Mobilfunk-Netze werden künftig von den Bürgern gemacht

Persönliche Antennen könnten die mobile Kommunikation demokratisieren. Durch Anbringen kleiner Sender auf dem eigenen Dach schaffen die Bürger in verschiedenen Projekten weltweit gemeinsam Crowd-Netzwerke. Dies bedeutet nicht nur die Unabhängigkeit von den großen Telekom-Anbietern, sondern beschleunigt die Daten-Übertragung zudem um ein Vielfaches.

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Persönliche Mini-Antennen für Mobilfunk sollen die Geschwindigkeit von mobiler Datenübertragung massiv erhöhen. Die Geräte können Nutzer auf ihren Dächern anbringen. Ein so entstehendes Crowd-Netzwerk könnte die Kommunikation um ein Vielfaches beschleunigen.

Die Antenne kann Anrufe und Daten des eigenen Mobiltelefons und anderer Geräte in der Nähe empfangen und via der eigenen Internet-Verbindung an den eigentliche Zielort weiterleiten. Dabei bekäme jeder, der seine Antenne zur Weiterleitung von Daten freigibt, einen Anteil an den Einnahmen – ein crowdgesourctes Gemeinschaftsnetz entsteht.

Der Investor Perlman, dessen Unternehmen Artemis solche Antennen, so genannte pCells entwickelt, installiert in San Francisco mit Artemis derzeit ein Mini-Netzwerk für mobile Hochgeschwindigkeits-Datenübertragung auf rund 600 Dächern. Dazu arbeitet Artemis allerdings noch mit Webpass zusammen, welches bereits Internet-Dienste für zahlreiche Wohnungen in San Francisco anbietet. Webpass soll zunächst das tun, was Perlman sich künftig von jedem Einzel-Nutzer erhofft: Die Antennen installieren, Anrufe und Daten über die vorhanden Router leiten und die Einnahmen teilen.

Artemis hat die neuen Antennen „Personal Cells“ genannt. Sie funktionieren komplett anders als normale Funkantennen. Sie decken ein Gebiet nicht mit einem einzigen Signal ein, das dann alle Geräte teilen, sondern nutzen zahlreiche Antennen, um das Signal immer weiter zu übertragen und zu einem persönlichen Netz zusammenzustellen, das den Nutzer und sein Telefon sozusagen von Ort zu Ort begleitet. Da dieses Signal nicht mit anderen geteilt werden muss sondern im Gegenteil durch die Anzahl der Nutzer wächst, hat der Einzelne eine viel größeren Bandbreite zur Verfügung als es beim gewöhnlichen Netzwerk der Fall wäre. Zusätzlich hätte man durch die größere Zahl an Antennen eine viel geringere Ausfallrate, da die Wahrscheinlichkeit eines Ausfalls von hunderten Antenne gleichzeitig kleiner ist als der Ausfall einer einzigen.

Der Aufbau soll dabei nicht komplizierter sein als das Anbringen einer Satelliten-Schüssel fürs TV.

Die ersten Nutzer, die Perlman individuell zum Mitmachen motivieren will sitzen in Kansas City: Deren Zugänge sind besonders interessant, da sie über Google Fiber mit super-schellen und zuverlässigen Internetverbindungen versorgt werden. „Wir können von den Bürger- selbst installierte Netze schaffen. Du bringst diese kleinen Dinger auf das Dach. Du hängst sie an dein Google Fiber. Und du  schließt eine Stadt wie Kansas in Null Komma Nichts an“, zitiert Wired Perlman.

Es sei eine gewagte Aktion sich mit den mächtigen Mobilfunkanbietern anzulegen, so das Magazin. Aber der Versuch, Netzwerke in eine neue Richtung zu schieben ist vielversprechend.

Perlman nennt diesen Effekt die „Uberisierung“ des Mobilfunks, in Anlehnung an den Fahrdienst Uber, der die Taxibranche revolutioniert, indem er durch Vernetzung jeden Autofahrer zu einem potentiellen Fahrdienst-Anbieter macht. Der Vergleich reflektiert auch die Tragweite der Idee, die tatsächlich schon weltweit in verschiedenen Projekt-Formen ausprobiert wird. Durch ähnliche Bemühung noch meistens im Bezug auf anbieterfreie W-Lan Netzwerke kann man schon von einer Art weltweiten Bürger-Bewegung sprechen, so ein Bericht des Technologiemagazins wired. Da die Märkte in vielen Bereichen sich laut Perlman langsam in Richtung „sharing economy“ bewegen, könne sein Peer-to-Peer-Technologie-Ansatz die mobile Datenkommunikation insgesamt verbessern, wenn nicht gar revolutionieren.

Doch Kalifornien ist nicht der einzige Ort, an dem durch die neuen und einfachen Technologien die Anbieter Macht an die Nutzer verlieren. Im Gegenteil: Diese Technik hat sich zuerst in entlegenen Gebieten entwickelt, wo es die großen Funktürme der großen Anbieter nicht hinreichen weil sie sich nicht lohnen: In Mexiko etwa gibt es dazu Projekte: In mehreren mexikanischen Gemeinden haben die Einwohner eigenmächtig Funkmasten aufgebaut, weil die großen Netzanbieter ländliche Gegenden als unrentabel aussparen, ebenso in Uganda oder Kenia.

Auch in Deutschland haben Freifunker-Netze den Kampf gegen große Anbieter bereits aufgenommen, allerdings geht es hier hauptsächlich um freies W-Lan und weniger um Mobilfunk. Henau diese Unterscheidung könnte jedoch verschwinden, wenn sich die Crowd-Netz-Variante durchsetzt.

Auch das MIT-Fachmagazin Technology Review berichtet darüber, wie Peer-to-Peer Netze den weltweiten Wettbewerb für Funkverbindungen anfachen. Denn die wenigen große Anbieter bestimmen durch ihr Monopol auf die Hardware und die Infrastruktur auch die Preise – nicht zuletzt durch starke Lobbys in Brüssel. Sie berichten, wie sich in Spanien mit gufi.net ein solches Netz entwickelt und sich von vorneherein der Netzneutralität verpflichtet. Alle Verbindungen gleichberechtigt zu behandeln ist ein erklärtes Ziel der meisten Crowd-Netzwerke – und der meisten Nutzer. Sollten die Telekommunikationsanbieter mit ihre Interessen in dieser Hinsicht weiterhin derart von denen ihrer Nutzer abweichen, könnte eine Demokratisierung der Netze die Trennung von W-Lan und Mobilfunk in Zukunft obsolet machen.

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