Zeitungen zu Volker Beck: „Auch der Zug am Joint durchlöchert das Hirn“

Die deutschen Tageszeitungen urteilen eher milde über den Fall des mit Drogen erwischten Volker Beck. Sie sehen grundsätzliche Probleme – für die Grünen, für die Politik und für die Gesellschaft.

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„Münchner Merkur“

Sollte Beck tatsächlich ein Drogenproblem haben, ist Häme nicht angebracht. Man sollte sich dann vielleicht eher die Frage stellen, wieso sich innerhalb kurzer Zeit schon der zweite hochrangige Berliner Politiker als Konsument der Leistungs-Droge Crystal Meth herausstellt. Das ist die menschliche Seite der Geschichte. Die politische Seite ist eine andere. Beck war immer schnell damit, die Verfehlungen anderer anzuprangern und Konsequenzen zu fordern. Nun steht er selbst am Pranger und darf wenig Gnade erwarten. Da hilft auch der Hinweis nicht, er sei schon immer für eine liberale Drogenpolitik eingetreten. Zumal bei ihm nicht ein bisschen Gras gefunden wurde, sondern angeblich eine der zerstörerischsten Drogen, die es gibt. Dass Beck seine Ämter in der Fraktion zur Verfügung gestellt hat, war deshalb unvermeidbar. Gerade seine Rolle als innenpolitischer Sprecher ist mit einem solchen Verdacht nicht vereinbar. Um nun gleich auch noch die Niederlegung seines Bundestagsmandats zu fordern, ist es aber zu früh. Es gilt die Unschuldsvermutung. Sollten sich die Vorwürfe aber erhärten, wird es für ihn schwer werden. Der grüne Wahlkämpfer Winfried Kretschmann konnte sich gestern schon gar nicht schnell genug distanzieren.

„Westfalenpost“ (Hagen)

„Ich habe immer eine liberale Drogenpolitik vertreten“, schreibt Beck auf seiner Internet-Seite. Soll das eine Entschuldigung sein? Er hat nichts verstanden.

„Freie Presse“ (Chemnitz)

Um die Anerkennung seiner vielseitigen politischen Verdienste, wie zum Beispiel seine Einsätze für die Gleichberechtigung Homosexueller oder die um die deutsch-jüdische Aussöhnung, nicht vollends zu gefährden, war es zudem klug, sich sofort aus der Schusslinie zu nehmen. Spott und Häme hielten sich daher auch sehr in Grenzen. Vielleicht aber auch, weil der eine oder andere Kollege sehr wohl weiß, dass Politiker ganz normale Menschen sind – mit allen Stärken und Schwächen. Sie sind ein Querschnitt der Gesellschaft, aus der sie kommen.

„Lausitzer Rundschau“ (Cottbus)

Es geht für sie um viel. Bleibt Kretschmann Ministerpräsident, wäre dies auch für die Bundestagswahl 2017 ein strategisches Signal, das die Partei wählbarer machen könnte. Bleibt er es nicht, könnte den Grünen die alte Konfrontation ihrer Flügel neu ins Haus stehen. Und zwar mit Vehemenz. Freilich gilt auch: Beck ist ein Einzelfall. Er scheint sich selbst verloren zu haben in den Turbulenzen des hektischen und kräftezehrenden, politischen Alltags in Berlin. Abseits der strafrechtlichen Relevanz seines Handelns kann man dies auch bedauern. Wahr ist gleichwohl, dass der 55-Jährige als Politiker eine Eigenschaft an den Tag gelegt hat, die er mit einigen seiner Kollegen teilt – die der Rechthaberei. Mag sein, dass der Beruf des Politikers und des Abgeordneten diese Attitüde mit sich bringen kann oder fördert. Nur läuft man dann eben auch Gefahr, besonders tief zu fallen. Wie jetzt Volker Beck.

„Badische Zeitung“ (Freiburg)

Die Öko-Partei pflegt seit jeher ein liberales Verhältnis zumindest zu weichen Drogen. Es gab schon Bundesparteitage, da wurden Tütchen mit Cannabis-Samen auf den Delegiertentischen verteilt. Crystal Meth hingegen ist von anderem Kaliber – und Beck (…) eine Reizfigur (…). Einerseits geachteter Parlamentarier, der sich für die Rechte Homosexueller und die deutsch-israelische Aussöhnung einsetzt, andererseits Polemiker, der etwa in der Asylpolitik gegen Realo-Grüne austeilt – da bleiben neben Mitgefühl mancherorts Schadenfreude und Häme nicht aus.

„Leipziger Volkszeitung“

Der Hochleistungspolitiker Beck ist komplett aus der Spur geraten. Dass ihm auch konservative Mitstreiter aus dem Bundestag Respekt für den schnellen Rücktritt von allen Ämtern zollten, zeigt, dass Beck hohes Ansehen genießt. Dabei war der schnelle Rückzug mehr als geboten: Als Innenexperte war Beck zuständig für die Kriminalitätsbekämpfung, sein Drogenproblem machte ihn erpressbar. Die grünen Wahlkämpfer werden in der nächsten Woche damit leben müssen, dass immer neue Details über das Privatleben von Volker Beck bekannt werden. Eine Diskrepanz, wie sich jetzt zwischen dem Wahlkämpfer Kretschmann und dem gestürzten Moralpolitiker Beck auftut, ist schon fast typisch für die Grünen.

„Berliner Morgenpost“

Bei Beck geht es um eine der routiniertesten Kräfte des Berliner Politikbetriebs. Eben dieser Politprofi aber hat gleich beiden Communitys, denen er seit Jahren zu dienen vorgibt, ohne Not schweren Schaden zugefügt. Ärzte und Aktivisten beklagen seit etwa zwei Jahren eine Verrohung der Schwulenszene. Die Hooligan-Droge Crystal Meth verwandelt Hänflinge in Größenwahnsinnige, senkt die Empathie, übersteigert das Ego. Eine Stimme der Verantwortung hätte gemahnt, gewarnt, gebremst. Beck nicht. Zweitens ist der gebürtige Stuttgarter den Grünen brutalstmöglich in den Rücken gefallen. Die an Charismatikern derzeit arme Öko-Partei hat genau einen Mann mit historischem Potenzial: Winfried Kretschmann. Nicht auszudenken, wenn Becks Einkaufstour das Wunder von Stuttgart kaputt macht.

„Trierischer Volksfreund“

Die harsche Reaktion von Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann zeigt, wie sehr der Fall Beck den Grünen den Wahlkampf verhagelt. Bislang lief es für Kretschmann prima im Ländle, seine Partei hat selbst die CDU in Umfragen knapp überholt. Wenn jetzt der Drogenvorwurf gegen Volker Beck dazu führen sollte, dass sich der Blick auf die Grünen wieder verschiebt, dann könnte das Kretschmanns Wahlerfolg gefährden. Denn eines ist doch klar: Der Absturz des prominenten Bundestagsabgeordneten ist dazu geeignet, alte Ressentiments gegen die Grünen wieder ans Tageslicht zu fördern.

„Südwest-Presse“ (Ulm)

Was vor wenigen Wochen in weiter Ferne lag, scheint für die Grünen zum Greifen nahe: im neuen Landtag stärkste Kraft zu werden und mit der SPD weiter regieren zu können. Das ist in erster Linie der Verdienst eines Ministerpräsidenten, der weit ins konservative Wählerlager hinein hohe Anerkennung und Sympathie genießt. An eben dieser Wertschätzung wird auch der Fall Beck nichts ändern, der ein Politikum ist, weil es sich um den innenpolitischen Sprecher der Bundestagsfraktion handelte. Er ist Recht und Gesetz in besonderer Weise verpflichtet. Es empfiehlt sich nicht, Kapital aus der Angelegenheit schlagen zu wollen: Es angesichts des Wahlkampfes doch zu probieren, hieße, die Wähler für dumm zu halten.

„Schwäbische Zeitung“ (Ravensburg)

Volker Beck wird sich kaum wundern über die Häme, mit der er in den sozialen Medien bedacht wird, nachdem die Berliner Polizei Drogen bei ihm gefunden hat. Er hat sich neben seinen Verdiensten um die deutsch-israelische Versöhnung oder die Rechte Homosexueller eine ganze Menge Feinde gemacht, auch in der eigenen Partei. Beck aber lässt die Anmaßung erkennen, die er bei anderen gerne kritisiert hat: Nach von der Staatsanwaltschaft bisher nicht bestätigten Berichten soll es sich um die schädliche Droge Chrystal Meth gehandelt haben und nicht um ein paar Gramm Marihuana, die er bei einem Dealer gekauft habe. Dass Beck meinte, er könne kurz vor der für seine Partei wichtigen Landtagswahl in Baden-Württemberg ohne Risiko Illegales tun, gibt eine Ahnung, wie abgehoben er sein könnte – oder wie abhängig. Dass er dann noch mit dem Satz „Ich habe immer eine liberale Drogenpolitik vertreten“ auf Tauchstation ging, ist ein Bärendienst für die Grünen.

„Neue Presse“ (Hannover)

Dass Grüne auf synthetisch hergestellte Drogen abfahren, ist ja per se ein Witz. Wenn schon, dann kontrolliert biologisch angebautes Cannabis und dann mit politischer Botschaft. Dem aktuellen Wahlkampf des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne) dürfte es mitgeschuldet sein, dass der grüne Moralist Volker Beck alle Fraktionsämter aufgegeben hat. Wer jetzt aber glaubt, der Bundestag wird mit dem Auffliegen des Parlamentariers Beck drogenfrei, der irrt gewaltig. Es ist ein offenes Geheimnis, dass sehr viele Bundestagsabgeordnete – ebenso wie viele Durchschnittsdeutsche – gern und auch gern übertrieben oft zur Flasche greifen. Der Fall Beck könnte genutzt werden, um über den Drogenkonsum in unserer Gesellschaft nachzudenken.

„Kölner Stadt-Anzeiger“

Mit seinem mutmaßlichen Vergehen hat Beck nicht nur seine Zukunft als Politiker zerstört und seiner Partei ein Problem beschert – vor allem verliert die Bundespolitik einen der engagiertesten, intelligentesten und mutigsten Akteure auf einem Gebiet, das in den Medien noch immer wenig Beachtung und in der Politik nur selten Anerkennung findet. Ohne Volker Beck wird es ruhig werden um die sogenannte Minderheitenpolitik und nicht wenige politische und religiöse Minderheiten werden den Verlust in den nächsten Jahren zu spüren bekommen. Der Politik wird Beck wohl erhalten bleiben, aber seine Stimme zählt nicht mehr viel.

„Landeszeitung“ (Lüneburg)

Am Tag, an dem Volker Beck zurücktrat, weil er mit illegalen Drogen erwischt worden war, veröffentlichten die UN eine Studie, nach der jeder vierte Europäer bereits illegale Rauschmittel konsumiert hat. Ist es also scheinheilig, den Rückzug des Volksvertreters zu begrüßen? Volker Beck wird dies vermutlich annehmen, darauf deutet sein Satz hin, er sei schon immer Vertreter einer Liberalisierung der Drogenpolitik gewesen. Hier werden die Sinne des Betrachters vernebelt. Was hat die mörderische Droge Crystal Meth, die bei Beck gefunden worden sein soll, mit der Freigabe von Cannabis zu tun, für die die Grünen streiten? Obwohl, einen Zusammenhang gibt es: Angesichts von Hunderten Autofahrern, die jedes Jahr dem Götzen Alkohol geopfert werden, angesichts von Milliarden-Folgekosten des Alkohol- und Tabakrauschs braucht die Gesellschaft keine einzige weitere legalisierte Droge. Zumal auch der Zug am Joint das Hirn durchlöchert. Und nicht selten Einstiegsdroge ist für Härteres, von Heroin bis Crystal Meth.

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