Österreich: Bauwut gefährdet Versorgung mit heimischen Lebensmitteln

Jeden Tag wird in Österreich eine Fläche von 30 Fußballfeldern verbaut. Österreich ist Europameister im Zerstören fruchtbarer Böden, warnen Experten. Schon jetzt trägt die Bauwut dazu bei, dass nicht ausreichend Ackerland vorhanden ist, um die Versorgung mit Lebensmitteln im Notfall sicherzustellen.

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Der Bedarf an Bauland in Österreich ist enorm. Täglich wird hier mehr Fläche verbaut als in Deutschland oder in der Schweiz: 20 Hektar. „Wir müssen den rasanten Bodenverbrauch in Österreich stoppen“, fordern der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Agrar- und Umweltrecht, Roland Norer, der Universitätsprofessor Gottfried Holzer (Universität für Bodenkultur Wien) und Kurt Weinberger von der Österreichischen Hagelversicherung. „Dazu müssen wir Bewusstsein schaffen, dass der Boden die Basis für unser Leben ist.“ Sie wollen eine bodenschonende Raumplanung, um landwirtschaftliche Vorrangflächen gesetzlich zu schützen und leerstehende Immobilien wieder in wirtschaftliche Nutzung zu bringen.

Österreich ist bei der Verbauung fruchtbarer Böden Europameister im negativen Sinn“, so Kurt Weinberger von der Hagelversicherung. „Täglich werden in Österreich rund 20 Hektar wertvolle Wiesen und Äcker für Straßen, Siedlungen, Shopping-Center oder Industriehallen verbaut.“ Mit 15 Meter Straßenlänge pro Kopf hat Österreich international das längste Straßennetz vorzuweisen. Deutschland und die Schweiz haben mit 7,9 und 8,1 Metern pro Kopf deutlich weniger.

Allein in den vergangenen 50 Jahren seien 300.000 Hektar Böden versiegelt worden. Hält die Entwicklung in der Geschwindigkeit an, wäre Österreichs gesamte Agrarfläche bereits in 200 Jahren zubetoniert. Aus diesem Grund fordern die Experten auch den Rückgriff auf leerstehende Gebäude und ungenutzte Brachflächen. Dem Umweltbundesamt zufolge gibt es allein 13.000 Hektar ungenutzt Industriehallen und leerstehende Wohnungs- und Geschäftsimmobilien in einer Größenordnung von 50.000 Hektar. Statt einer Zersiedelung sollten alte Ortskerne wieder besiedelt und revitalisiert werden. Dazu brauche es aber auch Anreize, so Weinberger.

Dabei geht es bei der massiven Bebauung nicht einfach nur um das Verschwinden der Natur. Vielmehr begünstigt das Fehlen von Ackerflächen eine Zunahme der Unwetterschäden und einen Rückgang des Tourismus. Sogar die heimische Lebensmittelversorgung ist mittlerweile gefährdet.  „Dem Erhalt landwirtschaftlicher Böden muss schon allein aus dem Grund der Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln künftighin in Interessensabwägungen verstärktes Gewicht zukommen“, sagt Roland Norer von der Österreichischen Gesellschaft für Agrar- und Umweltrecht. „Es ist heute nicht mehr zu rechtfertigen, wenn der Bodenverbrauch zum Beispiel für Infrastrukturen oder Siedlungen höher gewichtet wird als Böden zur Produktion von heimischen Lebensmitteln.“

Bereits jetzt existiere die Fläche, die notwendig wäre, um die gesamte österreichische Bevölkerung mit heimischen Lebensmitteln zu versorgen schon nicht mehr. Während normaler Weise jede Einwohner pro Kopf dafür eine Ackerfläche von 3.000 Quadratmetern benötigen würde, stehen in Österreich nur mehr 1.600 Quadratmeter pro Kopf zur Verfügung.

„Eine gesetzliche Ausweisung von landwirtschaftlichen Vorrangflächen und die damit verbundene Festlegung von Siedlungsgrenzen könnten ein Fortschreiten des ungezügelten Bodenverbrauches bewirken “, so Gottfried Holzer von der Universität für Bodenkultur Wien. Österreich solle auch in Zukunft ein Land der Äcker und nicht ein Land der leeren Industriehallen, Straßen und Einkaufszentren sein. Böden sind unsere Lebensgrundlage.

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