„Irrfahrt, Sackgasse, bizarr“: Draghis Kurs stößt auf allgemeine Ablehnung

Die Ökonomen der deutschen Banken und Verbände lehnen die Zins-Entscheidung der EZB ab. Die Geldpolitik sei schon mit dem bisherigen Kurs gescheitert. Die EZB beschleunigt nach Ansicht der Ökonomen die Probleme, die sie lösen will.

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Der Euro-Dollar-Kurs am Donnerstag. (Grafik: ariva.de)

Der Euro-Dollar-Kurs am Donnerstag. (Grafik: ariva.de)

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre Geldpolitik erneut gelockert: Die Notenbanker senkten den Leitzins am Donnerstag erstmals auf null Prozent und erhöhten die monatlichen Anleihenkäufe auf 80 (bisher 60) Milliarden Euro. Zudem müssen Banken künftig einen Strafzins von 0,4 (bisher 0,3) Prozent zahlen, wenn sie überschüssiges Geld bei der EZB parken wollen.

Ökonomen und Vertreter der Finanzbranche sehen die Entscheidung negativ und verkünden ihre allgemeine Ablehnung. Sie teilen die Einschätzung, dass die Maßnahmen weder der Realwirtschaft noch den Banken helfen. Eine Analyse zeigt, dass die Entscheidung Europa sogar in eine Depression treiben könnte.

JAN HOLTHUSEN, VOLKSWIRT DER DZ BANK:

„In der Pressekonferenz muss Draghi nun erklären, wie er die bekannten Probleme, die diese neuen Maßnahmen bereiten, umschiffen will, ohne dass Märkte und Finanzsektor Schaden nehmen werden. Dennoch werden auch diese Schritte nicht wirklich dazu beitragen, die Inflationserwartungen nachhaltig zu erhöhen, da diese stärker vom Rohölpreis abhängen, der außerhalb der Kontrolle der EZB liegt. Die EZB geht dabei immer mehr das Risiko ein, zu viel des Guten zu tun.“

ANDREAS BLEY, CHEFVOLKSWIRT DES BANKENVERBANDS BVR:

„Die heute vom EZB-Rat beschlossenen Maßnahmen zur Ausweitung der Liquidität werden nicht die gewünschte Wirkung zeigen. Noch mehr billiges Geld und noch niedrigere Zinsen führen nicht zu mehr Investitionen. Im Gegenteil: Die bizarre Welt der negativen Zinsen verunsichert Unternehmen und Verbraucher, belastet die Altersvorsorge und erhöht die Anreize zur Verschuldung, sowohl der Unternehmen und Privathaushalte, als auch der Staaten. Ohnehin malt die EZB mit ihrer Konjunktureinschätzung unnötig schwarz.“

MARCEL FRATZSCHER, CHEF DES DIW-INSTITUTS:

„Die EZB-Entscheidung bedeutet eine überraschend massive Ausweitung der Geldpolitik. Sie unterstreicht jedoch auch die Sorge der EZB über die schwächer werdende europäische Wirtschaft.“

ALEXANDER ERDLAND, PRÄSIDENT DES VERSICHERERVERBANDS GDV:

„Die EZB hat sich noch tiefer in die Sackgasse manövriert. Mit größter Sorge sieht die Versicherungswirtschaft, dass die Notenbank ihre schon extrem expansive Geldpolitik noch weiter signifikant gelockert hat. Denn immer mehr Anzeichen deuten darauf hin, dass diese monetären Anreize ihr Ziel nicht erreichen. Besonders deutlich wurde das seit Jahresbeginn auf den Aktienmärkten oder beim Euro-Wechselkurs, wo Verluste beziehungsweise eine Aufwertung im krassen Gegensatz zur Haltung der Geldpolitik standen.

Schlimmer noch: Mittlerweile ist sogar zu befürchten, dass diese unorthodoxe Geldpolitik das Gegenteil von dem bewirkt, was eigentlich beabsichtigt ist – nämlich mehr Wachstum und eine höhere Inflation. Die Notenbank läuft daher zunehmend Gefahr, von den Risiken und Nebenwirkungen ihres Tuns eingeholt zu werden.“

JÖRG KRÄMER, COMMERZBANK-CHEFVOLKSWIRT:

„Doktor Draghi hat die Dosis deutlich erhöht. Wie von uns befürchtet, hat er die Geldpolitik der EZB leider deutlicher gelockert als die meisten erwartet hatten. Diese Geldpolitik wird kaum in der Realwirtschaft ankommen. Denn die Nebenwirkungen sind massiv. Das Produktivitätswachstum lässt nach, weil auch unrentable Investitionen wegen der niedrigen Zinsen attraktiv erscheinen. Es steigt das Risiko, dass es in Deutschland am Immobilienmarkt zu Überhitzungen kommt. Außerdem wird der Anreiz für Euro-Länder gesenkt, notwendige Reformen durchzusetzen. Alles in allem verschlechtert diese lockere Geldpolitik langfristig die Rahmenbedingungen für die Unternehmen, sodass sie sich heute schon zurückhalten. Die Medizin wird nicht wirken, auch wenn man die Dosis erhöht.“

JAN BOTTERMANN, CHEFÖKONOM DER ESSENER NATIONAL-BANK:

„Die EZB hat heute abermals ein umfangreiches Maßnahmenbündel auf den Weg gebracht und setzt ihren immer expansiveren Kurs fort. So wurden die Zinssätze zurückgenommen und die QE-Maßnahmen ausgeweitet. Wir gehen davon aus, dass eine Abkehr von diesem Pfad – zumindest bis auf weiteres – nicht in Sicht ist.“

ISABEL SCHNABEL, WIRTSCHAFTSWEISE:

„Es handelt sich um eine weitere massive geldpolitische Lockerung. Angesichts der bisherigen Erfahrungen mit QE (geldpolitische Lockerung) halte ich es für unwahrscheinlich, dass die Ausweitung der Anleihekäufe die Inflation nachhaltig erhöhen wird. Der Markt für Unternehmensanleihen ist in Europa zu klein, als dass sich aus deren Einbeziehung ein großer Effekt ergeben dürfte. Gleichzeitig setzt die weitere Senkung der Einlagenzinsen die Erträge der Banken noch stärker unter Druck.

Ich halte Instrumente wie die langfristigen Kreditlinien (TLTROs), die direkt an der Kreditvergabe ansetzen, für sinnvoller als den weiteren Ankauf von Anleihen. Allerdings hängt auch hier die Wirksamkeit davon ab, ob es überhaupt eine Kreditnachfrage gibt, die zu befriedigen ist.“

LIANE BUCHHOLZ, VÖB-HAUPTGESCHÄFTSFÜHRERIN:

„Die EZB beschleunigt ihre geldpolitische Irrfahrt. Die heutige Zinsentscheidung der EZB verstärkt den Abwärtsstrudel für die Sparer. Langfristige Altersvorsorgekonzepte werden ebenso entwertet, wie zinsabhängige Institute in risikoreichere Geschäfte gedrängt werden. Es ist absolut unnötig, die deutsche Kreditwirtschaft zu einer umfangreicheren Kreditvergabe zu nötigen.“

OTMAR LANG, CHEFVOLKSWIRT DER TARGOBANK:

„Mit ihren heute verkündeten Maßnahmen ist die EZB ihrem monetären Kurs extrem treu geblieben. Allerdings zeugt das große Bündel an Maßnahmen von einer enormen Nervosität seitens der obersten Währungshüter. Denn auch sie müssen sich eingestehen, dass ihre Geldpolitik bislang die Wirkung verfehlt hat. Die Bilanz ist ernüchternd: So ist es der EZB nicht einmal gelungen, die am leichtesten von ihr zu beeinflussenden Indikatoren in die gewünschte Richtung zu drehen.“

MICHAEL KEMMER, HAUPTGESCHÄFTSFÜHRER VOM BANKENVERBAND BDB:

„Es ist vollkommen unnötig, dass die Europäische Zentralbank (EZB) den Geldhahn heute noch weiter aufgedreht hat. Die Notenbank überzeichnet die Deflationsrisiken. Der Geldmarkt im Euro-Raum ist durch die EZB-Politik faktisch stillgelegt. Wirtschaftsreformen sowie die Sanierung von Bankbilanzen werden verschleppt. Doch auf all diesen Feldern hat die EZB heute noch einmal eine Schippe draufgelegt.“

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