Niedriger Öl-Preis: Energie-Konzerne beschleunigen massiven Stellenabbau

Die Entlassungswelle im Energiesektor setzt sich weltweit fort. Shell kündigte den Abbau von 6.500 Stellen weltweit an und auch Chevron plant bis zu 1.500 Stellen im zu streichen. Am härtesten traf es den Dienstleistungssektor der Branche. So will Marktführer Schlumberger bis zu 20.000 Stellen streichen. Hauptgrund für den Stellenabbau ist der anhaltend niedrige Rohöl-Preis.

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Der US-Mineralölkonzern Chevron plant den Abbau von 1.500 Stellen. Das Unternehmen mit Sitz im kalifornischen San Ramon ist in mehr als 180 Ländern der Erde aktiv. Insgesamt würden 950 Stellen in Houston, 500 Stellen in San Ramon und 50 internationale Stellen abgebaut, berichtet Rigzone. Als Grund für den Jobabbau gab Chevron das schwierige Marktumfeld an. Das Unternehmen sei „auf Effizienzsteigerung und Kostenreduktion fokussiert“, so Chevron-Sprecherin Melissa Ritchie, und erhoffe sich durch die Maßnahme Kostenersparnisse von bis zu einer Milliarde Dollar. Im Jahr 2013 belegte Chevron den dritten Platz der weltweit größten privaten Mineralölkonzerne hinter ExxonMobil und Royal Dutch Shell.

Chevron war der erste große Ölkonzern, der auf den rapide fallenden Ölpreis reagierte. Das Unternehmen fuhr die Förderung zurück und setzte sein Aktienrückkauf-Programm aus, wie Zero Hedge berichtet. Nun kündigte auch Royal Dutch Shell den weltweiten Abbau von 6.500 seiner rund 100.000 Arbeitsplätze an. Wie Reuters berichtet, sorgte der niedrige Ölpreis bei Shell für einen Profitrückgang von 37 Prozent im zweiten Quartal 2015. Zudem kürzte das Unternehmen geplante Investitionen um rund 10 Prozent von 33 Milliarden auf nun mehr 30 Milliarden Dollar. In diesem Jahr werde Shell nur noch zwei größere Investitionen tätigen, alle weiteren Projekte würden verschoben oder gestrichen, so ein Sprecher des Unternehmens.

Das Forbes Magazine geht davon aus, dass allein in den ersten zwei Monaten des aktuellen Jahres rund 75.000 Stellen im weltweiten Öl- und Gas-Sektor gestrichen wurden. Forbes bezieht sich dabei auf interne Dokumente aus der Branche. Wenn man die Tatsache in Betracht ziehe, dass allein in den USA 600.000 Jobs an dieser Branche hingen, sei dies ein schwerer Schlag, so das Magazin. Das Wall Street Journal schätzte im April, dass die weltweiten Entlassungen der Öl-Branche die Marke von 100.000 Jobs bereits überschritten hätten. Der Großteil des Stellenabbaus entfiel mit rund 59.000 Kürzungen auf Dienstleitungsunternehmen im Energiesektor. Firmen wie Halliburton (6.620), Baker Hughes (6.991) und Weatherford (8.000). Der Marktführer Schlumberger verkündete bereits die zweite Runde der Massenentlassungen. Nach dem im ersten Quartal zunächst 9.000 Jobs gestrichen wurden, müssen im zweiten Quartal weitere 11.000 Arbeitskräfte gehen, wie Houston Chronicle berichtet. Das entspricht 15 Prozent der Belegschaft des Ölfeld-Dienstleisters.

„Das ist Austeritätspolitik auf Steroiden“, zitiert MarketWatch Pawel Molchanow, Analyst bei Raymond James. Er schätzt, dass die weltweiten Ölkonzerne ihre Budgets um 20 Prozent gekürzt haben und Firmen aus Nordamerika sogar um 40 bis 50 Prozent. Besonders der Energie-Sektor der USA steht derzeit unter enormem Druck. Im ersten Quartal 2015 wurden dort allein 37.811 Stellen gestrichen, wie aus Erhebungen des Unternehmens Challenger Gray hervorgeht. Das entspricht einem Anstieg von 3900 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Insgesamt musste die US-Wirtschaft den Abbau von 140.214 Jobs in den ersten drei Monaten verkraften, wovon allein 47.610 wegfallende Stellen direkt mit den fallenden Ölpreisen zusammenhängen.

„Der Fall des Ölpreises hat einen erheblichen Tribut von Energie-Erzeugern, Pipeline-Betreibern und angeschlossenen Unternehmen gefordert. “, sagte John Challenger, CEO von Challenger, Gray & Christmas. „Die Unternehmen aus der Peripherie verlieren nun Aufträge und entlassen Mitarbeiter, um die hohen Verluste zu begrenzen.“

Die Anzahl der Öl- und Gas-Bohrttürme ist in den USA im laufenden Jahr um 46 Prozent auf nun mehr 988 gefallen. Das ist der tiefste Stand seit fünf Jahren. Binnen eines Jahres wurden etwa 700 Bohrtürme aufgegeben und bei jeder Schließung fallen rund 40 Jobs dauerhaft weg, berichtet Forbes unter Berufung auf Branchenkenner. Der Hauptgrund für die vielen Schließungen liegt daran, dass Fracking in den USA nur ein sehr kurzfristiger Erfolg war. Das technisch aufwendige und kostspieliges Verfahren rentiert sich – je nach Lage und Erwerbskosten – erst zwischen 70 und 100 Dollar pro Barrel. Zudem ist eine Fracking-Quelle ist nach etwa einem Jahr zu über 40 Prozent ausgebeutet. Diese Art der Förderung hat die USA zwischenzeitlich zum größten Ölproduzenten der Welt gemacht, doch sie war teuer erkauft. Auch zu Boomzeiten erwirtschafteten die Unternehmen nie eine positiven Cash-Flow und konnten die Förderung nur über Schulden in Höhe von rund 200 Milliarden Dollar finanzieren.

Die OPEC-Staaten, allen voran Saudi-Arabien, führen einen unerklärten Preiskrieg gegen die Fracking-Unternehmen. Aus Sicht der Saudis bringen sie den ganzen Erdölmarkt ins Ungleichgewicht und untergraben die Macht des OPEC-Kartells. Saudi-Arabien hat entgegen den Schiefergas-Produzenten nur einen Produktionspreis von 20 Dollar pro Barrel und verfügt zudem über gewaltige Reserven. Bis jetzt konnten die Fracking-Unternehmen die Effekte des Preiskollapses über Derivate auffangen. Doch jetzt beginnt für viele Produzenten die Schmerzperiode, wenn die Absicherungen progressiv auslaufen und die Preise weit unter den Kosten stehen. Sollte der Ölpreis weiterhin bei 50 Dollar pro Barrel verharren, ist mit zahlreichen Insolvenzen der Fracking-Unternehmen zu rechnen.

Doch nicht nur die US-Wirtschaft ist von Massenentlassungen betroffen. Pemex (Petróleos Mexicanos) ist ein staatlich kontrolliertes Unternehmen mit Hauptsitz in Mexico-City und liegt mit einem Jahresumsatz von 128,6 Milliarden Dollar auf Platz 9 der weltgrößten Ölkonzerne. Die Produktion des Staatskonzern ist jedoch rückläufig, was vor allem auf das Versiegen des gigantischen Offshore-Feldes Cantarell zurückzuführen ist. Deshalb plant Pemex den Abbau von 10.000 Arbeitsplätzen im Öl- und Gas-Geschäft, wie Bloomberg berichtet. Bei anhaltend schlechtem Marktumfeld könnten sich die Entlassungen noch auf über 50.000 erhöhen, sagte Regierungssprecher Gonzalo Hernandez dem Nachrichtenportal.

Auch Europas Ölkonzerne planen angesichts des niedrigen Ölpreises weitere Entlassungen. Der französische Öl-Riese Total reagiert auf den tiefen Ölpreis mit der Streichung von 2.000 Arbeitsplätze. Und das größte italienische Öl- und Gas-Unternehmen Saipem, das sich mehrheitlich im Besitz des Ölkonzerns ENI befindet, plant einem Bloomberg-Bericht zufolge den Abbau von 8.800 Stellen bis zum Jahr 2017. Die Ankündigung erfolgte, nach dem das Unternehmen einen Verlust im zweiten Quartal von 997 Millionen Dollar gemeldet hatte. Grund für den unerwartet hohen Verlust waren Abschreibungen in Höhe von 992 Millionen Euro. Analysten hatten lediglich mit 39 Millionen Euro gerechnet. Die Aktie brach daraufhin um 10 Prozent ein.

Der weitere Verfall des Ölpreises hat massive Verwerfungen zur Folge, die wahrscheinlich auf kurze und mittelfristige Sicht nicht umgekehrt werden. Das führt dazu, dass Kunden einen zunehmend unnachgiebigen Ansatz bei der betrieblichen und gewerblichen Verwaltung von Verträgen einnehmen“, zitiert Bloomberg Saipem-CEO Stefano Cao.

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