Massentierhaltung: Wer Fleisch essen will, muss für Tierschutz zahlen

Ein Gutachten macht klar: Wenn die Konsumenten bessere Tierhaltung wollen, müssen sich höhere Fleischpreise bezahlen. Die Massentierhaltung ist nämlich in erster Linie dazu eingeführt worden, den Konsumenten mehr und billigeres Fleisch zu verkaufen. Der Osterschinken würde in der EU bei artgerechter Tierhaltung um 20 Prozent teurer werden.

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In einem Gutachten für die Bundesregierung hat der Wissenschaftliche Beirat Agrarpolitik WBA zahlreiche Leitlinien zusammengestellt. Bei der Umsetzung dieser würden für die Landwirte und Tierzüchter jährliche Mehrkosten in Höhe von drei bis fünf Milliarden Euro entstehen. Um einen besseren Tierschutz jedoch tatsächlich umsetzen zu können, müssen sich den Gutachtern zufolge auch die Politik und die Verbraucher beteiligen.

Die Produktionskosten der Landwirte für Fleisch machen 25 Prozent des Endpreises aus. Unter dieser Maßgabe würden sich die Verbraucherpreise durch einen verbesserten Tier- und Umweltschutz um drei bis sechs Prozent erhöhen.

„Dies entspricht größenordnungsmäßig der bekundeten Zahlungsbereitschaft eines erheblichen Teils der Bevölkerung, die jedoch aufgrund fehlender Konzepte und der internationalen Marktintegration zurzeit nicht realisiert wird. Ohne politische Begleitmaßnahmen würde eine solche Kostensteigerung aufgrund des Wettbewerbsdrucks in der durch Kostenführerschaft geprägten Fleisch- und Milchwirtschaft zur Abwanderung von Teilen der Produktion in Länder mit geringeren Tierschutzstandards führen, wodurch die Tierschutzziele konterkariert würden.“

 70 Prozent der Bevölkerung würde sogar für eine bessere Tierhaltung einen leichten Aufschlag auf die Preise akzeptieren: Also ein 250g-Kotelett für 3,00 € statt 2,49 €.

„5 € und mehr, was einem Aufschlag von 100 % entspricht und heute für Biofleisch im Markt typisch ist, würden jedoch nur noch ein sehr geringer Anteil (6,2 %) der Konsumenten/Konsumentinnen bezahlen. Tierschutzprodukte, die ein größeres Marktsegment erreichen wollen, müssen sich daher in einem mittleren Preissegment von rund 20 bis 30 % oberhalb des Vergleichspreises bewegen. Zahlungsbereitschaften für Tierschutz sind bei Frischfleisch höher als bei Wurst oder Convenience-Gerichten“

Verteilung von Zahlungsbereitschaften für ein Tierwohlprodukt (Referenzpreis 2,49 €) in einer exemplarischen Studie . (Grafik: Gutachten)

Verteilung von Zahlungsbereitschaften für ein Tierwohlprodukt (Referenzpreis 2,49 €) in einer exemplarischen Studie. (Grafik: Gutachten)

Das Gutachten empfiehlt der Bundesregierung die Abkehr von der Massentierhaltung. Das Gutachten kommt zu interessanten Detail-Erkenntnissen: Die Kritik an einer nicht artgerechten Tierhaltung kommt vor allem von der wohlhabenderen Schicht, die es sich offenkundig eher leisten kann, teureres Bio-Fleisch zu kaufen:

„Die Infragestellung einer produktivitätsorientierten Land- und Ernährungswirtschaft ist bei Fragen der Tierhaltung besonders ausgeprägt. Zudem sind es eher meinungsstarke Gruppen der Gesellschaft, von denen die Kritik ausgeht (einkommensstärker, höheres Bildungsniveau, höheres Interesse an landwirtschaftlichen Themen). (…) Die Menge und Art des Fleischkonsums wird in Deutschland von einer Vielzahl soziodemographischer Faktoren (wie Einkommen, Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht, Alter, Geschlecht) beeinflusst, wobei Geschmacksvorlieben und psychologische Determinanten (Einstellungen, Werte) zunehmend an Bedeutung gewinnen.“

Daher ist klar: Besserer Tierschutz hat seine Preis, und den sollen nach Einschätzung der Gutachter künftig auch die Konsumenten zahlen, wenn eine Abkehr von der Massentierhaltung tatsächlich gesellschaftlich gewünscht ist. Hinsichtlich einer Preiserhöhung spielt die Art des angebotenen Fleisches eine Rolle. Je stärker das Fleisch verarbeitet wurde, je weiter es ersichtlich von einem Tier stammt, umso weniger sind die Menschen bereits zu  zahlen. Das führt dazu, dass der Preisaufschlag bei Frischfleisch höher angesetzt werden muss, um die bei einer verbesserten Tierhaltung die anderen Fleischprodukte quer zu subventionieren.

Die Anhebung der Verbraucherpreise könnte aber je nach Tragweite der Tierschutzmaßnahmen noch höher ausfallen. Würde der Tierschutzstandard in der ganzen EU erhöht werden, würden beispielsweise die Schweinefleischpreise in der EU um bis zu 20 Prozent und die Preise für Geflügel, Eier und Rindfleisch um bis zu 14 Prozent steigen.“

Der Blick in die Preise von Fleisch in Bioläden (bis zu 200% teurer) zeigt die derzeitige Problematik hinsichtlich angemessener Tierhaltung.

„Am Markt ist die Umsetzung höherer Tierschutzstandards bisher an der Kleinstmengen- und Kuppelproduktionsproblematik gescheitert. Die Diskrepanz zwischen Mehrkosten für die Tierhaltung und den Verbraucherpreisen ist enorm. Aufgrund der Kuppelproduktionsproblematik sowie der hohen Verarbeitungs- und Vermarktungskosten werden Tierwohlprodukte derzeit zu ‚Luxusartikeln‘ für eine hoch motivierte und ausgesprochen zahlungskräftige Zielgruppe. Ein durchschnittlicher Haushalt, der heute sein Fleisch nur aus besonders tiergerechter Produktion kauft, verdoppelt seine Ausgaben in dieser Warengruppe von ansonsten ca. 50 auf rund 100 € je Monat und damit von rund 2 auf 4 % der durchschnittlichen Haushaltsausgaben.“

Und gleichzeitig führt der Konkurrenzkampf unter den Discountern zu massiven Preissenkungen für Lebensmittel wie Fleisch und Milch.

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