Wirtschafts-Krise: Russland muss 100.000 Beamte entlassen

Bestehende Sanktionen und der andauernde Ukraine-Konflikt setzen der russischen Wirtschaft weiterhin zu. Große Teile der Währungsreserven sind bereits verbraucht, doch die Notenbank musste trotzdem mit einer weiteren Zinssenkung reagieren. Jetzt hat die russische Regierung außerdem mehr als 100.000 Beamte entlassen. Viele davon waren für die Steuerung von Polizei und Miliz zuständig.

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Der Abwärtstrend der russischen Wirtschaft ist weiter ungebrochen. Die Notenbank sah sich Anfang der Woche gar zu einer weiteren Zinssenkung um 50 Basispunkte auf jetzt 11% gezwungen, trotz der mit 15,8% fühlbar höher liegenden Inflation. Zur Stützung des Bankensystems und Stabilisierung des Rubel wurden bereits über 150 Mrd. Dollar aus Währungsreserven verbraucht. Dieser (extrem) expansive Impuls wird aber kaum einen Schub für die Konjunktur bringen. Der preisbereinigte Satz liegt bei einer Größenordnung von minus 4%, was faktisch auf eine reale Subvention für die Kreditnehmer hinausläuft. Aber selbst dieses „Geschenk“ kann die Negativfaktoren nicht kompensieren, die Rezession hat sich festgesetzt. Die Regierung selbst geht von einem BIP-Rückgang von 3% für das laufende Jahr aus, der IWF nannte jüngst sogar minus 3,8%. Der Niedergang verstärkt sich mittlerweile von selbst, weil das Regime unter dem Druck der Verhältnisse gezwungen ist, Ausgaben zu streichen.

Der wohl spektakulärste Schritt der Staatsführung ist die Entlassung von rund 110 000 Beamten oder rund 10% des gesamten Personalbestands aus dem Innenministerium, deren Hauptaufgabe die Steuerung von Polizei, Miliz und der dem Ministerium unterstellten Spezialtruppen war. Ein Großteil der gefeuerten Beamten wird faktisch im geduldeten Teil der organisierten Kriminalität unterkommen und dort das Geschäft mit Schutzgelderpressungen und Korruption betreiben, dies Dank guter Verbindungen sowie mangels Job-Alternativen. Damit steigt die implizite Steuer weiter an, die die russische Wirtschaft für ein dysfunktionales Regierungssystem zu zahlen hat. Diese Misere hinterlässt unübersehbare Spuren an den Finanzmärkten: Der Rubel gab gegenüber dem Euro seit Ende Mai rund 20% nach, fast genau so groß war der Verlust der russischen Börse in diesem Zeitraum: Wer unserem Rat von Ende Mai folgte (s. PEM v. 21.5.), die damalige Erholung als Ausstiegschance zu nutzen, hat gut 35% Verlust vermieden.

Aber auch jetzt ist aus unserer Sicht der Ausstieg mit Verlust besser, als abzuwarten, denn alle Belastungsfaktoren bleiben erhalten: Die Spannungen im Ukraine-Konflikt sind unverändert hoch und die Sanktionen bestehen in vollem Umfang. Hinzu kommen Kosten der Kriegsführung, während der Ölpreis wohl dauerhaft weit unterhalb des Break-Even-Preises (ca. 120 US-Dollar je Barrel) für den Etat bleiben wird. Gleichzeitig ist der Rubel durch die von der Notenbank zusätzlich angeheizte Inflation unter Druck. Nur Zocker haben noch Rubel oder russische Wertpapiere im Depot.

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