Vogelsterben in Fukushima nimmt dramatische Züge an

Die Folgen der Nuklearkatastrophe von 2011 in Japan sind für Vögel verheerender als bislang gedacht. Biologen vergleichen die Situationen in Fukushima und Tschernobyl miteinander und untersuchen die Wirkung der Strahlung auf die Vogelpopulationen.

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Nach der verheerenden Tsunami am 11. März 2011 kam es im Kernkraftwerk von Fukushima zur Kernschmelze. Die Umgebung wurde evakuiert. Inzwischen hält sich kein Mensch mehr dauerhaft in der radioaktiv verseuchten Zone um den Meiler auf. So werden Gefährdungen der Bewohner verhindert – den Tieren hat allerdings niemand gesagt, sie sollen fliehen.

Um mehr über die Folgen für die Tierwelt herauszufinden, führten einige Biologen der University of South Carolina unter der Leitung von Tim Mousseau eine großangelegte Zählung durch. Bereits wenige Monate nach der Katastrophe begann das Team mit ersten Untersuchungen der Bestände 57 verschiedener Vogelarten, die in der Gegend brüten. Ihre ersten erschreckenden Ergebnisse veröffentlichten die Forscher in Journal of Ornithology.

Demnach schrumpften die Arten seit der Katastrophe deutlich im Bestand. Verschiedene Vogelarten reagieren jedoch auch unterschiedlich auf die Strahlung. Einige vertragen die hohen Strahlendosis besser als andere. Außerdem schrumpfen die Bestände in den Gegenden mit höheren Strahlungswerten stärker, hier sind jedoch Unterschiede zwischen den Arten zu beobachten. Darüber hinaus wird die Situation trotz langsam abnehmender Strahlungswerte zunehmend verheerender: Es gibt immer weniger Nachwuchs.

Eine besonderes hart getroffene Spezies ist die Rauchschwalbe. Sie erlitt abhängig von der Strahlendosis große Verluste. Deshalb analysierten die Biologen der University of South Carolina die Daten, die sie bis 2013 über diese Art sammelten. Sie wollten herausfinden, welcher Mechanismus hinter der Abnahme der Population steckt. Wie sie allerdings in einer anderen Studie in Scientific Reports veröffentlichten, fanden die Forscher unter Mousseau keine genetischen Schädigungen als direkte Folge der Strahlendosis.

Dennoch ist eine deutliche Reaktion auf die Strahlung zu beobachten: Populationen schrumpfen und bringen weniger Nachwuchs zur Welt. „Wir arbeiten mit einem relativ kleinen Spektrum an Strahlungswerten, da wir im ersten Sommer nicht in die am stärksten betroffenen Gebiete durften und auch im darauffolgenden Sommer nur in ein paar weniger hart getroffene Areale vordringen konnten“, sagt Mousseau.

„Dadurch haben wir ziemlich begrenzte Möglichkeiten, solche Beziehungen zu erkennen, insbesondere wenn man bedenkt, dass noch so wenige Rauchschwalben übrig sind. Wir wissen, dass in einem bestimmten Gebiet vor der Katastrophe hunderte Rauchschwalben lebten. Nur wenige Jahre später schaffen wir es nicht mehr als einige Dutzend zu finden. Die Rückgänge sind wirklich dramatisch.“

Wir kennen noch einen anderen Ort auf der Welt, dessen Lage mit der in Fukushima vergleichbar sein könnte. Entwicklungen, die in Tschernobyl beobachtet wurden und könnten den Forschern Aufschluss darüber geben, was zurzeit in Fukushima geschieht. Bereits 1986 kam es im ukrainischen Kernkraftwerk zur Kernschmelze. Mousseau, der schon seit 2000 Direktor einer Forschungsinitiative zu den Folgen für das Ökosystem um den Katastrophenort ist, qualifiziert sich denkbar dafür Vergleiche zu ziehen.

Er diskutierte gemeinsam mit seinem langjährigen Forschungspartner Anders Moller vom französischen CNRS in einer anderen Publikation, die Unterschiede der Vogelpopulationen in Fukushima und Tschernobyl. Sie stellten fest, dass die Folgen für Zugvögel in Tschernobyl wesentlich drastischer sind, als für solche Vögel, die das ganze Jahr in einem Gebiet verbringen. Erstaunlicherweise gilt für Fukushima das exakte Gegenteil.

„Diese Ergebnisse suggerieren, dass die in Fukushima gemachten Beobachtungen das direkte Ergebnis der toxisch wirkenden Strahlung ist. Jahresvögel kriegen eine größere Dosis ab, da sie mehr Zeit in den verseuchten Gebieten verbringen. Währenddessen sind in Tschernobyl nach einigen Generationen Zugvögel stärker betroffen, als Jahresvögel. Hier werden Unterschiede in der Anpassungsfähigkeit verschiedener Vögel deutlich“, so Tim Mousseau.

Mousseau geht davon aus, dass Zugvögel kurz nach der Wanderung verringerte DNA-Reparaturkapazitäten haben, da ihre Antioxidans-Konzentration im Blut durch die Anstrengung geringer ist. Deshalb treffe sie die Strahlung härter als bleibende Arten. So hat sich die Lage in Tschernobyl über die Jahrzehnte verändert.

Für Vogelliebhaber gibt es also zurzeit schlechte Nachrichten aus Fukushima. Obwohl die Hintergrundstrahlung in den vergangenen vier Jahren abnahm, wird die Lage für Vögel nur noch dramatischer, denn ihre Anzahl sinkt immer weiter ab.


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