Neue Unruhe: Spekulationen um die Zukunft der Commerzbank

Die Commerzbank geht in eine ungewissen Zukunft. Die Bank sei zu klein, um allein zu bestehen, sagen Beobachter. Für ausländische Käufer sei sie völlig unattraktiv: Die Bank hat eine Bilanzsumme von 600 Milliarden Euro und ist kaum profitabel. Daher bleibt das Risiko vorerst beim Steuerzahler hängen. Für die Kunden dürfte es in einigen Bereichen teurer werden, mit der Commerzbank Geschäfte zu machen.

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Alexander Hübner und Arno Schuetze von Reuters haben eine interessante Analyse der Commerzbank verfasst. Die Bank scheint demnach vor schwierigen Zeiten zu stehen. Der Steuerzahler musste die Commerzbank in der Finanzkrise retten. Im Jahr 2014 sorgte die Bank für Aufsehen, weil die Boni, die sich die Manager genehmigten, höher waren als der Jahres-Gewinn der Unternehmens.

Reuters analysiert:

Es ist Halbzeit, und es sieht nicht nach einem Kantersieg aus für die Mannschaft um Commerzbank-Chef Martin Blessing. Deutschlands zweitgrößte Bank liegt im Rückstand, was ihre Ziele angeht, die Blessing ihr vor gut zwei Jahren für 2016 gesetzt hat. Und in der zweiten Halbzeit bläst ihr der Sturm in Form der Dauer-Niedrigzinsen ins Gesicht. „Rückenwind ist anders“, kommentiert ein Mitspieler trocken. Beim Anpfiff zu Blessings „strategischer Agenda 2016“ sei das so nicht abzusehen gewesen. Im Aufsichtsrat waren die Ziele schon Thema. „Die Prognosen werden schwieriger zu erreichen sein“, sagt ein Mitglied des Gremiums. „Aber sie sind noch machbar“, setzt der Aufsichtsrat auf den nötigen Teamgeist.

Eine Eigenkapitalrendite von zehn Prozent sollte die Commerzbank 2016 im Kerngeschäft erreichen und wenigstens ihre Kapitalkosten verdienen – darauf hatte Blessing sein Team im Herbst 2012 eingeschworen. Zwei Jahre später sind es gut die Hälfte: 5,7 Prozent. Kepler-Cheuvreux-Analyst Dirk Becker hat ausgerechnet: „Die Commerzbank hat sich seit 1991 immer ein Renditeziel von zehn bis 15 Prozent vorgenommen – doch im Schnitt hat sie nur 3,5 Prozent erreicht.“ Eigentlich war in den Zielen noch Luft – doch der Puffer sei durch die Widrigkeiten am Markt aufgebraucht, sagt der Analyst. Für 2016 traut Becker ihr sieben Prozent zu. „Dass sie ihr Ziel für 2016 erreicht, glaubt bei der Historie ohnehin niemand.“ Das Geschäftsmodell der Bank gebe zehn Prozent einfach nicht her. „Mir ist nicht klar, wo die zusätzlichen Gewinne herkommen sollen.“

Deshalb richten sich alle Blicke auf den 12. Februar, wenn Martin Blessing selbst eine Zwischenbilanz ziehen dürfte. Wird er dann die zehn Prozent infrage stellen? Sind sie angesichts der günstigen Refinanzierung überhaupt die richtige Messlatte für die Kapitalkosten einer Bank? „Wenn man etwas anpassen muss, wird man es anpassen“, sagt ein Insider. Dass Blessing schon im Februar die Reißleine zieht, glauben nur wenige Experten. „Die Bank wird sich noch ein Jahr weiter durchwursteln und Mitte 2016 dann die selben Ziele für 2019 verkünden“, unkt Becker. Auch Neil Smith vom Bankhaus Lampe sagt: „Ich glaube nicht, dass sie ihre Ziele kurzfristig revidieren wird.“

Einige Erfolge hat die Commerzbank durchaus vorzuweisen: Im Privatkundengeschäft ist sie in etwa im Plan bei dem Ziel, bis 2016 eine Million Kunden zusätzlich angelockt zu haben. Kunden, die mehr Ertrag bringen als die bisherigen. Und zu dem erst in zwei Jahren angepeilten Vorsteuergewinn von 500 Millionen Euro fehlt nicht mehr viel – trotz niedriger Zinsen. Denn Vorstand Martin Zielke hat die Sparte so umgesteuert, dass sie weniger von Zinsen als von den Provisionen im Wertpapiergeschäft lebt. Allerdings hatte die Bank die Hürde für Zielke auch besonders niedrig angesetzt.

Im Mittelstandsgeschäft, der wichtigsten Ertragsstütze, sind die Erwartungen höher. Doch der deutsche Mittelstand leiht sich weniger Geld als erhofft. Die operative Rendite entwickelt sich in die falsche Richtung. Vor einem Jahr hatte Vorstand Markus Beumer die angepeilten 20 Prozent schon erreicht, nach drei Quartalen 2014 muss er sich mit 18,9 Prozent zufriedengeben. Nun soll an der Preisschraube gedreht werden. „Manche Dinge werden wir verteuern müssen“, sagte Beumer dem „Handelsblatt“ kürzlich. Kunden mit besonders hohen Einlagen muss er angesichts negativer EZB-Zinsen sogar vergraulen. Quersubventionieren sei nicht mehr drin.

NICHT MEHR LEBENSBEDROHLICH

Die größten Fortschritte verdankt die Commerzbank aber ihrer „Bad Bank“ und der Tatsache, dass sich Immobilienkredite wieder gut verkaufen lassen. Das ursprüngliche Ziel, die interne „Bad Bank“ (NCA) mit Immobilien-, Schiffs- und Staatsfinanzierungen von 160 Milliarden auf rund 93 Milliarden Euro einzudampfen, ist längst erreicht. 88 Milliarden sind noch übrig, 53 Milliarden davon – etwa deutsche Staatsanleihen und Unternehmenspapiere – lassen sich leicht in die eigenen Finanzreserven umbuchen. Und wenn die Immobilien- und Schiffskredite 2016 wie geplant nur noch 20 Milliarden Euro schwer sind, dürfte die NCA obsolet und die Eurohypo – einst Deutschlands größte Immobilienbank – endgültig Geschichte sein.

„Der Turnaround scheint geschafft“, konstatiert einer der zehn größten Commerzbank-Aktionäre zufrieden. „Die Risiken sind so geschrumpft, dass sie nicht mehr lebensbedrohlich sind. Aber jetzt muss die Bank noch an der Rentabilität arbeiten.“ Für die anderen Sparten wird das Leben nicht leichter. Denn mit jedem Euro, den die Bank von der „Bad Bank“ ins Mittelstands- und ins Privatkundengeschäft umlenkt, steigen dort die Anforderungen. Das ist pure Mathematik: Wenn das Eigenkapital wächst, muss der Gewinn noch stärker steigen, damit sich die Rendite verbessert.

EINE ATTRAKTIVE BRAUT?

Doch selbst wenn Blessing auf den Spuren von Bundesliga-Torjäger Alexander Meier wandelt und nach einem 0:3 noch das 4:4 schafft wie Eintracht Frankfurt jüngst in der Commerzbank-Arena, ein Problem kann er damit nicht lösen: In politischen Berlin ist man sicher, dass die Commerzbank im internationalen Wettbewerb auf Dauer zu klein ist. Und nach dem gut bestandenen Stresstest wächst die Unruhe – allzu lange will Finanzminister Wolfgang Schäuble das Thema nicht mehr vor sich her schieben.

Den 17-Prozent-Anteil des Staates an den erstbesten Käufer aus Europa oder gar aus China abzugeben, ist nicht der Plan. Ein strategischer Partner sollte es schon sein, der der Bank helfen würde, über Deutschland und Polen hinaus Fuß zu fassen. Doch das geht nicht ohne eine Übernahme: „Mit den 17 Prozent kann niemand etwas anfangen, und eine ganze Bank zu kaufen, ohne vorher in deren Bücher zu schauen, ist Selbstmord“, sagt ein Bankenkenner. An der Börse kostet die Aktie gerade einmal elf Euro. Unter 18 oder 19 Euro kann Schäuble nicht verkaufen, will er zumindest keine weiteren Verluste mit der ohnehin unpopulären Rettung der Commerzbank einfahren.

Dann wäre die Commerzbank aber 21 Milliarden Euro teuer – ein dickes Brett selbst für die Namen, die trotz aller Dementis als mögliche Käufer gehandelt werden. Institute, die sich davon ein Standbein in Deutschland versprechen: die UBS, die Franzosen von BNP Paribas und Societe Generale sowie die spanische Santander. Grundsätzliche Opposition gegen eine Übernahme wäre von Blessing nicht zu erwarten, dazu ist der Commerzbank-Chef ein zu kühler Rechner. Aber sie birgt ein Risiko, das man in Berlin scheut: den Mannschaftskapitän zu verlieren, dessen Vertrag im Oktober 2016 ausläuft.

So droht die Konsolidierung der europäischen Bankenbranche an der Commerzbank vorbeizugehen. „Ich denke nicht, dass die Commerzbank für einen ausländischen Käufer attraktiv ist“, sagt Analyst Becker. „Eine Bank mit 600 Milliarden Bilanzsumme zu kaufen, die kaum profitabel ist, wäre nicht so ratsam.“ Und der große Wurf wäre das auch nicht, meint Fondsmanager Jürgen Meyer von der SEB: „Es gibt in Deutschland sehr viele Banken, so dass ausländische Käufer auch mit der Commerzbank nur einen kleinen Marktanteil hätten.“ Acht Prozent der Privatkunden wären mit der Commerzbank zu holen, im exportorientierten Mittelstand mehr.

Branchenkenner glauben ohnehin, dass es zunächst zu Fusionen innerhalb der Landesgrenzen kommen wird. Die blau-gelbe Postbank müsste nur ihren Farbton ändern, wenn sie mit der gelben Commerzbank zusammenginge. Doch Deutsche Bank-Co-Chef Jürgen Fitschen hat einen Verkauf im Interview mit der „Welt am Sonntag“ zum Tabu erklärt – und gleichzeitig ein neues Spiel eröffnet: „Wenn man sich auf dem nationalen Markt positioniert hat, stellt sich zwangsläufig die Frage, was als Nächstes kommt.“

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