Wut auf die Deutsche Post: Ein Dorf verliert seinen Helden, den Paket-Zusteller

Die Deutsche Post zieht aus einer kleinen Gemeinde einen beliebten Paket-Zusteller ab. Die Gemeinde, in der Zusteller eine wichtige soziale Funktion ausübte, protestierte. Doch die Post bleibt hart: Man müsse die Zustellbezirke neu zuschneiden und könne deshalb keine Ausnahmen machen. Der Vorstand der Deutschen Post verdiente im vergangenen Jahr 13 Millionen Euro. Die Kreativität reicht trotzdem nicht, um einen so einfachen Fall zu lösen.

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Als das DHL-Paketauto hält, gibt es Applaus, rhythmisches Klatschen und «Helmut»-Rufe. Mehr als 100 Bürger warten am Montag im hessischen Worfelden auf Helmut Becker, der dort nach fast drei Jahrzehnten seine letzte Tour fährt – auf Druck der Post.

Die Menschen verabschieden sich von ihrem «besten Paketboten aller Zeiten», mit Geschenken, Umarmungen, Transparenten an Häusern und dem hoffnungsvollen Satz «Man sieht sich im Leben zweimal». Becker kämpft mit den Tränen. «Ich bin wie immer sprachlos», sagt er. «Die letzte Nacht habe ich vor lauter Aufregung nicht geschlafen.»

Gegen den Protest vieler Bewohner von Worfelden, einem Ortsteil von Büttelborn im Rhein-Main-Gebiet, versetzt die Post den 56-Jährigen ins etwa zehn Kilometer entfernte Mörfelden-Walldorf. Zustellbezirke müssten neu zugeschnitten werden, Personalveränderungen seien normal, erklärt Postsprecher Stefan Heß in Frankfurt. «Es ist schlicht nicht möglich, jedem Zusteller lebenslang einen eigenen Zustellbezirk zu garantieren.»

Diese Erklärung zeigt, wie stark die Strategien der großen Konzerne heute am Reißbrett entworfen werden. Es werden neue Konzepte entworfen, um die Kosten zu senken. Die Bedürfnisse der Kunden spielen offenbar nur eine untergeordnete Rolle – auch wenn diese ihren Wunsch laut und deutlich artikulieren. Doch die Excel-Sheets sind unbarmherzig und kennen keine Ausnahme. Viele vor allem ältere Leute verstehen in Post wegen genau eines derartigen technokratischen Starrsinns nicht. Vor allem ärgern sie sich, dass bei den kleinen Leuten gespart und rationalisiert werden soll.

Eine ganz andere Welt eröffnet sich auch den Post-Kunden in Worfelden, wenn sie den Geschäftsbericht der Deutschen Post lesen. Da steht auf Seite 120 für das Jahr 2014:

«Die Vergütung der Mitglieder des Vorstands belief sich nach den anzuwendenden internationalen Rechnungslegungsvorschriften im Geschäftsjahr 2014 insgesamt auf 13,61 MIO € (Vorjahr: 13,21 MIO €). Davon entfielen 7,62 MIO € auf erfolgsunabhängige Komponenten (Vorjahr: 7,84 MIO €) und 5,99 MIO € auf die ausgezahlte erfolgsbezogene Komponente (Vorjahr: 5,37 MIO €). Weitere 3,22 MIO € der erfolgsbezogenen Komponente wurden in die Mittelfristkomponente überführt und werden im Jahr 2017 ausgezahlt, vorausgesetzt, dass das maßgebliche Nachhaltigkeitskriterium EAC erfüllt ist.»

Ob das maßgebliche Nachhaltigkeitskriterium Kundenbindung in den mondänen Bonner Glastürmen eine Kategorie ist, die sich auf das Salär der Chefs auswirkt, wissen die Worfeldener nicht. Selbst wenn sie das geschraubte Deutsch des Geschäftsberichts nicht verstehen, eines wird selbst dem branchenfremden Leser klar: Allein Vorstandschef Frank Apel ging mit 3,4 Millionen Euro Jahresgage nach Hause. Seine Pensionszusage belief sich zum 31. 12. 2014 auf 17,2 Millionen Euro. Dafür, so sollte man meinen, sollte ein Vorstand doch ausreichend Kreativität aufbringen können, um einen (!) Paketzusteller, an dem die Leute – die meisten sind schon älter – hängen, aus dem starren Raster zu nehmen. 21 Prozent an der Deutschen Post hält über die staatliche KfW der deutsche Steuerzahler.

Mit dem Anliegen aus Worfelden konnte allerdings nicht einmal Bürgermeister Andreas Rotzinger (CDU) beim Bonner Konzern durchdringen: «Büttelborn hat sich für den Verbleib von Becker in seinem Bezirk in Worfelden eingesetzt», sagt Ulrich Fronek aus Rotzingers Büro. Sogar Wohnungsschlüssel habe der Paketbote gehabt, erzählen die Einwohner. Becker habe Sendungen auch dann abgeben können, wenn niemand da war.

Die Haltung der Post erntet nur Kopfschütteln und Wut, berichtet die dpa. «Ich verstehe das nicht so ganz», sagt Herbert Nebauer (70), dem Becker auf seiner letzten Runde noch ein Paket bringt. «Die Post hätte auch einen anderen nach Mörfelden-Walldorf schicken können.» So sieht es auch Richard Best, der ein paar Straßen weiter am Rand eines Bürgersteigs Unkraut aus dem Boden zieht. «Das ist doch Blödsinn», sagt der 80-Jährige zu dem erzwungenen Wechsel. «Das muss man nicht machen.»

Als die Bürger an einem verabredeten Treffpunkt ihren Postboten verabschieden, ist auch Wut zu spüren. Als Ort haben sie den Platz vor einem Paketshop mit Konkurrenten der Post ausgesucht. Mit Aufschriften auf einer extra aufgebauten Protest-Wand aus Paketen zeigen sie, dass sie künftig auf die Post verzichten wollen. «Tschüss DHL» und «Ohne Helmut gehen wir zu anderen Anbietern» heißt es da.

Obwohl Becker trotz eines wochenlangen Kampfes um seinen Verbleib in Worfelden gehen muss, wollen die Bürger nicht aufgeben. Bis jetzt hieß ihr Motto «Wir wollen Helmut behalten». Nun soll es heißen: «Wir wollen Helmut zurück», sagt Frank Schlappner, der unter den Protestlern steht. «Ich kenne Helmut seit seinem ersten Tag vor 28 Jahren», sagt der 48-Jährige.

Mit einem großen Aufkleber auf seinem Paketauto verabschiedet sich Becker. «Mein Herz für Worfelden» ist darauf zu lesen. «Es war schön bei Euch, danke.» Er muss viele Hände schütteln. «Ihr werdet mir fehlen», sagt er. «Das macht einen traurig, nach so vielen Jahren. Was soll ich ohne Euch machen?» Ein Bürger ruft: «Vielleicht holen wir Dich zurück!»

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