Hoffen auf die Vorahnung: Börsenhändlern sollen Sensoren tragen

Bio-Sensoren für Börsenhändlern sollen künftig deren Handelserfolg steigern. Hormone wie Steroide und Testosteron wirken sich auf Selbstvertrauen und Risikobereitschaft aus. Die Analyse der Hormonpegel wollen Forscher und Hedgefonds dazu nutzen, um die aktuelle Form der Banker zu bewerten.

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Im Leistungssport ist es bereits seit längerem Realität. Der Mensch wird rund um die Uhr überwacht. Sensoren zeichnen seine Herzfrequenz auf, messen die Körpertemperatur und zeichnen sämtliche körperliche Aktivitäten auf. Mittels Auswertungs- und Analyseprogrammen lassen sich dann ein sehr genaues Profil der betroffenen Personen erstellen.

Wie Bloomberg berichtet, sollen diese Techniken schon bald auch in der Arbeitswelt Anwendung finden. Geht es nach dem Wunsch einiger Manager wird der Angestellte der Zukunft rund um die Uhr überwacht. Man erhofft sich davon Wettbewerbsvorteile und Ertragssteigerungen.

Hinter geschlossenen Türen werden die Methoden bereits eingesetzt, bestätigt John Coates auf Nachfrage. Coates ist Neurowissenschaftler an der Universität von Cambridge und war früher als Händler für Goldman Sachs tätig. Aktuell arbeitet er gemeinsam mit einigen Unternehmen daran, biologische Signale des Körpers zu analysieren, um Zusammenhänge zwischen biologischen Signalen und Handelserfolg aufzuzeigen.

Er möchte dabei verstehen lernen, wie sich physiologische Eigenschaften auf unsere Risikobereitschaft auswirken. Als sicher gelten bereits die Erkenntnisse, dass sich verschiedene Hormone wie Steroide und Testosteron auf unser Selbstvertrauen auswirken und somit auch Einfluss auf unsere Risikobereitschaft haben. Das Gegenteil wird durch die Ausschüttung von Stresshormonen wie Cortisol bewirkt.

Laut Coates könnte er diese Erkenntnisse nutzen, um effektiver an den Börsen zu handeln. „Man muss herausfinden, ob man handeln sollte oder lieber nach Hause gehen“, erklärt der Forscher. Wer weiß, welche Auswirkungen verschiedene Stoffe haben können und wie hoch deren Konzentration im Körper ist, könne als Makler oder Investmentbänker auch beurteilen, wie zuverlässig er gegenwärtig Urteile fällen kann.

Gemeinsam mit einer handvoll Hedgefonds arbeitet er bereits daran, eine Art Frühwarnsystem zu entwickeln. Die Algorithmen vieler Börsenprofis sind bereits optimiert, der nächste logische Schritt ist es, den Menschen vor dem Computer zu optimieren. Bisher läuft das meiste hinter verschlossenen Türen und unter strenger Geheimhaltung ab. Zu groß ist die Angst, in einen medialen Shitstorm zu geraten oder mit Klagen konfrontiert zu werden. Außerdem fürchten die Macher um ihren Wettbewerbsvorteil.

Die Technik selbst ist nicht neu. Beim Militär oder körperlich besonders anstrengenden Arbeiten wie im Tagebau wird mit Sensoren bereits der Stresslevel gemessen. Haben die Geräte dort vorwiegend medizinischen Nutzen, dringen sie in immer mehr Wirtschaftsbereiche ein und sollen dort unter dem Deckmantel des Gesundheitsmanagements zur Profitsteigerung und Überwachung eingesetzt.

Das Unternehmen Humanyze hat sich darauf spezialisiert, Sensoren zu entwickeln, welche die Stimme des Trägers analysieren. So kann der Arbeitgeber auswerten, wann gesprochen wird, in welcher Lautstärke das geschieht und wie gestresst der Mitarbeiter dabei klingt. Außerdem lässt sich so herausfinden, wie die Kollegen miteinander agieren. Die Bank of America nutzt dies beispielsweise bereits in einem ihrer Callcenter, um beurteilen zu können, wie sich die Effektivität steigern lässt.

Dabei zeigte sich unter anderem, dass Kollegen die viel miteinander sprechen produktiver sind und dem Unternehmen länger treu bleiben als Einzelgänger. Seitdem gibt es eine zusätzliche Kaffeepause, welche die Produktivität um zehn Prozent steigerte und den Personalabgang um 70 Prozent senkte.

Entwickler solcher Techniken sind sich durchaus bewusst, dass solche Vorstöße auch Risiken bergen. „Man kann den Menschen nicht aus dem Nichts heraus abverlangen haufenweise Sensoren zu tragen. Das ist gruslig.“, sagt Humanyze Vorstandschef Ben Waber und spricht damit vielen Datenschützern aus der Seele.

Charles Brauer von der Universität in London hält dem entgegen, dass sich die Ängste und Befürchtungen bezüglich des Datenschutzes und der Privatsphäre erledigen werden, wenn die Betroffenen das Potenzial solcher Techniken erst erkannt haben. „Leistungsträger sind sehr herausfordernde Menschen. Erlaubt man ihnen zu erfassen, wann sie am produktivsten, fokussierten und zufriedensten waren, wird das ihnen helfen zu verstehen, wann sie am besten arbeiten,“ hält Brauer fest. „Die Idee sich mittels Technologie selbstständig zu verbessern wird eine absolut banale und natürliche werden“, prophezeit er.

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