Politiker, der Russland noch verstand: Egon Bahr ist tot

Der SPD-Politiker Egon Bahr ist tot. Er war einer der letzten Russland-Experten seiner Partei. Erst vor wenigen Monaten warnte er die Bundesregierung vor dem Kurs des Kalten Krieges, der das deutsch-russische Verhältnis zu zerstören droht.

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Der SPD-Politiker Egon Bahr ist tot. Der frühere enge Vertraute des SPD-Kanzlers Willy Brandt und Ex-Bundesminister starb im Alter von 93 Jahren.

Egon Bahr gilt als Baumeister der deutschen Ostpolitik. Als solcher entwickelte er ein besonderes Verständnis für Russland, welches nicht auf den Informationen der US-Geheimdienste, sondern aus der persönlichen Kenntnis vieler handelnder Personen beruhte. Noch vor wenigen Monaten warnte er den Westen vor einem aggressiven Weg gegen Russland (siehe erstes Video am Anfang des Artikels).

Die Karriere des 1922 im thüringischen Treffurt geborenen SPD-Politikers war eng mit dem ersten SPD-Bundeskanzler Willy Brandt verknüpft. Mit Moskau und Warschau verhandelte Bahr über Verträge zu einem Gewaltverzicht und zur Normalisierung der Beziehungen. Außerdem suchte er die Annäherung an die DDR, um die deutsch-deutschen Verhältnisse zu verbessern. Er wirkte unter anderem als Staatssekretär im Bundeskanzleramt. Im Jahr 1972 wurde er Bundesminister für besondere Aufgaben. Nach dem Rücktritt Brandts im Jahr 1974 wurde Bahr unter Nachfolger Helmut Schmidt (SPD) Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit.

„Mit großer Bestürzung und tiefer Trauer haben wir in der letzten Nacht vom Tode Egon Bahrs erfahren“, sagte Parteichef Sigmar Gabriel am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur. „Die deutsche Sozialdemokratie und viele Menschen in Europa trauerten um einen «mutigen, aufrichtigen und großen Sozialdemokraten, den Architekten der deutschen Einheit, Friedenspolitiker und Europäer“. Bahr sei ein großer Vordenker mit einzigartiger politischer Tatkraft gewesen. „Er vertraute wesentlich auf die Macht der Freiheit und die Kraft des Gesprächs, das war die Grundlage für den «Wandel durch Annäherung»“, sagte Gabriel.

Bahr war erst Ende Juli noch in Moskau und hatte sich dort zusammen mit dem Ex-Sowjetpräsidenten Michail Gorbatschow für ein Ende der Entfremdung zwischen Deutschland und Russland in der Ukrainekrise ausgesprochen.

Auch zur Steuerung der Politik durch die Geheimdienste nahm sich Bahr kein Blatt vor den Mund (zweites Video am Anfang des Artikels).

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