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Erstes bundesweites Zentrum: Universität Hannover macht Mittelstand fit

Seit Ende Februar hat „Mit uns digital! Das Zentrum für Niedersachsen und Bremen“ als erstes Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Deutschlands seine Arbeit aufgenommen. Vom Produktionstechnischen Zentrum der Leibniz Universität Hannover aus soll künftig der Mittelstand für das Thema Digitalisierung gewonnen werden.

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Das neue Kompetenzzentrum in Garbsen hat es sich zum Ziel gesetzt, Industrie-4.0-Know-how in den Mittelstand zu bringen und damit die Unternehmen für die Zukunft und in ihrer Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie fördert das Vorhaben mit 5,4 Millionen Euro für drei Jahre. Als nicht-niedersächsischer Partner ist die Freie Hansestadt Bremen mit an Bord.

„Die Digitalisierung bietet enorme Chancen für Unternehmen. Wir wollen sie daher im und für den Mittelstand attraktiv machen und haben uns dafür zwei Ziele gesetzt. Erstens: Wir wollen mittelständische Unternehmen für die Digitalisierung gewinnen und das Vertrauen in die Digitalisierung stärken. Und zweitens: Wir wollen passgenaue Hilfen anbieten“, sagt Stefan Schnorr, Abteilungsleiter im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, anlässlich des Startschusses am 24. Februar.

„Im Rahmen des Förderschwerpunktes‚ ‚Mittelstand-Digital – Strategien zur digitalen Transformation der Unternehmensprozesse‘ werden wir daher zunächst zehn Mittelstand 4.0-Kompetenzzentren, ein Kompetenzzentrum Digitales Handwerk und vier Mittelstand 4.0-Agenturen einrichten“, so Schnorr weiter. Die Zentren und Agenturen würden mittelständische Unternehmer dort mitnehmen, wo sie stünden und gezielt zu neuen Digitalisierungs- und Industrie 4.0-Lösungen informieren, qualifizieren und sensibilisieren. Die Kompetenzzentren würden zudem praxisnah konkrete Anschauungs- und Erprobungsmöglichkeiten bieten.

Kleine Unternehmen müssen am Wissenschaftspuls bleiben

Die am Zentrum beteiligten Hochschulen in Niedersachsen und Bremen liefern mit ihren Forschungen zum Thema Industrie 4.0 qualifizierte Voraussetzungen, um das Thema in den Mittelstand zu bringen. Die Staatssekretärin im Niedersächsischen Wissenschaftsministerium, Andrea Hoops: „Das PZH ist national und international hoch anerkannt. Dies zeigt sich eindrucksvoll in den eingeworbenen Drittmitteln, den zahlreichen Forschungskooperationen und der Anzahl und dem Renommee der Kooperationspartner aus Wissenschaft und Industrie.“ Hoops weiter: „Wir möchten, dass Niedersachsens Wirtschaft innovativ und wettbewerbsfähig bleibt. Deshalb ist es wichtig, dass insbesondere die kleinen und mittelständischen Unternehmen von den neuesten Forschungsergebnissen unserer Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen profitieren.“

Die effektive Bündelung des Know-hows der Hochschulen in Niedersachsen und Bremen zum Thema Industrie 4.0 ist wesentlich für das Zentrum. „Die Expertisen des Zentrums so zusammenzuführen, dass die kleinen und mittleren Unternehmen den optimalen Nutzen haben, ist eine der Herausforderungen der nächsten Wochen“, erklärt Prof. Berend Denkena, Vorstand des Zentrums und Leiter des Instituts für Fertigungstechnik der Leibniz Universität. Doch nicht nur die organisatorischen und die zu bewältigenden technischen Herausforderungen seien enorm. Denkena: „Die gesellschaftliche Akzeptanz der neuen Entwicklungen, die Auswirkungen auf die Arbeitswelt – auch von diesen Faktoren hängt wesentlich der Erfolg unserer Arbeit ab.“

Fast 500 Informationsgespräche bei Unternehmen, rund 250 Schulungen und etwa 70 Workshops in ganz Niedersachsen und Bremen will das Zentrum bis Ende 2018 realisieren. Neun Lernfabriken, eine davon auf dem Messegelände in Hannover, sind im Aufbau und sollen kleine und mittlere Unternehmen fit machen für die digitale Zukunft. Eine mobile Fabrik präsentiert ausgewählte Inhalte der General- und Expertenfabriken als Roadshow. Die Roadshows sollen Industrie 4.0 auch in ländliche Regionen direkt zur Zielgruppe bringen.

Digitalisierung ist eine Wachstumschance

Erkannt wurde die Problematik auch im Süden der Republik. Laut der Münchner IHK „gibt es mehr und mehr Innovateure unter den Mittelständlern.“ Doch unterm Strich hätten kleine und mittlere Unternehmen bei der Digitalisierung noch Nachholbedarf. Und das obwohl die Unternehmen durchaus die Vorteile der Digitalisierung als Wachstumschance erkennen, berichtet heise.

Ein Problem der Digitalisierung sei jedoch die Schnelligkeit, mit der sich digitale Lösungen entwickeln, heißt es weiter. „Alle noch weitgehend analog aufgestellten Mittelständler müssen sich angesichts dieser Beschleunigung also fragen, wie und vor allem wie lange ihr bestehendes Geschäftsmodell, ihr Produkt, ihre Prozesse in der neuen Welt noch Bestand haben. Oder ob sie Gefahr laufen, von schnelleren, digitalen Konkurrenten, die auch aus ganz unvermuteten Ecken kommen können, verdrängt zu werden“, zitiert das Blatt Rahild Neuburger, Geschäftsführerin der unabhängigen Plattform „Münchner Kreis“ aus einem Artikel der IHK. „Insofern sollten die Mittelständler, die bislang eher noch zögern, den Zeitfaktor im Auge behalten, den digitalen Wandel zwar nicht überstürzen, aber doch zügig aufbrechen in die Digitalisierung – um die sie ohnehin nicht herumkommen und die auch erhebliche Chancen für sie bergen kann.“


Deutsche Bank: Das Endspiel hat begonnen, und viele zittern
Deutsche Bank: Das Endspiel hat begonnen, und viele zittern
Die Deutsche Bank ist seit Monaten unter Beschuss. Ihre US-Konkurrenten haben Unterstützung von der amerikanischen Regierung bekommen. Die Bundesregierung zaudert – und spielt ein gefährliches Spiel. Bluffen Merkel und Schäuble? Haben sie im Poker um die größte Bank Deutschlands wirklich…
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Angela Merkel und Wolfgang Schäuble. (Foto: dpa)

Angela Merkel und Wolfgang Schäuble. (Foto: dpa)

Der Absturz der Deutschen Bank hat sich seit Jahren abgezeichnet. Zwar hat sich das Risiko bei den Derivaten durch eine neue Risikoverteilung über Futures-Plattformen auf den gesamten Markt verteilt. Doch die US-Banken haben die Deutsche schon seit langem als lästigen Konkurrenten im Visier. In ihren besten Investment-Jahren hat die Bank im Revier der Amerikaner gewildert. Im Falle der Hypotheken-Geschäfte dürfte die Bank ordentlich zugelangt haben. Doch die von der US-Regierung aufgerufene Strafe von 14 Milliarden Dollar erscheint vielen Beobachtern zu hoch. Das Problem: Selbst bei einem massiven Discount kann die Bank eine hohe Strafe mit ihrer aktuellen Eigenkapitalbasis nicht einfach wegstecken. Bei der Deutschen Bank rächt sich – wie bei vielen anderen europäischen Banken -, dass das Problem der niedrigen Eigenkapitalquoten nie gelöst wurde. Ökonomen wie Martin Hellwig oder Anat Admati warnen seit Jahren, wurden jedoch nicht gehört.

Es stellt sich nun die Frage, welche Optionen die Deutsche Bank hat.

Bail-In nach EU-Recht

Der rechtlich naheliegende Weg wäre die Beteiligung der nachrangigen Gläubiger. Dies sehen die EU-Regeln seit Jahresbeginn glasklar vor – wenngleich viele rechtliche Detialfragen interpretationsbedürftig sind und eine entsprechende Judikatur noch nicht sehr umfangreich ist. Doch das Problem ist, dass dies alle nachrangigen Gläubiger treffen würde, also auch jene Unternehmen oder Privatpersonen, die mehr als 100.000 Euro bei der Deutschen Bank liegen haben. Viele kleine und mittelständische Unternehmen würden in Deutschland ein akutes Liquiditätsproblem bekommen, wenn der Bail-In in seiner reinen Lehre durchgezogen würde.

Außerdem wäre ein Bail-In angesichts der riesigen ausstehenden Derivatebeträge eine gewaltige Belastung im System und könnte zum Beispiel einen möglichen Kollaps der Obligationenpreise auslösen. Denn neben Cash sind Staatsanleihen die wichtigste Form von Kollateral bei Derivate-Ausgleichszahlungen.

Deutschland könnte erhebliche Kapitalabflüsse sehen, wenn sich die Bundesregierung wirklich an europäisches Recht hält und den Bail-In durchzieht. Die Italiener stehen bei der Monte dei Paschi vor demselben Problem, weshalb Ministerpräsident Matteo Renzi seit Monaten laviert und nach anderen, „kreativen“ Lösungen sucht. Renzis Vorteil: Die Italiener beherrschen solche Lösungen. Deutschlands Nachteil: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat seit Jahren ohne jede Flexibilität auf dem Bail-In bestanden. Er ist Jurist und will die Gesetze verwirklicht sehen. Ob er bei seiner harten Haltung allerdings an die Deutsche Bank gedacht hat, ist unklar. Öffentlich hat er immer wieder den Eindruck erweckt, er ziele vor allem auf die Italiener.

Bailout durch den Steuerzahler

Eine Rettung durch den Steuerzahler ist nach EU-Regeln eigentlich verboten. Allerdings zeigt Renzi, dass es eine Möglichkeit gibt, über eine Art Zwischenfinanzierung Zeit bis zu einer Kapitalerhöhung zu gewinnen. Im Fall der Monte dei Paschi wäre eine solche verdeckte Finanzierung durch den Steuerzahler die Fortsetzung eines jahrelangen Verschleppungskurses. Schon unter Mario Monti hatte die MPS fünf Milliarden Euro vom Steuerzahler erhalten. Für die Deutsche Bank wäre eine Rettung durch den Steuerzahler ein Novum. Möglich wäre etwa eine Rettung durch staatliche Garantien. Im Bundestagswahlkampf käme eine solche Rettung nicht besonders gut an – aber das muss nichts heißen: So wurde vor wenigen Tagen ganz nebenbei die Deutsche Bahn gerettet, und die Öffentlichkeit hat es schon wieder vergessen. In Berlin sind Milliarden an Steuergeldern in die Bauwirtschaft geflossen, damit sie einen Flughafen errichtet – im Wahlkampf hat keine der verantwortlichen Parteien und auch keine Oppositionspartei den Regierenden einen Vorwurf gemacht.

Übernahme durch einen Konkurrenten

Die Übernahme der Deutschen Bank durch einen Konkurrenten ist angesichts des Kursverfalls eine Option, auf die viele Mitbewerber schielen dürften. Wenn eine US-Bank zuschlägt, würde das kurzfristig zu einigen ideologischen Debatten führen – aber auch solche Deals sind in der Öffentlichkeit schnell vergessen. Die französischen Banken wären in der Lage, eine solche Übernahme zu stemmen. Auch die Erschaffung eines „europäischen Champions“ wäre denkbar. Man sollte nicht vergessen, dass eine der deutschen Paradebanken, die Münchner HVB, längst keine eigenständige Bank mehr ist, sondern eine Tochter der italienischen Unicredit. Beim Kunden hat ihr das bisher nicht geschadet. Allerdings zittert man auch München beim Blick nach Italien: Die Italiener haben gerade in Österreich vorgeführt, was sie mit Töchtern zu tun gedenken, wenn die Mutter leidet: Sie werden in die Bedeutungslosigkeit gestoßen, wie das Beispiel der Bank Austria belegt.

Verstaatlichung

Eine Verstaatlichung wäre die Folge der Rettung mit Steuergeldern. Das ist sicher unangenehm. Gerade bei der Commerzbank, die eine radikale Schrumpfkur vor sich hat, sieht man, dass der Staat als Eigentümer im globalen Wettbewerb nicht die beste Adresse ist. Allerdings könnte die Fusion von Commerzbank und Deutscher Bank eine Variante sein. Wer erinnert sich noch an die traditionsreiche Dresdner Bank? Sie ging in der Commerzbank auf – und das Leben ist weitergegangen. Der Chef der Deutschen Bank, John Cryan, hat Erfahrung mit der Rettung durch den Staat: Er war Finanzchef bei der UBS, die vom Schweizer Steuerzahler und der Schweizerischen Nationalbank 2008 gerettet werden musste. Fünf Jahr nach der Rettung bilanzierte die NZZ: „Insgesamt hat die grösste Rettungsaktion von Bund und Nationalbank für ein privatwirtschaftliches Unternehmen den Steuerzahler keinen Rappen gekostet, aber einen Gewinn in der Grössenordnung von 6,5 Mrd. Fr. in die Kasse des Staates und der Notenbank gespült.“

Allerdings – und das könnte ein entscheidender Grund sein, warum die Bundesregierung zögert – ist eine solche Rettung immer mit enormen Risiken verbunden. Auch bei der UBS gab es diese Risiken – doch der Bankensektor ist heute in einer ganz anderen Verfassung: Weltweite Rezession, Rohstoff-Schock, das Erodieren des Kerngeschäfts durch die Niedrigzins-Politik der Zentralbanken, der allgemeine Vertrauensverlust und die FinTechs machen allen Banken zu schaffen. Es gibt keine Garantie, dass eine Verstaatlichung gelingt.

Immerhin haben die verantwortlichen Politiker die Hoffnung, nicht für Fehlentscheidungen zur Verantwortung gezogen zu werden: In Österreich haben SPÖ und ÖVP die Skandal-Bank HGAA „notverstaatlicht“ – und befinden sich seither im Ruhestand, ohne weiter mit den Folgen des Milliarden-Debakels für den österreichischen Steuerzahler behelligt zu werden.

Aufspaltung und Bad Bank

Dies könnte das Modell sein, das die Bundesregierung favorisiert. Alle Regierungen sind Fans von Bad Banks, weil sie die Verluste über Generationen verteilen können und daher den Eindruck erwecken können, ein Problem „elegant“ gelöst zu haben. Bundesfinanzminister Schäuble hat in diesem Bereich bereits Expertise. Er musste im Zug der Finanzkrise einige Banken abwickeln – von den Folgekosten spricht heute niemand mehr.

Aus der Sicht der realen Wirtschaft ist die Bad Bank eine schlechte Lösung, weil sich die Regierung dann nicht darauf konzentriert, das existierende Geschäft zu retten, sondern die Altlasten zu entsorgen. Die reale Wirtschaft hat allerdings in den vergangenen  Jahren bei allen Brachial-Maßnahmen der Zentralbanken immer nur eine untergeordnete Rolle gespielt.

Pleite

Eine Pleite ist für alle Beteiligten das größte Risiko. Zum einen wäre es ein enormer Image-Schaden für Deutschland, wenn ausgerechnet die finanzpolitischen Schulmeister Europas die erste Pleite einer Großbank hinlegen würden. In den USA ist das anders gewesen: Der Finanzplatz New York hat durch die Lehman-Pleite keinen Schaden genommen. Schon wenige Monate nach dem Crash freuten sich die Mitbewerber über das Geschäft, das sie abgreifen konnten.

Das größte Problem einer Pleite wäre die Endgültigkeit, die Fakten schafft: Wegen der hohen Vernetzung sind die sogenannten „counterparty-risks“ nicht abzuschätzen – also die Folgen, die alle anderen Banken zu tragen haben, wenn ihre Forderungen an die Deutsche Bank unwiderruflich zu Wertberichtigungen im großen Stil führen. Man kann mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass ein solcher Crash einen Domino-Effekt auslösen würde, der die ganze europäische und wohl auch die globale Finanzbranche in eine schwere Krise stürzt.

Weiterwursteln

Die von vielen heimlich gewünschte Lösung ist die schleichende Umwandlung der Deutschen Bank zu einer Zombie-Bank: Die aktuellen Eigentümer müssten zu diesem Zweck Kapital nachschießen – was sie angesichts des drohenden Totalverlusts zwar widerwillig, aber am Ende dann doch machen würden. In der Folge würden die Gläubiger, wie man es bei allen anderen Zombie-Banken gesehen hat, versuchen, sich davonzustehlen. Durch Dividendenauszahlungen könnte versucht werden, die Verluste zu minimieren. Die nachrangigen Gläubiger – also Hedgefonds, anderen Banken und institutionelle Investoren – könnten sich im Lauf der kommenden Jahre geräuschlos zurückziehen. Der Bundesregierung käme diese Variante auch entgegen, weil sie dann aktuell nur darauf achten muss, den Crash zu vermeiden, aber keine Steuergelder einschießen müsste. Wir haben diese Methode bei vielen Banken in Europa gesehen – und es ist immer wieder erstaunlich, wie lange es möglich ist, das wirkliche Ende einer Bank hinauszuzögern.

Ausblick

Die Deutsche Bank steht unter schwerem Beschuss, weil sie im Zuge der globalen Konsolidierung jetzt schwer für ein verantwortungsloses Management bezahlen muss. Man fragt sich eigentlich, wo die Herren Ackermann, Jain und Fitschen jetzt sind – ob sie das Thema irgendwie beschäftigt? Die US-Regierung zeigt große Entschlossenheit, US-Unternehmen weltweit zu unterstützen. Die deutsche Bundesregierung ist von der „Flüchtlingskrise“ vollständig absorbiert und hat in den vergangenen Jahren wenig Expertise im Banken-Sektor aufgebaut. Auch die „Euro-Gruppe“ ist keine echte Hilfe: Deren Vorsitzender Jeroen Dijsselbloem ist Agrarökonom und hat eine sehr technische Sicht auf den Finanzsektor. In der EU selbst ist es wie bei den Flüchtlingen: In der Krise ist sich jeder selbst der nächste. Kein Land wird Deutschland beistehen. Die Bundesregierung hat in der EU schon länger keine Führungsrolle mehr, weshalb sich in einer akuten Bankenkrise dieselben, zentrifugalen Kräfte als stark erweisen werden wie in der Flüchtlingskrise. Die EU-Kommission kann wenig machen – sie kann bestenfalls Strafen verhängen, wenn ein Staat die Bail-In-Regeln missachtet. Solche Strafen sind in der Regel aus der Sicht der EU-Staaten das geringere Übel als der Verlust des nationalen Finanzierers für die eigenen politischen Absichten.

Der Verfall des Aktien-Kurses ist noch kein ausreichender Hinweis auf einen bevorstehenden Crash. Die italienische MPS notiert nahe Null und existiert immer noch. Das ist also sogar noch Luft nach unten.

Unklar ist, ob es im Finanzsystem „schwarze Schwäne“ gibt, die plötzlich auftauchen können – und das System wider alle Vernunft zum Kollabieren bringen. Die offenkundig sehr anfällige IT der Deutschen Bank gibt hier vielen Beobachtern Anlass zur Sorge.

Als politische Faktoren sind die Wahlen in Frankreich und die Bundestagswahl zu beachten: Es ist gut denkbar, dass die aktuelle Lage bei der Deutschen Bank dazu führt, dass die Bundesregierung noch vor Weihnachten handeln könnte. Sie könnte darauf setzen, dass man sich nach einer wie immer gearteten „Rettung“ Zeit kauft. Ab Februar würden dann wieder andere Themen für Ablenkung sorgen – die geopolitische Lage bietet ja genug Anhaltspunkte.

Auch die EZB könnte helfen – sie hat im Verein mit den anderen Zentralbanken genug Möglichkeiten, um Zeit zu kaufen. EZB-Direktor Benoit Coeuré hat sich zwar zunächst gegen einen Kauf von Bankanleihen durch die Europäische Zentralbank ausgesprochen, wie die SZ berichtet. Die EZB hatte im Juni jedoch mit dem Aufkauf von Firmenanleihen im Wert von insgesamt 1,74 Billionen Euro begonnen. Mario Draghi könnte mit einem herzhaften „whatever it takes“ die Kernschmelze bei den europäischen Banken verhindern – und wird auf jeden Fall vor den US-Wahlen alles unternehmen, um Donald Trump nicht neue Argumente zu liefern.

Ein Sprecher der Deutschen Bank hat eine Kapitalerhöhung vorerst ausgeschlossen – auch das ist keine Aussage für die Ewigkeit. Das wahrscheinlichste Szenario ist eine Kombination aus einigen der oben genannten Modelle. Für welches sich Politik und Finanzwirtschaft am Ende entscheiden, wird sich zeigen, wenn der globale Poker um die Deutsche Bank in seine nächste Runde geht. Aktuell belauern sich alle Beteiligten und warten darauf, dass der andere zuerst blinzelt.

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Vertrauensverlust: Nicht nur die Deutsche Bank wankt
Vertrauensverlust: Nicht nur die Deutsche Bank wankt
Die Deutsche Bank ist aber beileibe nicht die einzige, sondern nur eine gut sichtbare exponierte Bank in Schwierigkeiten. Am Markt sind Anzeichen eines aufziehenden Vertrauensverlusts zu erkennen. Die Credit Default Swap Spreads weiten sich wieder aus.
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Graphik: Systemische Risikobeziehungen unter den global systemrelevanten Banken (Graphik: Internationaler Währungsfonds)

Graphik: Systemische Risikobeziehungen unter den global systemrelevanten Banken (Graphik: Internationaler Währungsfonds)

Der Aktienmarkt eskomptiert seit über einem Jahr eine rapide, ja dramatische Verschlechterung der Gewinn- und Eigenkapitalaussichten der Deutschen Bank. Die Aktie ist im freien Fall. Hiobsbotschaften häufen sich. Die Deutsche Bank ist aber beileibe nicht die einzige, sondern nur eine gut sichtbare exponierte Bank in Schwierigkeiten. Am Markt sind Anzeichen eines aufziehenden Vertrauensverlusts vorhanden. Die Credit Default Swap Spreads weiten sich wieder aus. Dennoch geben sich die deutsche Politik und das Bank-Management nach Außen hin entspannt – eine gefährliche und unangemessene Attitüde.

Auszugehen ist zunächst davon, dass die neuen Verantwortlichen der Deutschen Bank wie die nationalen und internationalen Aufseher inzwischen genau wissen, in welcher Lage das Institut sich wirklich befindet. Alles andere wäre verantwortungslos. Der Internationale Währungsfonds ist diesen Sommer in erstaunlich offener Weise vorgeprellt und hat das Institut als anscheinend grössten Netto-Beiträger zu systemischem Risiko unter den global systemrelevanten Banken charakterisiert. Viel deutlicher kann man nicht warnen, ohne grob unhöflich zu werden.

Die Bank ist seit Jahren drastisch unterkapitalisiert. Sie ist, gemessen an der Bilanzsumme, eine der grössten Banken der Welt. Sie fährt überdies ein gigantisches Ausserbilanzgeschäft, das zweitgrösste nach JP Morgan. Sie vereint ungefähr 10% des global ausstehenden Derivatevolumens auf sich. Dennoch ist ihr Eigenkapital gerade mal ein Bruchteil desjenigen der amerikanischen Grossbanken. Sie ist von Tausenden von Rechtsfällen, Prozessen und gewaltigem Reputationsverlust angeschlagen. Was ihr überdies wie vielen anderen Banken schadet, ist die Negativ- und Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank. Damit vermiest die EZB den Banken die Zinsmarge. Sie operiert in Märkten mit Überkapazität, so dass die Erträge auch deswegen wegbrechen. Eine neue Strategie der neuen Bankleitung ist für Aussenstehende nicht ohne weiteres erkennbar. Keine Mission, keine Strategie, kein klar refokussiertes Business Modell, sondern primär Krisenmanagement auf Tagesbasis.

Unterkapitalisierung, Ertrags- und Perspektivlosigkeit sind angesichts der systemischen Bedeutung der Grossbank nicht alleine Sache der Aktionäre oder des Managements. Die Bank steht sowohl im deutschen wie im globalen Kontext geradezu im Mittelpunkt eines fein tarierten Spinnennetzes von Beziehungen, die sie systemrelevant machen. Der Internationale Währungsfonds hat sie in seinem Financial System Stability Assessement vom Juni 2016 folgendermassen graphisch dargestellt:

Inländische Verknüpfungen zwischen öffentlich gelisteten Banken und Versicherern. (Quelle: Internationaler Währungsfonds)

Inländische Verknüpfungen zwischen öffentlich gelisteten Banken und Versicherern. (Quelle: Internationaler Währungsfonds)

Der Bericht schreibt hierzu: Im Inland sind die grössten deutschen Banken und Versicherungs-Gesellschaften hoch verbunden. Die stärksten Verknüpfungen bestehen zwischen Allianz, Münchner Rück, Hannover Rück, Deutscher Bank, Commerzbank und Aareal Bank. Die Allianz trägt im Inland den grössten Nettobeitrag zu Systemrisiko bei. Sowohl Deutsche Bank wie Commerzbank sind Quellen von Übertragungseffekten nach Aussen zum Rest des deutschen Finanzsektors.

Im internationalen Kontext sind deutschen Banken zusammen mit solchen aus Frankreich, dem Vereinigten Königreich und den USA die wichtigsten Überträger potentieller Schocks nach Außen. Die Deutsche Bank leistet dabei vor der HSBC und der Credit Suisse den grössten Beitrag zum globalen Systemrisiko.

Nettobeitrag zum Systemrisiko. (Quelle: Internationaler Währungsfonds)

Nettobeitrag zum Systemrisiko. (Quelle: Internationaler Währungsfonds)

Die Deutsche Bank steht dabei im Mittelpunkt eines ganzen Geflechts. Sie stellt für eine ganze Reihe großer europäischer Banken sowie abgeschwächt für einige amerikanische Großbanken ein bedeutendes Risiko dar (Grafik am Anfang des Artikels)

Angesichts dieser überragenden Rolle der Deutschen Bank erstaunt die öffentlich vorgetragene Gelassenheit von Politik und Management. Selbstverständlich muss die Bank rasch und massiv ihr Eigenkapital vergrössern. Im gegenwärtigen Umfeld dürfte dies schwerfallen. Erweist sich dies als nicht möglich, wäre der Fall für eine Rekapitalisierung mit öffentlichen Geldern gegeben. Die bisherigen Aktionäre gehören enteignet, hingegen sollte auf den ganzen Bail-in von Obligationären und Depositären tunlichst verzichtet werden. Bei einer Derivatebank sind Staatsanleihen neben Cash die wichtigste Form von Sicherheiten bei Ausgleichszahlungen im Settlement. Ein Bail-In könnte einen Crash des Obligationenmarktes auslösen.

Genau wie bei Volkswagen haben es Regierung und Aufsicht jahrelang versäumt, dem Treiben durch Überwachung, Kontrolle und Einschreiten frühzeitig ein Ende zu setzen. Von daher könnte, auch wenn es einen erheblichen Gesichtsverlust im Wahljahr bedeutet, eben eine Verstaatlichung unabdingbar werden. Es darf zu keiner Zeit geringste Zweifel an der Solidität einer so extrem wichtigen Bank geben. Längerfristig könnte eine Verstaatlichung nach einer Sanierung und grundlegenden Restrukturierung auch ohne oder ohne große Verluste für den Staat abgehen.

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Deutsche und italienische Banken segeln hart am Wind
Deutsche und italienische Banken segeln hart am Wind
Die deutschen und italienischen Banken kämpfen um eine nachhaltige Position in einem Markt, in dem die Konsolidierung ausgerufen wurde. Commerzbank, UniCredit und Monte Dei Paschi sind besonders in den Sog geraten.
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"Die Goude Leeuw in der Seeschlacht von Texel" des Malers Willem van de Velde in der Ausstellung "Segeln, was das Zeug hält! Niederländische Gemälde des Goldenen Zeitalters" im Hubertus-Wald-Forum in Hamburg, aufgenommen im Juni 2010. (Foto: dpa)

„Die Goude Leeuw in der Seeschlacht von Texel“ des Malers Willem van de Velde in der Ausstellung „Segeln, was das Zeug hält! Niederländische Gemälde des Goldenen Zeitalters“ im Hubertus-Wald-Forum in Hamburg, aufgenommen im Juni 2010. (Foto: dpa)

Commerzbank

Die neue Strategie der Commerzbank soll laut einem Zeitungsbericht in den nächsten Jahren rund 9000 Arbeitsplätze kosten. Damit fiele fast jede fünfte der gut 50.000 Stellen bei Deutschlands zweitgrößter Bank weg, berichtete das Handelsblatt am Montag vorab unter Berufung auf Finanzkreise. Die Streichungen fielen damit drastischer aus als erwartet. Ob dazu auch betriebsbedingte Kündigungen vonnöten seien, sei unklar. Der Stellenabbau werde sich bis ins Jahr 2020 ziehen. Der Umbau werde bis zu eine Milliarde Euro kosten, die über mehrere Jahre verteilt würden, berichtete die Zeitung. Auch die Anteilseigner der Commerzbank, allen voran der Bund, müssen dafür Verzicht leisten: Die Dividende für 2016 soll gestrichen werden. Für das vergangene Jahr hatte die Bank – erstmals nach sieben Jahren – 20 Cent je Aktie gezahlt. So viel sollten es eigentlich auch in diesem Jahr werden.

Die Commerzbank wollte sich zu dem Bericht nicht äußern. Der neue Vorstandschef Martin Zielke will seine Pläne Finanzkreisen zufolge am Freitag öffentlich machen, der Aufsichtsrat soll am Mittwoch und Donnerstag über die Pläne beraten. Das Konzept, das in den vergangenen Monaten mit Hilfe der Unternehmensberater von McKinsey erarbeitet wurde, war am Wochenende an die Mitglieder des Gremiums verschickt worden. „Der Stellenabbau fällt deutlich größer aus als zu erwarten war“, sagte eine mit den Inhalten des Strategiepapiers vertraute Person zu Reuters, ohne Zahlen zu nennen. Arbeitnehmervertreter kündigten bereits Widerstand an.

Zielke setzt bei seiner Strategie erklärtermaßen neben Einsparungen auch auf Investitionen in die Digitalisierung von Anläufen und in das Wachstum der Erträge. Er hatte schon Anfang des Monats Einschnitte angedeutet. „Wir müssen dafür viel Geld in die Hand nehmen“, um langfristig Geld sparen zu können, sagte er auf einer Tagung des „Handelsblatts“. „Ein ‚Weiter so‘ ist in diesem Umfeld keine Option. Die Bank wolle den Wandel selbst gestalten. Doch ohne Wachstum werde er nicht gelingen.

Bereits vor einigen Wochen waren Teile der neuen Strategie durchgesickert. So soll die Mittelstandsbank – lange Zeit das Aushängeschild der Commerzbank – aufgespalten werden. Um kleine Firmenkunden mit wenigen Millionen Euro Umsatz soll sich künftig die Privatkundensparte mit Vorstand Michael Mandel kümmern. Das Geschäft mit großen Unternehmen soll mit der Investmentbank zusammengelegt werden, die damit endgültig auf ihre Rolle als „verlängerte Werkbank“ der Firmenkundensparte zurechtgestutzt werden soll. Laut „Handelsblatt“ will sich die Commerzbank aus dem Aktiengeschäft zum Teil zurückziehen. Geprüft werde, Teile davon auszugliedern oder zu verkaufen. Geführt werden soll die neue Sparte von Investmentbank-Chef Michael Reuther. Damit bliebe für Mittelstandsbank-Chef Markus Beumer kein Platz mehr im Vorstand.

Einsparpotenziale sieht die Commerzbank vor allem in der Verwaltung. In der Zentrale seien sicher 2000 Leute zu viel an Bord, sagte ein Insider in der vergangenen Woche. Auch mit der Automatisierung von Prozessen in den einzelnen Sparten – allen voran der Mittelstandsbank – fielen viele Tätigkeiten weg.

Monte Dei Paschi

Die angeschlagene italienische Bank Monte dei Paschi di Siena erwägt durch die Umwandlung von Anleihen in Aktien, die Höhe einer geplanten Kapitalerhöhung zu drücken. Das Institut bestätigte damit am Montag eine Meldung der Nachrichtenagentur Reuters von Ende August. Insider hatten erklärt, statt wie bislang fünf Milliarden Euro würden dann nur noch etwa drei Milliarden Euro angepeilt werden müssen. Den Angaben vom Montag zufolge soll ein neuer Geschäftsplan am 24. Oktober erstellt und bis Ende November eine Aktionärssitzung einberufen werden.

Monte Paschi ächzt unter faulen Krediten. Die 1472 gegründete Bank hatte beim jüngsten Stresstest der EU so schwach abgeschnitten wie kein anderes Institut in Europa

UniCredit

Die italienische Großbank UniCredit will die drohende Kapitalerhöhung durch zahlreiche Anteilsverkäufe möglichst klein halten. Bis zu zehn Milliarden Euro sollen zusammenkommen, indem Beteiligungen abgestoßen oder verringert werden, wie zwei mit der Situation vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters am Montag sagten. Durch die Ausgabe neuer Aktien sollten dann noch fünf bis sechs Milliarden Euro eingenommen werden. Zum Verkauf stünden unter anderem Beteiligungen am Online-Broker Fineco, der polnischen Bank Pekao und dem Vermögensverwalter Pioneer.

UniCredit ist Italiens größte Bank und leidet wie viele Rivalen unter der jahrelangen Wirtschaftsflaute im Heimatmarkt. Die Mutter der Münchner HypoVereinsbank hat ein kleineres Kapitalpolster als viele Konkurrenten. Es dürfte zudem durch den geplanten Verkauf von faulen Krediten weiter geschwächt werden, weil solche Darlehen meist unter Buchwert abgestoßen werden und somit zu Verlusten führen.

Die UniCredit wollte sich nicht zu den Informationen äußern

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Israel wird mit US-Hilfe zur Erdgas-Großmacht
Israel wird mit US-Hilfe zur Erdgas-Großmacht
Das US-geführte Konsortium zur Ausbeutung des israelischen Gasfeldes Leviathan hat einen ersten Exportvertrag mit Jordanien unterzeichnet. Damit macht Israel einen ersten Schritt, um eine wichtige Rolle im globalen Energiemarkt zu spielen.
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Die Israelis wollen ihre Erdgasressourcen mit einem Gas-Deal auf den Weltmarkt bringen. (Grafik: Stratfor)

Die Israelis wollen ihre Erdgasressourcen auf den Weltmarkt bringen. (Grafik: Stratfor)

Das Geschäft habe einen Wert von etwa zehn Milliarden Dollar (8,9 Milliarden Euro), erklärte das US-Unternehmen Noble Energy am Montag. Der jordanische Energieversorger Nepco bekomme dafür 15 Jahre lang täglich 300 Millionen Kubikfuß Gas (1000 Kubikfuß sind gut 28 Kubikmeter) mit der Option, auf 350 Millionen zu erhöhen.

Die Belieferung von Nepco soll den Angaben zufolge im Jahr 2019 beginnen. Dann soll auch die Belieferung israelischer Kunden mit Gas aus dem vor der Küste gelegenen Leviathan-Feld starten. Nach Angaben von Noble Energy steht das Geschäft noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung durch israelische und jordanische Aufsichtsbehörden.

Noble Energy ist führender Partner des Konsortiums, das Leviathan ausbeutet. Das Unternehmen kooperiert dabei mit den israelischen Firmen Delek Drilling, Avner Pol Exploration und Ratio Oil Exploration.

Das Projekt kam erst nach langem politischen und juristischen Streit zustande. Einen ersten Vorschlag für die Kooperation verwarf Israels oberster Gerichtshof als verfassungswidrig. Erst nach einer Überarbeitung gab es schließlich im Mai dieses Jahres grünes Licht von der israelischen Regierung.

Leviathan ist das größte Offshore-Gasfeld Israels. Das Vorkommen ist so groß, dass das bis dahin rohstoffarme Land zu einem bedeutenden Exporteur aufsteigen dürfte.

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Audi verliert vierten Entwicklungschef in vier Jahren
Audi verliert vierten Entwicklungschef in vier Jahren
Im Dieselskandal bei Volkswagen räumt ein weiterer hochrangiger Manager seinen Posten: Mit Entwicklungschef Knirsch verliert das Unternehmen erneut eine zentralen Mann in einem sensiblen Bereich.
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Audi mit Problemen. (Foto: dpa)

Audi mit Problemen. (Foto: dpa)

Der Entwicklungschef der VW-Konzerntochter Audi, Stefan Knirsch, lege seine Funktion mit sofortiger Wirkung nieder und verlasse das Unternehmen im Einvernehmen mit dem Aufsichtsrat, teilte der Ingolstädter Autobauer am Montag mit. Der promovierte Maschinenbauer und Motoren-Experte war erst zu Jahresbeginn in den Audi-Vorstand aufgerückt. Nachdem die US-Anwaltskanzlei Jones Day, die im Auftrag von VW die Abgasaffäre aufarbeitet, Ungereimtheiten aufgedeckt hatte, wurde Knirsch vor knapp zwei Wochen kalt gestellt. Einen Nachfolger gebe es noch nicht, sagte ein Audi-Sprecher.

Knirschs Aufgaben übernehme zunächst ein langjähriger Konzernmanager, der den Spitzenmanager zuletzt bereits vertreten hatte, sagte der Sprecher. Knirsch ist der vierte Audi-Entwicklungschef in vier Jahren, der seinen Hut nimmt. Sein Vorgänger Ulrich Hackenberg schied im Dezember aus, ebenfalls im Zusammenhang mit der Dieselaffäre. Firmenkenner sehen die häufigen Wechsel im Schlüsselressort Entwicklung mit Sorge. Die Autobranche steht vor gewaltigen Umwälzungen hin zum vernetzten, automatisierten und elektrischen Fahren. Konkurrenten wie BMW oder Mercedes geben auf diesen Gebieten kräftig Gas.

Auch wenn Knirschs Engagement als Technikvorstand sehr hoch gewesen sei, sei die Trennung unumgänglich gewesen, sagte Audi-Betriebsratschef Peter Mosch. „Wir haben von Anfang an klargestellt, dass wir bei der Aufklärung keine Rücksicht auf große Namen nehmen und handeln werden, wenn es nötig ist“, ergänzte der stellvertretende Aufsichtsratschef Berthold Huber. Die Arbeitnehmervertreter hatten demnach von Knirsch vor Amtsantritt eine umfassende Erklärung verlangt, um ausschließen zu können, dass er Kenntnis von den Abgas-Schummeleien hatte. „Die aktuellsten Untersuchungsergebnisse zeigen leider ein anderes Bild“, sagte Huber. „Deshalb musste es zu dieser Trennung kommen.“

Die Ungereimtheiten rund um Entwicklungschef Knirsch brachten in den vergangenen Tagen auch Audi-Chef Rupert Stadler erneut unter Druck. Der Manager wurde von den internen Ermittlern von Jones Day befragt; Insidern zufolge wurde aber nichts Belastendes gegen ihn gefunden. Stadler sitzt auch im Vorstand des VW-Konzerns. Erst im Dezember hatte der Audi-Lenker ein ähnliches Scherbengericht überstanden.

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Anleihe-Emission abgesagt: Investoren lassen Lufthansa abblitzen
Anleihe-Emission abgesagt: Investoren lassen Lufthansa abblitzen
Die Lufthansa hat die Emission einer 500 Millionen Euro schweren Anleihe am Montag abgeblasen. Die Käufer weigerten sich, die Bedingungen des Unternehmens zu akzeptieren.
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Die Lufthansa muss eine Anleiheemission absagen. (Foto: dpa)

Die Lufthansa muss eine Anleiheemission absagen. (Foto: dpa)

Die potenziellen Käufer bemängelten, dass die Lufthansa sich nicht auf Zugeständnisse bei den Konditionen eingelassen habe, wie die Reuters-Tochter IFR berichtete. Die Fluggesellschaft hatte versucht, den Bond mit einem Renditeaufschlag von etwa 95 Basispunkten auf die Swap-Mitte loszuschlagen. Doch Investoren war das zu wenig. Große Unternehmen hatten es zuletzt vielfach geschafft, den Anlegern die Preise bei Anleihe-Emissionen zu diktieren, weil das Kaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB) ohnehin für Nachfrage sorgte.

Die Lufthansa erklärte, sie habe sich „mit Rücksicht auf den im gegenwärtigen Marktumfeld erzielbaren Preis und die Ziele des Unternehmens“ entschieden, die Emission derzeit nicht weiterzuverfolgen. An der geplatzten Transaktion beteiligt waren die Investmentbanken Barclays, Goldman Sachs, UBS und UniCredit.

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