Rocket Internet zündet nicht

Die Berliner Beteiligungsgesellschaft Rocket Internet steht unter großem Druck. Der Börsenwert liegt mehr als 40 Prozent unter dem Ausgabepreis, wichtige Mitarbeiter verlassen die Firma und auch mit einigen Co-Investoren herrscht Streit.

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15 Monate nach dem Börsengang der Startup-Schmiede Rocket Internet kämpft Firmenchef Oliver Samwer zunehmend mit Problemen. Führungskräfte der ersten Stunde suchen das Weite, mit dem Großinvestor Kinnevik gibt es Insidern zufolge Streit, und der Aktienkurs der Berliner Beteiligungsgesellschaft liegt mit gut 23 Euro um mehr als 40 Prozent unter dem Ausgabepreis bei der Emission im Oktober 2014.

Nach Chef-Kommunikator Andreas Winiarski, der den Börsengang entscheidend mit vorbereitet hatte, kehrt im Februar auch die Leiterin der Rechtsabteilung, Franziska Leonhardt, Rocket den Rücken. Laut mit dem Unternehmen vertrauten Personen geht in Kürze auch Vize-Finanzchef Uwe Gleitz. Beide waren Mitglieder des ersten Rocket-Aufsichtsrats, der den Börsengang angestoßen hatte.

Der Startup-Schmiede Rocket bläst auch an anderen Stellen Gegenwind ins Gesicht. Keine der Jungfirmen schaffte es bislang, dem Vorzeige-Gewächs Zalando nachzueifern. Nacheinander stellte Samwer seine Börsenkandidaten ins Schaufenster – von den Möbelhändlern Home24 und Westwing über den Essens-Lieferdienst Delivery Hero bis zum Kochbox-Anbieter HelloFresh. Doch ein Rückzieher folgte dem nächsten.

Hatte Westwing noch frühzeitig die Reißleine gezogen, machte HelloFresh seine Pläne sogar schon öffentlich. Skeptisch machte die Anleger der rapide gestiegene Firmenwert der tief in den roten Zahlen steckenden Firma. Denn Samwer blähte mit einer einzigen Kapitalspritze von nur 75 Millionen Euro, für die der befreundete britische Investmentfonds Baillie Gifford drei Prozent bekam, den Buchwert um das Dreifache auf 2,6 Milliarden Euro auf. Solche ambitionierten Bewertungen sind in der Branche üblich, weil gerne der Wert des letzten Investments hochgerechnet wird, solange es noch keine „echte“ Bewertung an der Börse gibt.

Beim Börsengang sollte das Unternehmen nach Samwers Vorstellungen sogar mit 3,2 bis 3,3 Milliarden Euro bewertet werden, ist von Insidern zu erfahren. Das sorgte für Zoff mit dem schwedischen Rocket-Investor Kinnevik, der sich mit 2,6 Milliarden Euro zufrieden gegeben hätte. Dies reichte wohl, um die Pläne zu stoppen. Eine ungewohnte Niederlage für den machtbewussten Samwer. Viele der kleinen Co-Investoren wie Holtzbrinck Ventures hat er unter Kontrolle – noch.

Denn die Investments von Rocket zahlen sich nur aus, wenn die Berliner ein Startup gewinnbringend verkaufen oder an die Börse bringen können. Noch hat Samwer 1,7 Milliarden Euro auf der hohen Kante – eingesammelt beim Börsengang, per Kapitalerhöhung und Wandelanleihe. Das reicht nicht ewig und zwingt Samwer zu ungewohnter Sparsamkeit. Rocket will in diesem Jahr laut einem Insider maximal 350 Millionen Euro investieren. In zwei Jahren soll zumindest für drei Startups Schluss sein mit roten Zahlen. Der Druck steigt. Der Essensbestelldienst Foodpanda entließ kürzlich 300 Mitarbeiter, Home24 und Westwing haben das bereits hinter sich. Ob Samwer sein Versprechen aus dem Herbst halten kann, ein Rocket-Startup binnen 18 Monaten an die Börse zu bringen, ist offener denn je.

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