Klimawandel bedroht weltweite Landwirtschaft

Wenige Tage vor der lang erwarteten Klimakonferenz in Paris mehren sich die Forderungen, dieses eine Mal wirklich aussagekräftige, strenge Regulierungen für den Klimaschutz zu beschließen. Immer mehr Organisationen und Institutionen warnen vor den Folgen des Klimawandels und zahlreiche neu publizierte Studien geben ihnen Recht.

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In Brasilien könnten aufgrund des Klimawandels in den kommenden Jahrzehnten große Anbauflächen für Kaffee verschwinden. (Grafik: WWF Deutschland)

In Brasilien könnten aufgrund des Klimawandels in den kommenden Jahrzehnten große Anbauflächen für Kaffee verschwinden. (Grafik: WWF Deutschland)

Kurz bevor sich die 190 Staaten in Paris in diesem Jahr zur Klimakonferenz treffen, erhöhen Organisationen und wissenschaftliche Institute noch einmal den Druck auf die politischen Entscheidungsträger. Der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) zufolge hat die Kohlenstoffdioxid-Konzentration in der Atmosphäre das 30. Jahr in Folge ein Rekordhoch erreicht. Im vergangenen Jahr lag die durchschnittliche CO2-Konzentration bei 397,7 ppm (Teilen pro Million). Zwischenzeitlich sei auf der Nordhalbkugel ein Wert von 400 ppm überschritten worden. In diesem Jahr sei dies sogar weltweit der Fall gewesen, so die WMO. Derartig hohe Werte seien bald der Normalfall.

Seit 800.000 Jahren habe es den Klimaforschern zufolge nicht mehr derart hohe Konzentrationen von Treibhausgasen wie Methan und CO2 in der Erdatmosphäre gegeben. Wenn die Erderwärmung nicht gestoppt wird, droht sich die Zahl der in extremer Armut lebenden Menschen nach Einschätzung der Weltbank bis zum Jahr 2030 um weitere hundert Millionen erhöhen. Besonders stark von den Folgen einer gescheiterten Klimapolitik werde Afrika betroffen sein. Auch für die Menschen in den Staaten Südasiens sehen die Weltbank-Experten besonders hohe Risiken. Allein in Indien könnten nach ihren Berechnungen durch den Klimawandel, Erschütterungen der Agrarwirtschaft und eine schnellere Ausbreitung von Krankheiten 45 Millionen Menschen in extreme Armut geraten, also weniger als 1,90 Dollar (1,76 Euro) am Tag zur Verfügung haben.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch der Beitrag der Landwirtschaft zum Klimawandel. Dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) zufolge, wird sich der Bedarf an Nahrungsmitteln bis 2050 weltweit verdoppeln. Das stellt auch die Landwirtschaft vor enorme Herausforderungen. „Obwohl auf die Landwirtschaft nur 9 Prozent aller Treibhausgase entfallen, ist sie die Hauptquelle der Emissionen von Methan (CH4) und Distickstoffoxid (N2O)“, so die EU-Kommission. „Andererseits bietet die Umwandlung von landwirtschaftlich zu forstwirtschaftlich genutzten Flächen ein beträchtliches Potential zur Minderung des CO2 in der Atmosphäre.“ Und gleichzeitig gefährdet der Klimawandel wiederum die Landwirtschaft, was angesichts eines steigenden Bedarfs an Nahrungsmitteln ebenfalls verheerende Folgen haben kann, ein Teufelskreis. Dies bemerkte bereits 2012 der Weltklimarat IPCC in dem Sonderbericht Risikomanagement von Extremereignissen und Katastrophen zur Anpassung an den Klimawandel (SREX)“. Bis zum Ende des Jahrhunderts projizieren Klimamodelle des IPCC eine deutliche Erhöhung der extremen Temperaturen und längere Hitzewellen, eine Zunahme von Starkniederschlägen in vielen Regionen der Erde sowie möglicherweise eine Zunahme der Intensität (nicht der Häufigkeit) von tropischen Wirbelstürmen. „Extremere Küstenhochwasser sind wahrscheinlich aufgrund des zunehmenden Meeresspiegelanstiegs“, fasst das Bundesumweltministerium die Kernaussagen des Berichts zusammen. Auch Ausmaß und Anzahl von Dürren könnten in einigen Regionen zunehmen sowie Erdrutsche oder Gletscherseeausbrüche in Hochgebirgen.

„Höhere Temperaturen fördern in vielen Regionen die Verdunstung, oftmals geht das einher mit verstärkten Dürreperioden“, sagt Thilo Pommerening, Klimaschutzexperte des WWF Deutschland. „Zudem erwarten wir auch extremeren Starkregen mit Überflutungen. Das kann die Ausbreitung von Pflanzenschädlingen begünstigen“. Bereits heute führe all das zu Ernteausfällen bei vielen Agrarrohstoffen und wird in Zukunft deutlich häufiger vorkommen. „Die aktuellen Dürren in Brasilien und Kalifornien geben uns einen Vorgeschmack auf die Zukunft, wenn die Folgen des Klimawandels noch spürbarer werden.“ Eine Untersuchung des WMF Deutschland macht deutlich, dass Brasilien in Folge des Klimawandels bis 2070 etwa ein Drittel der aktuell für den Kaffeeanbau nutzbaren Gebiete verlieren könnte. Weltweit könnte bis Mitte des Jahrhunderts sogar die Hälfte der bisherigen Kaffeeanbauflächen unbrauchbar sein (Grafik WWF):

Auch Bananen, das meist angebaute Obst der Welt, leiden stark. Wärmere Temperaturen, Stürme und Überflutungen begünstigen die großflächige Ausbreitung gefährlicher Bakterien und Pilze, deren Bekämpfung sehr teuer ist. In Kolumbien, dem drittgrößten Exportland, könnten bis 2060 etwa 60 Prozent der heute für den Bananenanbau geeigneten Flächen durch den Klimawandel unbrauchbar werden.“

Was geschehen könnte, wenn sich die Temperatur weltweit um vier Grad Celsius erhöhen würde, zeigt ein aktueller Bericht der US-Forschungsorganisation Climate Central. Während bei einem Anstieg um zwei Grad 130 Millionen Menschen von einem höheren Meeresspiegel gefährdet wären, sind es bei vier Grad Celsius bereits zwischen 470 und 760 Millionen Menschen in den Küstenregionen. Am schwersten wäre China von einem höheren Meeresspiegel betroffen. 145 Millionen Menschen leben hier in von Überflutungen bedrohten Regionen.

In China scheint man die Brisanz des Klimawandels jedoch weiter zu bestreiten. Einem Bericht der New York Times zufolge hat China über Jahre hinweg deutlich zu niedrige Werte für den Kohleverbrauch des Landes angegeben. Die Statistikbehörde habe die Angaben für mehrere Jahre in ihrem jüngsten Jahrbuch um bis zu 17 Prozent angehoben, berichtete die New York Times. Allein für das Jahr 2012 sei die Angabe für den Kohleverbrauch um 600 Millionen Tonnen erhöht worden – mehr als 70 Prozent des US-Jahresverbrauchs. Der Kohlendioxidausstoß Chinas könnte damit um einen kompletten Jahreswert Deutschlands über den bisherigen Annahmen liegen. Entsprechend hoch ist die Feinstaubbelastung in den Städten des Landes. Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge, sollte ein Grenzwert von durchschnittlich 25 Mikrogramm pro Kubikmeter über den Tag verteilt nicht überschritten werden. In Changchun, der Hauptstadt der nordostchinesischen Provinz Jilin, wurden zuletzt PM2.5 Feinstaubpartikel in Höhe von 860 Mikrogramm pro Kubikmeter gemessen.

Zum steigenden Meeresspiegel tragen auch die Gletscher bei. Während das Eis in bestimmten Teilen der Antarktis derzeit schneller wächst als es nahe des Ozeans schmilzt, ist der Gletscherschwund indes beträchtlich. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts erreichte dieser einen historischen Rekordwert. Das Schmelzen der Gletscher ist ein globales Phänomen und selbst ohne weiteren Klimawandel werden sie zusätzlich an Eis verlieren. Dies belegt die neueste Studie des World Glacier Monitoring Services unter der Leitung der Universität Zürich. Besonders betroffen ist vor allem die Alpenregion. „Der Aletschgletscher hat sich um mehrere Kilometer zurückgezogen“, sagte Michael Zemp, Direktor des World Glacier Monitoring Service und Erstautor der Studie. Auch der Morteratschgletscher habe stark an Masse verloren. In Alaska sind die Gletscher Gulkana und Lemon Creek Beispiele für massiven Schwund. Zemp sagte den Deutschen Wirtschafts Nachrichten, dass die aktuellen Modelle zu einem eindeutigen Ergebnis kämen: „Wenn der Klimawandel so fortschreitet, werden bis zum Ende des 21. Jahrhunderts 90 Prozent der Gletscher in den Alpen verschwunden sein.“ In Österreich erwarten wir das weitgehende Verschwinden bereits in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts. Zemp erklärt die Gründe: „Die Gletscher sind zu groß für das heutige Klima. Das Problem ist, dass die Erwärmung der vergangenen Jahrzehnte bereits dazu geführt hat, dass der Schmelzprozess beschleunigt wird. Selbst wenn wir alle Treibhausgase morgen auf Null fahren, würde der Schmelzprozess noch bis zu 20 Jahren weitergehen.

Der Klimawandel sei zwar ein globales Problem, wirke jedoch nicht linear. Die Alpen seien wegen der geographischen Lage stärker betroffen als andere Gletscher. Neben den Alpen ist auch Skandinavien besonders gefährdet. Insgesamt hat sich eine massive Beschleunigung des Abschmelzens ergeben. Neben dem Klimawandel wirkt sich auch der industrielle Wintertourismus negativ auf die Alpen-Gletscher aus. Zemp: „In den Alpen wohnen viele Menschen in der Nähe von Gletschern. Wir sollten zwar nicht mit dem Skilaufen aufhören, aber wir sollten nicht um die ganze Welt jetten, um irgendwo Skilaufen zu können.“ Für die Tourismus-Regionen in den Alpen ergeben sich aus dem Verschwinden der Gletscher Chancen und Gefahren: Zum einen entstehen Seen. Diese können, wie jetzt schon in der Schweiz, als neue Tourismus-Attraktionen genützt werden. Dazu müssen sie aber befestigt werden. Dies sei, so Zemp, eine Frage des Geldes. Noch teurer dürfte es für die Tourismus-Gebiete werden, sich auf die neuen Naturgefahren einzustellen. Dazu wird es die Hilfe der geowissenschaftlichen Praktiker brauchen. Zemp: „Unser historisches Wissen über gefährdete Stellen hat seine Gültigkeit verloren. Das Schmelzen der Gletscher bringt neue Naturgefahren wie Felsstürze und Muren-Abgänge. Es müssen nun die Ingenieure tätig werden, die die Situation modellieren und neue Gefahren kartieren. Auch das wird viel Geld kosten.“ Zemp sagt, er sei zwar wegen den dauerhaften Messungen nicht überrascht über die Beschleunigung, doch die Bilder, wie schnell sich die Landschaft verändert, hätten auch ihn schockiert. Zemp: „Ich empfehle jedem, mit seinen Kindern jedes Jahr zu den Gletschern zu fahren und jedes Jahr ein Foto an derselben Stelle aufzunehmen. Dann wird man sehen, wie schnell es geht.“

Seit über 120 Jahren sammelt der World Glacier Monitoring Service, das heute seinen Sitz an der Universität Zürich hat, weltweite Daten zu Gletscherveränderungen. Zusammen mit seinen Korrespondenten in über 30 Ländern hat der internationale Dienst eine neue, umfassende Analyse der globalen Gletscherveränderungen im Journal of Glaciology veröffentlicht. Dabei wurden die Beobachtungen für das erste Jahrzehnt des laufenden Jahrhunderts (2001-2010) mit allen bisher verfügbaren Daten aus Feldbegehungen, flugzeug- und satellitengestützten Beobachtungen sowie Rekonstruktionen basierend auf Bild- und Schriftquellen verglichen. Die Geschwindigkeit der aktuellen, globalen Gletscherschmelze ist beispiellos, zumindest seit Beginn der Messperiode und wohl auch im Zeitraum der schriftlich und bildlich belegten Geschichte. Sie sei, so Zemp, der „Beweis, dass der Klima-Wandel konkrete Folgen hat“. Die Entwicklung könne nur gestoppt werden, wenn der Zertifikatehandel wirklich global verpflichtend wäre. Denn das Ausscheren einiger Länder mache die Bemühungen der anderen zunichte. Zemp: „Der Zertifikatehandel, wie wir ihn heute haben, funktioniert nicht.“

Die Studie zeigt, dass das langfristige Zurückschmelzen der Gletscherzungen ein globales Phänomen ist. Zwischenzeitliche Wiedervorstöße der Gletscher sind regional und zeitlich beschränkt und reichen bei weitem nicht an die Hochstände der kleinen Eiszeit zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert heran. So haben sich zum Beispiel die norwegischen Gletscherzungen seit ihrem letzten Hochstand im 19. Jahrhundert um einige Kilometer zurückgezogen. Einzig in der Küstenregion stießen die Gletscher zwischenzeitlich in den 1990er-Jahren wenige hundert Meter vor.

 

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