Griechenland: Umschuldung durch die Hintertür

Angela Merkel lehnt einen Schuldenschnitt für Griechenland vehement ab. Daher soll die Schuldenlast in den kommenden Jahren größtenteils auf den ESM umgelagert werden. Damit entsteht eine Umschuldung, bei der die Risiken auf die europäischen Steuerzahler verteilt werden.

Ihren XING-Kontakten zeigen
linkedin
abo-pic

Im Vorfeld der langen Gipfel-Nacht von Brüssel am vergangenen Wochenende hatte sich Kanzlerin Angela Merkel noch einmal festgelegt. Ein „klassischer“ Schuldenschnitt sei mit ihr nicht zu machen, ließ die Kanzlerin verlauten. Auf Druck Merkels wurde in die Abschlusserklärung zum Euro-Gipfel denn auch eine Passage aufgenommen, in der es heißt, dass ein „nominaler“ Schuldenschnitt nicht durchgeführt werden könne.

Was sich wie ein klarer Durchmarsch der Kanzlerin liest, ist jedoch in Wahrheit ein semantischer Schleiertanz, der eine gigantische Umschuldung der nicht mehr tragfähigen griechischen Schuldenlast verdecken soll. Denn von dem Gesamtfinanzierungsbedarf Griechenlands, den die Troika-Institutionen mit bis zu 86 Milliarden Euro beziffern, entfällt der mit Abstand dickste Brocken (fast 54 Milliarden Euro) auf griechische Tilgungs- und Zinszahlungsverpflichtungen vornehmlich an die EZB und den IWF. Der Großteil dieser Schulden soll in den kommenden drei Jahren schrittweise auf den Eurorettungsschirm ESM verschoben werden, wobei der IWF auch weiterhin als Kreditgeber im Boot bleiben soll. Dabei stellen die Euro-Staaten Athen einen längeren Tilgungsaufschub sowie längere Rückzahlungsfristen für die ESM-Kredite in Aussicht.

Im Klartext: durch die schrittweise Umschuldung der griechischen EZB- und IWF-Verbindlichkeiten auf den ESM soll Athen auf Jahre hinaus von Tilgungs- und Zinszahlungen weitgehend freigestellt werden. Merkel kann somit weiterhin behaupten, ein klassischer Schuldenschnitt habe nicht stattgefunden, zugleich werden aber die drückenden Tilgungs- und Zinslasten Griechenlands in die ferne Zukunft verschoben. Tatsächlich sind es gerade die Tilgungs- und Zinszahlungen an die EZB und den IWF, die Athen zuletzt besonders in die Bredouille gebracht haben, während für die direkten und indirekten (über den Euro-Rettungsschirm) Kredite der Euro-Staaten an Griechenland schon seit geraumer Zeit langgestreckte Tilgungs- und Rückzahlungsfristen gelten. Durch die Neutralisierung des griechischen Schuldenbergs bekommt Griechen-Premier Alexis Tsipras durch die Hintertür die von ihm so vehement geforderte Luft zum Atmen.

***

In Kooperation mit DER PLATOW Brief. DER PLATOW Brief ist mit 70 Jahren der älteste und auflagenstärkste Wirtschafts-Hintergrunddienst in deutscher Sprache und erscheint drei Mal pro Woche. Wir empfehlen ein Abonnement, weil DER PLATOW Brief unabhängig und kritisch ist.

*** Bestellen Sie den täglichen Newsletter der Deutschen Wirtschafts Nachrichten: Die wichtigsten aktuellen News und die exklusiven Stories bereits am frühen Morgen. Verschaffen Sie sich einen Informations-Vorsprung. Anmeldung zum Gratis-Newsletter hier. ***


media-fastclick media-fastclick