Forscher entdecken Formel für Städtewachstum

Dieselben Regeln, nach denen heutige Städte wachsen, galten schon in der Antike. So wächst die Produktivität moderner Städte schneller als ihre Einwohnerzahl. Auch wie sich Kultur und technischer Fortschritt entwickeln, lässt sich in mathematischen Formeln darstellen.

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In der Metropolregion von Mexiko-Stadt leben heutzutage etwa 20 Millionen Menschen. Die Stadt wurde auf den Ruinen der aztekischen Hauptstadt Tenochtitlán erbaut. Im fünfzehnten Jahrhundert lebten hier schätzungsweise 200.000 Azteken. Der Unterschied zwischen beiden Städten erscheint riesig. Einer neuen Studie zufolge, befolgen beide – Mexiko-Stadt und Tenochtitlán – die selben Regeln.

Scott Ortman, Anthropologe der University of Colorado, besuchte einen Vortrag über vorhergehende Forschungen, die zum Ergebnis kamen, dass die Produktivität bzw. das Wirtschaftsprodukt mit der Größe der Stadt zusammenhängt. Luis Bettencourt, der am Santa Fe Institute forscht, fand heraus, dass soziale Netzwerke komplexe Vorgänge vorantreiben.

In den meisten Fällen haben große Städte eine Vielfalt unterschiedlicher Menschen aus unterschiedlichen Bereichen. Zusammengenommen steigt so die Produktivität. Das bedeutet ein um 15 Prozent höheres Wirtschaftsprodukt pro Kopf, wenn sich die Bevölkerung verdoppelt. Das enthält Lohn, aber auch Formen anderes Wachstums, etwa Patente.

Die Forscher fanden also heraus, dass trotz eindeutiger Unterschiede Bevölkerungszahlen sowohl moderner als auch antiker Städte langsamer als ihre Produktion stiegen. Mit diesen Erkenntnissen lässt sich die Effizienz heutiger Ballungszentren steigern. „Die Tatsache, dass es Trends gibt, wie Siedlungen funktionieren, ist eine Botschaft an unsere Städteplaner“, meint David Carbollo, Archäologe der Boston University.

Scott Ortman war von diesen Ergebnissen erstaunt, ihm fiel jedoch auf, dass Bettencourts Team keine moderne Faktoren wie Kapitalismus, Industrialisierung in ihre Überlegungen mit einbezog. Nun stellte sich natürlich die Frage, ob die selben Regeln auch für antike Städte gegolten haben. Die beiden Forscher taten sich zusammen. Unter der Leitung von Scott Ortman beschäftigte sich ein Team des Santa Fe Institute und der University of Colorado in Boulder mit dieser Fragestellung.

Bereits in den 1960er-Jahren – bevor die Bevölkerung von Mexiko-Stadt stark anstieg – untersuchten Forscher das Tal von Mexiko – das was heute zu Hauptstadt und Umland gezählt wird. Das Forscherteam kämpfte sich durch die gesammelten Daten, durch 2.000 Jahre mesoamerikanischer Siedlungsgeschichte. Die antike Bevölkerung hatte architektonische Meisterleistungen in Form von massiven Pyramiden und Tempeln hervorgebracht – viele der Ruinen stehen bis heute noch.

Da die Besitztümer der Einwohner mit den Jahrhunderten verschwanden, suchten sich die Forscher ein anderes Bewertungskriterium als Maß für die Produktivität menschlicher Siedlungen: Die Anzahl und Größe von Monumenten und Wohnhäusern. Sie bewerteten die Siedlungen insgesamt nach Population, Dichte, Ausdehnung, Konstruktionsrate und Nutzung.

Die Forschungsergebnisse zeigen, dass größere Städte produktiver waren, denn proportional zur Population existierten mehr Monumente pro Personen. Außerdem waren Wohnhäuser und Monumente mit höherer Bevölkerungszahl größer.

Ganz offensichtlich haben unsere modernen Städte aber nur noch wenig mit denen unserer Vorfahren gemeinsam. Damals gab es noch keine stark ausgebaute Infrastruktur, deutlich weniger Technologie und die Wirtschaft basierte fast vollständig auf der Landwirtschaft. Tenochtitlán hatte jedoch einen gut besuchten Marktplatz und ein enges Weg- und Kanalnetz.

„Schockierend und unglaublich. Wir wurden im Glauben erzogen, dank Kapitalismus, Industrialisierung und Demokratie sei die Welt ganz anders geworden, als sie früher war. Wir haben jedoch herausgefunden, dass der Antrieb robuster sozioökonomischer Strukturen bereits in der Antike existierte“, erklärt Scott Ortman von der Colorado University Boulder.

Die Art, wie soziale Interaktionen im städtischen Raum stattfinden, blieb über die Jahre gleich. Trotz der vergangenen Jahrhunderte, sei es den Forschern möglich gewesen, die Produktivität – für moderne und antike Städte – mit den gleichen mathematischen Formeln zu modellieren. Das sei vor allem möglich, weil man in Städten nach wie vor nicht weit gehen muss, um handeln zu können.

„Ich finde die Idee erstaunlich, dass dieselben grundlegenden Prozesse, die Orte wie New York entstehen lassen, anderswo in der Welt – etwa in alten Bauerndörfern – auch stattfanden“, so Ortman. Die Forscher meinen, ein Verständnis für die Funktionsweise von Städten auf fundamentaler Ebene sei notwendig, um diese verbessern zu können.

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