Snowdens Enthüllungen sind bisher eher pauschal geblieben und haben die Welt in eine Art der diffusen Schockstarre versetzt. Wirklich schützen wollen sich die wenigsten, weil sie der naiven Auffassung unterliegen, es werde sie schon nicht treffen. Der Autor zeigt in einem kleinen Büchlein, welchen konkreten Gefahren deutsche Unternehmen ausgesetzt sind und erklärt, dass Hacking kein Schicksal sein muss.

Tipp 10: „Einspruch!“

Lusser

Cyberkriminalität ist keine auf den Bereich der Privatwirtschaft beschränktes Phänomen. Wenn die Snowden-Auftritte eines klargemacht haben, so ist dies die Tatsache, dass die Staaten sich die Möglichkeiten der digitalen Bespitzelung im großen Stil zunutze machen: Sie wollen die Privatsphäre der Bürger aufbrechen, und manchmal kann man den Eindruck gewinnen, die Regierungen hätten die Bürger mit dem Internet in die Falle gelockt. Immerhin hatte das Internet, wie wir es heute kennen, seinen Ursprung in militärischen Einrichtungen. Nur dank der menschlichen Kreativität ist das Internet auch für die Mächtigen zu einer Herausforderung geworden, weil es Alternativen zu den offiziellen Verlautbarungen und dem anschwellenden Papageiengesang gibt, der von vielen Medien kritiklos angestimmt wird, wenn sie über Politik und Wirtschaft berichten. Andreas Lusser zeigt unter dem Untertitel „Warum unser Geld Privatsphäre verdient“, dass der Weg von der Aufhebung des Bankgeheimnisses bis zur beinharten Schnüffelei in den finanziellen Angelegenheiten der Bürger nur sehr kurz ist. Was öffentlich von allen akklamiert wird – Fasst die Steuersünder! – dient dem durch die Schuldenkrise immer gefräßigeren Staat langfristig als Vorwand zum „immerwährenden staatlichen Zugriff“, wie der Autor schreibt. Lusser sieht in diesem Gebaren des Staates die „freiheitlich-soziale Gesellschaftsordnung“ in Gefahr.

Diese Gefahr dürfte, und das ist der zusammengefasste Trend für 2015, weiter steigen. Roland Baader, dessen Bücher an dieser Stelle „außer Konkurrenz“ empfohlen seien, hat genau diese Entwicklung vorhergesehen. Die Lektüre der 10 DWN-Geheimtipps bietet vermutlich keinen umfassenden Schutz. Sie kann allerdings den Spin-Doctores, Strippenziehern, Zentralbankern und Zwangsbeglückern einiges vom Überraschungs-Moment nehmen, wenn diese ihre nächste Attacke planen.

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