Flüchtlinge: Die Ausbeutung der Welt schlägt im behaglichen Deutschland an

Die Ängste der Demonstranten der Pegida spiegeln die Realität jener wider, die alles verloren haben: Würde, Heimat, Identität. Die Diskussion um die Flüchtlinge muss den Kern des Problems fokussieren. Globale Ausbeutung, Sklavenarbeit und Rohstoff-Zerstörung machen die Waren in unseren Supermärkten billig und jederzeit verfügbar. Der Filmemacher Marcel Kolvenbach plädiert für einen radikalen Wechsel der ökonomischen Produktion als einzige Lösung eines Problems, das weder mit Demagogie noch mit hohlem Pathos aus der Welt zu schaffen ist.

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Ich glaube, es gibt es eine paradoxe Verbindung zwischen dem, was die Menschen in diesen Tagen in Dresden und anderswo gegen Flüchtlinge auf die Straßen bringt und die Ursachen von Flucht und Vertreibung. Die Verbindung stellen diese beiden Begriffe her: Heimat und Angst. Die vage Angst davor, Heimat verlieren zu können und die konkrete Erfahrung der Vertreibung aus der Heimat, die die Flüchtlinge erlitten haben.

In 50 Jahren werden 1 Milliarde Menschen weltweit unterwegs sein

Laut UN sind über 50 Millionen Menschen auf der Flucht. Nach einem Szenario geht man davon aus, dass sich in den kommenden 50 Jahren eine Milliarde Menschen in Bewegung setzten werden. Die große Völkerwanderung der Moderne. Nicht alle diese Menschen werden wir als Flüchtlinge bezeichnen können und doch gibt es einen weltweiten Aufbruch von Menschen, die anderswo eine Zukunft in Wohlstand und Frieden suchen.

Noch ist das eine Fluchtbewegung von Süd nach Nord. Noch sehen wir uns im „bedrohten“ Abendland einer Welle von Flüchtlingen vor Elend, Krieg, Terror und Perspektivlosigkeit ausgesetzt. Doch nie war diese Bewegungsrichtung eine Einbahnstraße. Immer wieder gab es Zeiten, in denen sich Menschen aus Europa in die entgegengesetzte Richtung auf den Weg machten. Sie flohen vor Hunger und Kälte, religiöser Verfolgung oder Despoten, Kriegen und Krankheiten in den Süden oder nach Amerika, suchten dort das Gelobte Land.

Seit der Krise in Südeuropa hat sich – unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit – bereits eine neue Gastarbeiterbewegung in Richtung Afrika etabliert: Portugiesen suchen in Mosambik Arbeit als Straßenbauer, als Putzer oder in den Hotels in Afrika. Andere finden gut bezahlte Jobs in dem von Petro-Dollar verwöhnten Angola, die Hauptstadt Luanda ist eine der teuersten Städte der Welt.

Umgekehrt kaufen gerade in diesen Krisenzeiten reiche Angolaner ganze Straßenzüge in Portugal, Villen in bester Lage und Tankstellenketten, gründen Banken in der Schweiz.

In Ländern wie Uganda oder Niger sind riesige Ölvorkommen gesichtet worden und schon jetzt träumen die Regierungen davon, mit den Einnahmen große Atomkraftwerke für die Industrialisierung Afrikas zu bauen und so Arbeitsplätze für die Bevölkerung zu schaffen, die Ressourcen für die eigene Entwicklung zu nutzen. Noch ist das Zukunftsmusik doch unbemerkt von der Deutschen Öffentlichkeit hat ein neuer Wettlauf um die Rohstoffe begonnen, von denen unser Wohlstand abhängt: Chinesen kaufen sich in Afrika ein, Inder bebauen riesige Landstriche mit Nahrungsmitteln für die Hungrigen in der Heimat und Afrika selber beginnt sich für die Uran-, Gas- und Ölvorkommen zu interessieren.

Die Wohlstandsbürger fürchten sich von dem Virus der Flucht angesteckt zu werden – wie von Ebola

Das Paradoxe an den aktuellen Demonstrationen „gegen das Fremde“ ist, dass die Menschen, die da auf die Straße gehen noch all das besitzen, was die Flüchtlinge bereits verloren haben, vor allem aber ihre Heimat, ihre Sprache, ihre Kultur, meinetwegen ihren Glauben, ihren Gott.

Dagegen haben die, gegen die sie demonstrieren bereits alles verloren: Hab und Gut, ihre Heimat, ihre Kultur, ihre Sprache, manchmal auch ihren Glauben und ihren Gott, der sie im Stich gelassen hat.

Paradoxerweise sind es nicht zehntausende Flüchtlinge, die demonstrieren gegen die Fremden, denen sie ausgesetzt sind, gegen den Verlust von Heimat und Identität, gegen den Raub ihres Besitzes, den Verlust ihrer sozialen Stellung, ihrer Angehörigen.

Was treibt also diese Menschen, die alles haben, und die in der Überzahl sind, auf die Straße? Warum sind sie voller Angst vor der Zukunft? Was macht ihnen so existenzielle Sorge?

Unsere Intuition blickt oft weiter in die Zukunft als unser Verstand und dieses Bauchgefühl vermittelt und manchmal mehr von einer komplexen Realität als die Summe einzelner Fakten.

Vielleicht spüren die Demonstranten instinktiv, dass Flucht und Vertreibung kein Privileg von Menschen aus fernen Ländern und Kulturen ist, dass Flucht und Vertreibung irgendwann – früher oder später – jeden treffen kann – letztendlich auch uns. Dass die ganze Welt gerade dabei ist, sich auf den Weg zu machen, dass überall Heimat und Kultur, Sprache und Identität zerstört wird?

Vielleicht befürchten die Menschen auf der Straße, dass Flucht und Vertreibung eine Art Ebola ist, eine ansteckende Krankheit. Flucht und Vertreibung als eine moderne Pest. Bringen die Flüchtlinge den Virus mit sich, der den Rest der Zivilisation in einen Abgrund stürzen wird, einen Abgrund, der sich am Horizont der totalen Globalisierung abzeichnet?

Wir erleben hier nur die Schaumkrone des Flüchtlings-Tsunamis

Denen, die den Flüchtlings-Tsunami fürchten, möchte man zurufen, dass es nur eine sehr kleine ausgewählte Elite zu uns schafft. Die wenigen, die das Geld und die Kontakte, die Bildung und den Mut haben, den komplizierten, gefährlichen und teuren, praktisch eigentlich unmöglichen Weg bis nach Deutschland zu finden. Viele derer, die als Flüchtling zu uns kommen waren in der Heimat wohlhabend, besaßen Ländereien, Häuser, die sie verloren haben oder verkaufen mussten, um die Flucht zu finanzieren. Sie haben studiert oder ein Unternehmen betrieben, waren Lehrer, Ärzte, Anwälte, Bürgermeister, waren die gesellschaftliche Elite zuhause. Diesen wenigen nur ist es vergönnt, tausende Euro Cash für die Reise aufzubringen. Bei uns kommt also nur die Spitze einer kleinen Schaumkrone dieses Flüchtlings-Tsunamis an, den es tatsächlich immer wieder gibt. Die Überwiegende Mehrheit der mittellosen Heimatvertriebenen, die gerade mal das nackte Leben und das Hemd auf der Haut haben retten können, all diese stranden in Millionen in den unmittelbaren Nachbarländern und in UN Flüchtlingslagern. Dazu später mehr.

Denen, die glauben, eine großzügigere Flüchtlingspolitik könne dem millionenfachen Flüchtlingselend ein Ende setzen, möchte man die Zahlen entgegen halten derer, die alleine in den letzten Monaten von der IS vertrieben wurden. Und dann all jene, die schon seit Jahrzehnten in Flüchtlingslagern darben.

Oder um die konkreten Zahlen der UN zu zitieren: „Derzeit befinden sich weltweit fast 51,2 Millionen Menschen auf der Flucht.“ Fast 90 Prozent dieser Menschen leben in Entwicklungsländern in der unmittelbaren Umgebung – entweder als Binnenflüchtlinge in einer anderen Region im eigenen Land oder in einem angrenzenden Nachbarland.

Was mich an der Perspektive derer, die gegen eine Aufnahme von Flüchtlingen demonstrieren, und derer, die demonstrativ für eine Aufnahme von Flüchtlingen werben, stört, ist die gleiche paternalistische Perspektive. Ihr Bild von Deutschland und dem Rest der Welt, das sich bei beiden Gruppen nicht so grundlegend zu unterscheiden scheint. Beide Gruppen glauben, dass Deutschland das gelobte Land sei, in das die Menschen aus der ganzen Welt strömen, um ihr Heil zu erleben. Die einen glauben, das gelobte Land sei mindestens den Christen, am besten aber denen mit rein germanischem Stammbaum vorbehalten, die anderen glauben – möglicherweise gerade aus einer christlichen Nächstenliebe heraus – dieses Paradies auf Erden Namens Deutschland müsse mit so vielen Menschen wie möglich geteilt werden.

Dabei übersehen beide Gruppen einen wesentlichen Punkt für eine nachhaltige und zukünftige Flüchtlingspolitik.

Die Suche nach den Ursachen für Flucht und Vertreibung

Was mir in der Flüchtlingsdiskussion fehlt, ist die Frage nach dem Fluchtgrund. Denn hier liegt der eigentliche Schlüssel zu dieser ganzen leidigen Debatte. Und ich glaube, dass wir, wenn wir uns nicht ernsthaft Gedanken über die Fluchtgründe, unsere Verantwortung und die Zusammenhänge zwischen unserem Wohlstand und den Fluchtgründen stellen, die Flüchtlingsproblematik nie in den Griff bekommen werden.

Erst wenn wir die Fluchtgründe erfolgreich bekämpft haben und tatsächlich nur noch jene Menschen zu uns kommen, die aus individueller Verfolgung oder aus romantischer Liebe für die deutsche Kultur, die Dichter und Denker nach Deutschland kommen, erst dann können wir sagen, wir haben etwas für Flüchtlinge getan.

3 Beispiele:

Vor ein paar Jahren untersuchte die UN den Bürgerkrieg im Kongo. Einem Krieg, in dem in den vergangenen Jahrzehnten – je nach Statistik – 5 bis 10 Millionen Menschen gestorben sind und täglich weiter sterben. Einem Krieg, in dem Frauen (und Männer) Opfer sexueller Gewalt als Kriegsstrategie werden, in dem Menschen brutalst abgeschlachtet werden. Ein Krieg in einem Land, das über weltweit die größten Rohstoffreserven verfügt. Der UN Bericht nannte explizit eine deutsche Tochterfirma eines sehr, sehr großen und mächtigen deutschen Chemiekonzerns als einer der Finanziers der Rebellen, die dem Chemie-Riesen Koltan lieferten, ein Mineral, das wir alle in unserem Handy haben. Auch Konzerne wie Nokia kamen wegen der Koltan-Beschaffung im Kongo ins Gerede (wie der Dokumentarfilm „Blood in the mobile“ eindrucksvoll dokumentierte).

Ich war als Journalist im Kongo und habe es in meinem Dokumentarfilm „Atomic Africa“ dokumentiert: Dort werden riesige, illegale Minen betrieben, in denen die Menschen mit bloßen Händen „illegal“ nach Mineralien buddeln, sogar nach radioaktivem Uran. Sie riskieren ihr Leben, um dann für ein paar Cent am Tag die Grundlage unserer High-Tech Konzerne aus dem Boden zu schürfen. Die internationale Gemeinschaft unternimmt bisher wenig, um im Kongo eine funktionierende Demokratie zu etablieren und den Rebellen das Handwerk zu legen. Die Plünderung der Rohstoffe in dem reichsten Land der Erde geht dagegen ungehindert weiter.

Ein weiteres Beispiel ist das „Land-Grabbing“ das Vertreiben der Ursprungsbevölkerung von fruchtbaren Ackerböden, etwa in Äthiopien durch ein korruptes Regime, über korrupte Minister, die die Menschen aus der Heimat vertreiben, um das Land großen internationalen Lebensmittelkonzernen oder Blumenzüchtern zu überlassen. Überall in Afrika werden die fruchtbarsten Böden statt mit Lebensmitteln für die Bevölkerung für den Anbau von Pflanzen für die Produktion von Biosprit überlassen. Damit wir Öko im Tank haben, damit in Indien billiger Reis im Regal liegt, damit wir auch im Winter frische Rosen haben, werden hunderttausende Menschen von dem Land und Grund vertrieben, das ihnen seit Generationen das Überleben gesichert hat. Der Hunger in Afrika ist vor allem von Menschen gemacht.

Die klassische „Entwicklungshilfe“ hat zudem in den vergangenen 50 Jahren systematisch den Aufbau einer Afrikanischen Landwirtschaft verhindert. Von Hähnchen aus Europa über Gen-Mais aus den USA: Jedesmal, wenn wir unsere Überschüsse auf den afrikanischen Markt werfen, zerstören wir die Lebensgrundlage der lokalen Bauern. Die nächste Hungerkatastrophe ist vorbestimmt, ein Teufelskreis.

Ein drittes Beispiel ist in der Beweiskette schwieriger, und auch mögliche Abhilfe kann wohl erst über viele Jahrzehnte hinweg geschaffen werden: der Klimawandel. Als Reporter der ARD war ich für eine Sondersendung 2011 in Ostafrika unterwegs, als eine der schlimmsten Hungersnöte in der Region wütete. Grund war die bisher extremste Dürre in der Region. Auch wenn die Experten sich immer noch streiten und der kausale Nachweis wissenschaftlich schwierig ist, offensichtlich gibt es einen Zusammenhang zwischen Dürren und extremen Wetterverhältnissen und dem Klimawandel und – wenn die Thesen der führenden Klima-Wissenschaftler stimmen – dann gibt es einen Zusammenhang zwischen diesem Klimawandel und den CO2-Ausstößen der Industrienationen und zunehmend auch Staaten wie China und Indien.

Ganze Länder versinken im Ozean, Wüsten breiten sich aus, Flüsse versiegen, Regenzeiten verschieben sich und Millionen von Menschen begeben sich auf die Flucht, weil sie sonst verdursten oder verhungern müssen oder in den Fluten ertrinken.

Diese neuen Klima-Flüchtlinge haben gerade erst begonnen, sich in Bewegung zu setzen. Stimmen die Prognosen, dann werden es in den kommenden Jahrzehnten zig-Millionen mehr sein als heute.

Flucht und Wohlstand – globale Zusammenhänge

Und was hat das mit uns, mit Deutschland und unserer Verantwortung gegenüber Flüchtlingen zu tun?

Ich denke es ist offensichtlich: Solange wir Bauxit für das Aluminium in unseren Autos in Guinea-Conakry einkaufen, weil es so preiswert ist, brauchen wir uns nicht zu wundern, dass sich in genau diesem Land Ebola ausbreitet, weil den Menschen kein Geld für die Gesundheitsversorgung bleibt. Wenn wir Kriegsschiffe nach Angola verkaufen und Waffen überall in der Welt in Krisenregionen, dann brauchen wir uns nicht wundern, dass die Menschen vor diesen Waffen und der mit ihnen ausgeübten Gewalt in die Flucht geschlagen werden. Weil wir über Jahrzehnte gemeinsam mit anderen Industrienationen für einen rasanten Anstieg von CO2 gesorgt und damit den Treibhauseffekt, die Erderwärmung und den Klimawandel ausgelöst haben, brauchen wir uns nicht wundern, wenn die Menschen, die die Folgen als erste zu spüren bekommen, die geliebte Heimat verlassen müssen, wenn diese untergegangen oder eine Wüste geworden ist.

Sie werden jetzt anmerken, dass wir einfach nicht die Möglichkeiten haben, das Versagen von Regierungen vor Ort, das Terrorregime von Rebellen im Kongo oder den Bürgerkrieg im Sudan zu verhindern, dass wir nur die Zuschauer von regionalen Konflikten sind. Vielleicht.

Aber wir könnten konsequenterweise sagen: Wir kaufen keine Rohstoffe aus Bürgerkriegsregionen. Wir kaufen keine Rohstoffe von Rebellen – auch nicht über Mittelsmänner und Tochterfirmen. Und wir könnten sagen, wir verkaufen keine Waffen in Krisenregionen.

Doch dazu sind wir bisher nicht bereit. Weil wir eine Exportnation sind – einerseits – und eine Importnation was Rohstoffe angeht – andererseits. Weil wir genau aus diesem Missverhältnis Profit schlagen und unseren Wohlstand nähren: Rohstoffe so billig wie möglich einzukaufen und hochwertige Produkte so teuer wie möglich zu verkaufen. Rohstoffe aus Afrika, Waffen, Flugzeuge und Autos an die Golf-Staaten. Ein gutes Geschäftsmodell. Nicht auszudenken, wenn ganz Afrika von lupenreinen Demokraten regiert würde, Gewerkschaften Mindestlohn für Minenarbeiter durchgesetzt hätten, ein funktionierendes Gesundheitssystem finanziert werden müsste, Straßen, Kraftwerke, all das über Steuern in Afrika finanziert, die auch die Investoren zahlen müssten. Nicht auszudenken, was dann die Tonne Bauxit, die Tonne Koltan etc. kosten würde. Nicht auszudenken, was das für die Wettbewerbsfähigkeit unserer Produkte bedeuten würde.

Darum ändern wir lieber nichts. Darum nehmen wir lieber ein paar Flüchtlinge auf, die diesen Terror-Regimen, diesen Rebellen, diesen Bürgerkriegen entkommen können. Das ist allemal billiger als einen fairen Preis auf Biosprit, Mineralien oder Kakao zu zahlen.

Mich stört an dieser ganzen Flüchtlingsdebatte, dass keiner aufsteht und sagt: Lasst uns die wahren Gründe für die Flucht bekämpfen. Die tatsächlichen Zusammenhänge globaler Ausbeutung. Ernsthaft. Lasst uns aufhören, Diktatoren oder Rebellen zu unterstützen, keine Geschäfte mehr mit Diktaturen!

Das wäre für die deutsche Wirtschaft recht unangenehm. Und die Gefahr wäre groß, dass zumindest kurzfristig die explodierenden Rohstoffpreise unsere Wirtschaft in die Knie zwingen würden. Langfristig wäre es aber gut für Deutschland, wenn auch in Afrika eine reelle Kaufkraft entstehen würde, wenn die Menschen auch dort die beliebten High-Tech Produkte aus Deutschland erwerben könnten, statt Billigware aus Fernost, aber das ist eine andere Geschichte.

Konsumenten profitieren, Arbeitnehmer verlieren

Wir Deutschen profitieren im Augenblick aber noch auf einer weiteren Ebene sehr konkret von Flucht und Vertreibung. Und auf eine gewisse Weise spüren das die Demonstranten in Dresden und anderswo, auch wenn sie daraus vielleicht die falschen Schlüsse ziehen: dass Menschen gegeneinander ausgespielt werden und dass wir, die sich an die deutschen und europäischen Standards gewöhnt haben am Ende die Verlierer sein könnten und zwar als Arbeitnehmer.

Als Konsumenten aber – und wir leben in einer Wirtschaft, die den Konsumenten zum König erklärt hat – profitieren wir im Augenblick alle: Wer heute in den Supermarkt geht, wird sich wundern, warum Fleisch so massig und so billig angeboten werden kann und warum die Tomaten in der Konserve billiger sind als je zuvor. Hier sind wir, jeder von uns, als Konsument direkter Kriegsgewinnler. Wir alle profitieren von dem Elend derer, die es dann tatsächlich zu uns geschafft haben. Denn in den riesigen deutschen Schlachtbetrieben arbeiten zwar keine Flüchtlinge im engeren Sinne, sondern meist Armutsmigranten aus Osteuropa. Sie leben unter erbärmlichsten Bedingungen und schlachten im Akkord zu Dumpinglöhnen, die das Schlachtgeschäft europaweit auf den Kopf gestellt haben. Schlachthöfe in Frankreich müssen schließen, weil die deutschen Arbeitgeber die besseren Ausbeuter sind und weil es ein Heer williger Armutsmigranten gibt, die bereit sind, sich für die schlimmsten Sklavenkonditionen zu verdingen.

Wir hören viel über die Schlepperbanden, die Flüchtlinge über das Mittelmeer bringen. Dieses Geschäft hätte sich nicht so florierend entwickelt, wenn es nicht auf der anderen Seite des Mittelmeers – auf der europäischen – einen Markt für ein rechtloses Heer von Billigarbeitern geben würde. In Italien organisiert die Mafia die Erntehelfer, die über das Mittelmeer gekommen sind. Menschen, die für ein Zelt über dem Kopf und etwas Essen bereit sind, 12 und mehr Stunden am Tag zu schuften. Dafür, dass man sie nicht vertreibt oder zurück ins Meer drängt.

Wenn sie dann nicht mehr gebraucht werden, gibt man ihnen gerne ein Ticket nach Deutschland. Sollen die sich weiter kümmern. Doch bevor sie bei uns anklopfen haben sie – meist umsonst – die Tomaten gepflückt, die wir zu unverschämten Billigpreisen in Dosen verpackt im Discounter erwerben können. Die illegalen Erntehelfer in Spanien und Italien garantieren unsere Tiefstpreise. Geiz ist geil. Und billig ist besser. Vor allem beim Essen darf es in Deutschland nichts kosten. Dass ein spanischer Landwirt oder ein italienischer Winzer nicht mehr von seinem Anbau leben könnte, wenn auf seinem Land keine Illegalen schuften würden, die er zur Not um den Lohn prellen kann, wenn die Ernte schlecht ausfiel, daran denken wir nicht, während wir den Einkaufswagen voll machen.

Das sind die beiden Diskurse, die mir in dieser Diskussion fehlen: der wahre Grund für eine Flucht, und wie unsere Wirtschaft von der globalen Mobilisierung von Arbeitskräften profitiert.

Den Dialog suchen, Flüchtlingen das Wort erteilen

Nun hat hier wieder jemand einen ganzen Artikel „über“ Flüchtlinge verfasst, statt Flüchtlingen zuzuhören, mit ihnen zu reden. Stimmt. Aber mit Flüchtlingen sprechen, im engen Austausch stehen, das mache ich als Journalist seit vielen Jahren. 12 Länder Afrikas habe ich bereist und 3 Jahre in Uganda gelebt, wo ich viele Flüchtlinge aus dem Kongo, Süd-Sudan und Rwanda kennenlernen durfte. Vor zwei Jahren habe ich mit Kollegen einen Verein gegründet, der versucht, ganz individuell Flüchtlingen zu helfen. „United Help for Refugees e.V.“ versucht neue Wege in der Flüchtlingshilfe zu gehen. Unser Ziel ist, vor allem den Menschen vor Ort zu helfen, d.h. Als Binnenvertriebene in den Heimatländern eine Perspektive zu geben, damit sie nicht in die Nachbarländer fliehen müssen und den Menschen in den angrenzenden Nachbarländern dabei zu helfen, sich dort eine Zukunft aufzubauen, um nicht den mörderischen Weg über das Mittelmeer auf sich zu nehmen.

Auch wenn wir noch ein sehr kleiner Verein sind und wir nur punktuell und individuell helfen können, lernen wir doch jeden Tag, dass wir mit sehr, sehr kleinen Mitteln Menschen in ihrer Heimat oder ganz in der Nähe eine Zukunft geben können, Menschen, die hier bei uns verloren wären, die dort ein selbstbestimmtes Leben führen können und viel leichter aus der Abhängigkeit geführt werden können, einfach wegen der kulturellen, sprachlichen und klimatischen Nähe zur Heimat. Neue Technologien wie Internet, Mobil-Telefon und die Möglichkeit, Geld direkt auf das Handy zu überweisen – von überall in der Welt – erleichtert unsere Arbeit und bietet in Zukunft revolutionär neue Möglichkeiten Flüchtlingen dort zu helfen, wo sie gestrandet sind.

Besonders möchten wir auf die Millionen von Menschen aufmerksam machen, die es nie aus den Flüchtlingslagern in ein Aufnahmeland schaffen. Unbemerkt und unsichtbar vor der Weltöffentlichkeit fristen sie dort ein erbärmliches Dasein in provisorischen Unterkünften, teilweise über Jahrzehnte ohne Perspektive, ohne Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben. Für all jene Menschen muss unsere Diskussion wie ein zynischer Hohn klingen. Denn für sie stellt sich nicht die Frage einer humanen Aufnahmegesellschaft. Ihnen bleibt jahrzehnteland jeder Zugang zu einem normalen Leben in Würde versperrt, jeder Zugang zu den normalen Bürgerrechten, die wir alle genießen. Wer schon einmal in so einem Flüchtlingslager war und das Elend der Menschen gesehen hat, versteht, warum vor diesem Hintergrund Deutschland wie ein Paradies erscheinen muss, mit seinen Möglichkeiten der Bildung, der beruflichen und kulturellen Weiterentwicklung. Und doch träumen die allermeisten Menschen von einer Rückkehr in die Heimat. Dort, wo sie ihre Wurzeln haben, ihre Kultur, wo sie eine Gesellschaft aufbauen und gestalten wollen, teilhaben an einer Zukunft im eigenen Land.

Wir versuchen die Menschen dabei zu unterstützen. Ein langer schwieriger Weg, oft hoffnungslos und doch der einzige Weg, Flucht und Vertreibung langfristig zu bekämpfen. Das wäre die dritte Botschaft: absolute Solidarität mit dem Individuum. Die Opfer von Flucht und Vertreibung individuell zu unterstützten, das gemeinsam mit einer Bekämpfung der Fluchtgründe und einer Strategie die Flüchtlinge als billige illegale Arbeitskräfte bei uns anzuwerben und auszubeuten, wäre eine umfassende Flüchtlingspolitik jenseits von Ideologie, eine Politik gegen billige Demagogie und gegen reine Symbol-Politik.

Marcel Kolvenbach ist Dokumentarfilmemacher und
1. Vorsitzender des Vereins „United Help for Refugees e.V.“

Sie können das Projekt mit einer Spende unterstützen:
Name des Kontoinhabers: United Help for Refugees
Kontonummer: 94493463 / BLZ: 44010046 – Postbank Dortmund
IBAN: DE72440100460094493463
BIC: PBNKDEFF

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