Crash-Gefahr: Finanz-Industrie fordert zur Krisen-Vorsorge auf

In einem ungewöhnlichen Aufruf fordern Vertreter der internationalen Finanzindustrie Staaten und Regulierer auf, Vorkehrungen für die nächste Krise zu treffen. Sie fürchten, dass zu viel Geld in die falsche Richtung geflossen ist. Sie fordern mehr Kontrolle bei der Vergabe von Krediten. Die Schuldenkrise scheint der Branche und den Aufsehern über den Kopf zu wachsen.

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In einem für die Finanzindustrie ungewöhnlich deutlichen Papier haben die Chefs zahlreicher großer, internationaler Finanz- Unternehmen vor den Gefahren des Platzens von Asset-Blasen und unkontrollierbaren Folgen von zu vielen Krediten gewarnt. Das unter der Moderation des World Economic Forum (WEF) veröffentlichte Papier lässt erkennen, dass die grundlegenden Probleme der Finanzmärkte trotz der durch die Zentralbanken in das System gepumpten Liquidität offenkundig nicht gelöst sind. Zwar ist der Ton des Papiers gemäßigt, was allerdings nicht verwundert. Denn die Adressaten des Papiers sind jene, die im Fall einer Krise die Entscheidungen zu treffen haben werden – die Regierungen und die Aufsichtsbehörden der Finanzindustrie. In der FT kommentieren Leser das Papier süffisant als Ankündigung der Notwendigkeit von neuen Bail-Outs. Das ist sicherlich etwas weit gegriffen, doch deutet die Veröffentlichung auf eine signifikante Unruhe im Finanzsektor hin.

Matthew Blake, Chef der Abteilung Banken beim WEF, ist einer der Autoren des Papiers. Er sagte den Deutschen Wirtschafts Nachrichten: „Wir haben uns in den vergangenen neun Monaten intensiv mit den Fragen der finanziellen und wirtschaftlichen Stabilität beschäftigt. Wir wollen mit unserer Erklärung keine Vorschläge unterbreiten, sondern das Bewusstsein bei allen Beteiligten wecken, über mögliche Gefahren und die Frage, wie man diese eindämmen könnte.“ Die vom WEF moderierte Gruppe versteht sich als eine Plattform, in der sowohl der private als auch der öffentliche Sektor ihre jeweiligen Positionen einbringen können. Blake hebt hervor, dass an dem Papier neben den Chefs großer Banken auch Gewerkschaften, NGOs und Ökonomen mitgearbeitet hätten.

Besonders interessant ist, dass auch die Unternehmensberatung Oliver Wyman als Co-Autor angeführt ist. Oliver Wyman hat im Auftrag der europäischen Zentralbank (EZB) alle wichtigen europäischen Banken geprüft und verfügt daher über wohl einmalige Kenntnisse über die tatsächlichen Verhältnisse im Finanzsektor. Blake sieht jedoch keinen Schwerpunkt geographischer Natur, von dem spezielle Gefahren ausgehen könnten: „Wir haben unterschiedliche Themen in den USA und in Europa. Aber in beiden Fällen müssen wir uns fragen, ob die Allokation von Kapital so geschieht, dass sie der Wirtschaft nutzt und keine neuen Ungleichgewichte schafft.“ Blake: „Es steht jedenfalls fest, dass es kleinen und mittleren Unternehmen heute sehr schwer fällt, an Kredite zu kommen.“

Trotz des diplomatischen Tons in der Erklärung wird klar, wo die Branche die nächsten möglichen Krisenherde sieht. So wird beispielhaft der Immobilienmarkt erwähnt, in dem die Finanzindustrie offenbar klare Anzeichen einer Blasenbildung erkennt. Auch die hohe Schuldenlast wird zentral genannt. In beiden Fällen sprechen die Unterzeichner der Erklärung durch die Blume dann doch Empfehlungen aus. Eine Überhitzung auf dem Immobilienmarkt könnte durch eine Erhöhung der Zinsen gestoppt werden. Das Ausufern der Schuldenkrise sollte durch vergleichsweise unpopuläre Maßnahmen begrenzt werden. So wird unter anderem die Möglichkeit angeführt, die Kreditvergabe an Privatpersonen und Unternehmen an das Einkommen oder den Unternehmenswert zu koppeln.

Matthew Blake: „Es ist wichtig, dass die Politik und die Aufsichtsbehörden alle Werkzeuge prüfen, die sie gegen Fehlentwicklungen einsetzen können. Die hohe Komplexität der Finanzmärkte macht es erforderlich, dass die Institutionen ihre Werkzeuge auf einander abstimmen. Dies ist notwendig, um Ansteckungseffekte zu verhindern.“

Es ist bemerkenswert, dass in dem Papier auch das Problem der Schattenbanken angesprochen wird. Einer der Unterzeichner ist BlackRock-Chef Larry Fink. BlackRock ist die vermutlich größte Schattenbank der Welt. Dass sich Fink der Erklärung angeschlossen hat, ist vielsagend. BlackRock ist in vielen Bereichen tätig, auch in der Beratung von Regierungen und Institutionen. Das Unternehmen hat daher Einsicht in viele Details, vor allem von Staaten und ihren volkswirtschaftlichen Entwicklungen. Die Schattenbanken kommen in dem Papier wohl auch vor, weil die Banken am besten wissen, dass dort gewaltige Risiken lauern, die auch für die offiziellen Finanzinstitute zum Problem werden können. Trotz vielfacher Ankündigungen sind die Schattenbanken bis heute mehr oder weniger unreguliert. Weil sich viele Banken teilweise erheblichen Regulierungen unterwerfen mussten, sind risikoreiche Geschäfte in den unregulierten Bereich abgewandert und bedrohen nun von dort die Finanzstabilität.

Im Kern verweisen die Vertreter der Finanzindustrie auf die Zuständigkeit der Politik im Krisenfall: „Als Folge der Krise wurde die makroprudentielle Regulierung ausdrücklich im Mandat der Politik in vielen entwickelten Volkswirtschaften eingeschlossen. Zusätzlich haben die Entscheider eine Politik in vielen Staaten spezielle Einrichtungen geschaffen, welche die Finanzstabilität sichern sollen.“

Matthew Blake sieht die Notwendigkeit des Zusammenwirkens von Banken und Politik zur Begrenzung von Schäden im Falle einer neuen Krise. Auch wenn nun noch keine konkreten Schritte vorgeschlagen werden, erwartet Blake, dass sich die politisch Verantwortlichen mit dem Thema beschäftigen werden: „Wir sind vor allem sehr froh, dass demnächst China als Präsidentschaft der G 20 ein Teil unserer Diskussion ist.“

Offenbar rechnet man in der Finanzindustrie jedoch mit neuen Verwerfungen, auch wenn Blake zögert, ausdrücklich von einer speziellen Besorgnis zu sprechen: „Die Erklärung soll die Unterstützung des privaten Sektors für die Politik zeigen, um diese zu ermuntern, alle Maßnahmen zu ergreifen, die zur Krisenbewältigung notwendig sind.“

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