Zins-Wende: Entscheidung der Fed kann für US-Wahlen entscheidend sein

Für die US-Notenbank hat die Auswirkung ihrer Zins-Entscheidung auf die Entwicklung der US-Wirtschaft Vorrang. Die guten offiziellen Arbeitsmarkt-Daten dürften für die Fed ausreichend sein, um die Zins-Wende sanft einzuleiten. Eine stabile Wirtschaft ist die Voraussetzung für einen Erfolg der Demokraten. Janet Yellen wurde von Obama verpflichtet. Sie weiß, was er von ihr erwartet.

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Die Finanzwelt wartet gebannt auf den Zinsentscheid der amerikanischen Notenbank (Fed) am 16. September. Die Fed hat über Quartale hinweg eine vorbereitende Kampagne geführt. Die Wachstumsschwäche in China, die Baisse der Rohstoffpreise sowie die manifeste Krise der Schwellenländer verleihen diesem Zinsentscheid eine besondere Note. Die amerikanische Notenbank hat eine komplexe Struktur und Entscheidungsmechanismen. Wichtig sind dennoch die Entscheidungsträger in der Fed.

Die wichtigsten Politikmacher der Fed haben beide einen sehr starken akademischen Hintergrund. Sie sind gleichzeitig – auf völlig verschiedenen Gebieten – institutionell seit Jahrzehnten stark in die Wirtschaftspolitik eingebunden. Beide sind sehr erfahren, haben ein fortgeschrittenes Alter um die 70. Beide sind bekannt dafür, dass sie sehr starke Überzeugungen haben.

Janet Yellen (Notenbank-Präsidentin)

Yellen absolvierte eine Karriere als Universitätsprofessorin mit starker Verankerung im Federal Reserve System. Sie arbeitete dort in verschiedenen Stationen wie auch in anderen zentralen amerikanischen wirtschaftspolitschen Institutionen: Als Mitarbeiterin im Congressional Budget Office (CBO), Chefin des Council of Economic Advisors unter Präsident Clinton (der besten Periode der amerikanischen Wirtschaft seit Jahrzehnten), im Federal Reserve District von San Francisco und im Board of Governors, wo sie 2010-14 Vizepräsidentin war.

Sie ist verheiratet mit dem Wirtschaftsnobelpreisträger George Akerlof, mit dem sie auch eine ganze Reihe von Publikationen gemeinsam gemacht hat. Ihr Forschungsschwerpunkt war der Arbeitsmarkt. Sie ist ganz klar und explizite Keynesianerin, und zwar amerikanischer Prägung wie Paul Samuelson, James Tobin, Stiglitz oder Krugmann. Wie die Generation von Stiglitz ist sie stark auf mikroökonomische Fundierung der Makroökonomie ausgerichtet. Ihre Universitäts-Karriere war in Kalifornien (Berkeley), eigentlich weit weg von Washington und New York, den Zentren der Fed. Akademisch ist der Arbeitsmarkt ihr Kerngebiet, darüber hinaus eine breite Palette von Themen.

Sie hat ganz andere Grundvorstellungen über Arbeitsmarkt und Beschäftigung, als sie in Deutschland und in Europa üblich geworden sind und eisern durchgepaukt werden. Sie betrachtet Lohnsenkungen als arbeitsplatzvernichtend und ganz sicher nicht als Mittel zur Schaffung von Arbeitsplätzen, und hebt statt dessen die Rolle einer starken gesamtwirtschaftlichen Nachfrage als Mittel zur Schaffung von Arbeitsplätzen hervor.

Sie betont auch die verheerenden Langzeiteffekte zyklischer Arbeitslosigkeit, und betrachtet diese makroökonomisch als Vernichtung von zukünftigem Produktionspotential und Produktivitätswachstum. Vergleicht man die Gleichgültigkeit europäischer Politik gegenüber der grassierenden Massen- und Jugendarbeitslosigkeit in den Peripherieländern, aber auch in Frankreich oder in Osteuropa, dann werden Welten in unterschiedlichen Grundüberzeugen erkennbar. In Europa wurde und wird eine gezielte Politik der Nachfragekompression betrieben, um Arbeitsplätze zu schaffen und die Produktivität zu erhöhen. Wie viele Fed-Gouverneure zuvor (Volcker, Greenspan, Bernanke) hat Yellen einen primär amerikanischen Hintergrund in Forschung und Berufstätigkeit und weniger internationale Erfahrung und Ausrichtung.

Stanley Fischer (Vizepräsident des Direktoriums)

Stanley Fischer ist diesbezüglich das pure Gegenstück. Er ist ein Urgestein oder sogar Begründer der modernen internationalen Makroökonomie. Er hat nach dem Übergang zu flexiblen Wechselkursen vor allem mit dem zu früh verstorbenen Rudi Dornbusch sowie mit Olivier Blanchard diese Disziplin wesentlich geprägt. Doch Fischer zog es rasch aus der Universität weg. Er wurde Chefökonom der Weltbank (1988-90), dann zweiter Mann des IWF in der Periode 1994-2001. Fischer wird als einer der Begründer des Washington Konsensus, des Leitbildes des IWF angesehen und als solcher auch etwa von Stiglitz, der zeitgleich Chefökonom der Weltbank war, harsch kritisiert.

Fischer spielte eine Schlüsselrolle für den IWF in der asiatischen Krise in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre. Obwohl mit allem erdenklichen Hintergrund ausgestattet, hat er es trotz zweimaliger Anläufe (2001, 2011) die Wahl zum IWF-Chef nicht geschafft . Fischer wechselte 2001 in die Privatwirtschaft und wurde stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Citigroup, wo er die gesamte internationale Aktivität überwachte. 2005 wurde er zum Gouverneur der israelischen Zentralbank berufen. Er steuerte das Land erfolgreich durch die Krise von 2009, erntete höchstes Lob für seine Verdienste und löste bei seinem Rücktritt 2013 ernsthaft bedauernde Kommentare aus. Fischer wurde auf Betreiben von Janet Yellen 2014 zum Vizepräsidenten des Board of Governors ernannt. Stanley Fischer hat wie Yellen starke Überzeugungen. Er ist der Repräsentant einer exportorientierten, marktwirtschaftlichen Wegs für die Schwellenländer. Gleichzeitig legt er höchsten Wert auf Governance, klare Strukturen und Prozesse.

Welche Konsequenz ergibt sich aus diesen Biographien für die Zinsentscheidung der Fed am 16. September? Die Fed dürfte die Zinsen um einen Viertel Prozentpunkt anheben und dies als Beginn einer moderaten Anpassung ankündigen. Für Janet Yellen steht die Analyse des US-Arbeitsmarktes im Vordergrund. Sie dürfte auf den erheblichen Rückgang der Arbeitslosenquote und die im Trend robusten Beschäftigungszuwächse schauen. Diese garantieren praktisch, dass die Arbeitslosenquote im Wahljahr 2016 deutlich unter 5% fallen wird. In dieser Zone ist die Vollbeschäftigung angesiedelt, wie sie die Mehrzahl der Beobachter in der Fed interpretieren dürften. Fällt sie deutlich unter 4.5%, steigt das Risiko einer nachfolgenden Konjunkturüberhitzung erheblich an. Deshalb die Bereitschaft zur Normalisierung.

Für Stanley Fischer dürfte die abrupte Wachstumsabschwächung in den Schwellenländern kein Hindernis für eine leichte Normalisierung der amerikanischen Zinspolitik darstellen. Beide Entscheidungsträger haben die Erfahrung gemacht, dass eine Politik moderater Zinsanpassung und eines starken Dollars wie unter Robert Rubin in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre das beste Umfeld für die amerikanische Wirtschaft darstellt. Dass diese Kombination mit einer Krise der Schwellenländer einher gehen kann, dürfte Fischer nicht rühren. Wenn von hohen Rohstoffpreisen profitierende, sonst aber unfähige, oder hoch bürokratische oder korrupte Regimes wie in Venezuela, Brasilien, Russland, Malaysia dadurch in Schwierigkeiten geraten, dürfte er das eher als Chance denn als unbedingt zu vermeidendes Risiko begreifen. Dann steigt der Druck für ernsthafte Strukturreformen. Für gravierende Krisenfälle gibt es den IWF.

Vom Timing her sind die folgenden Monate unabdingbar für Zinssteigerungen. Kommendes Jahr ist ein großes Wahljahr in den USA. Janet Yellen ist eine in Wolle gefärbte Demokratin. Spätestens ab Frühjahr 2016 dürften Zinssteigerungen deshalb wenn möglich zu vermeiden sein. Wenn die Welt nicht zusammenbricht, könnte es an den Sitzungen im September, Oktober und Februar sowie eventuell noch im März Zinsschritte der Notenbank geben. An der Dezember-Sitzung sind solche verpönt, da die Märkte illiquide sind und ein bedeutender Teil der Akteure die Bücher bereits geschlossen hat.

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