Revolte in Pariser Nobel-Bezirk gegen Obdachlosenheim

In einem Pariser Nobelviertel soll eine Unterkunft für Obdachlose errichtet werden. Die Anwohner gehen auf die Barrikaden. Die Stadtpolitiker reagieren mit bemerkenswerter Hilflosigkeit.

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Das 16. Arrondissement in Paris ist ein echter Nobel-Bezirk. (Foto: unjourplusaparis.fr)

Das 16. Arrondissement in Paris. (Foto: unjourplusaparis.fr)

Fran Blandy berichtet für die AFP von einer bemerkenswerten Konfrontation in 16. Arrondissement von Paris: 

Im sonst so gesetzten Nobel-Bezirk 16. Pariser Arrondissement stehen die Zeichen auf Revolte. „Die Menschen im 16. haben den Ruf, den Arsch nicht aus dem Sessel zu bekommen, Fernsehen zu schauen und Kaviar zu essen“, warnt der konservative Bezirksbürgermeister Claude Goasguen. „Aber sie verteidigen ihre Interessen genauso wie alle anderen auch.“

Und ihre Interessen sehen die Bewohner des bürgerlich-vornehmen Bezirks im Pariser Westen durch eine Obdachlosen-Unterkunft gefährdet, die direkt vor ihrer Haustür entstehen soll. 200 Menschen sollen ab dem Sommer in sechs modularen Gebäuden am Rande des Stadtwaldes Bois de Boulogne Platz finden. Die Anwohner befürchten die Ankunft zahlreicher Flüchtlinge und Zustände wie im nordfranzösischen Calais – dass sich der Wald also in einen neuen „Dschungel“ verwandelt, wie das Flüchtlingslager am Ärmelkanal genannt wird.

Zehntausende Bewohner des ruhigen Wohnviertels, in dem hinter eleganten Fassaden sündhaft teure Wohnungen liegen, haben bereits eine Petition gegen die geplante Obdachlosen-Unterkunft unterzeichnet. Bezirksbürgermeister Goasguen droht mit „Demonstrationen und rechtlichen Schritten“. Eine Informationsveranstaltung endete kürzlich in Tumulten, eine Behördenvertreterin musste sich als „Schlampe“ beschimpfen lassen – eine in dem schicken Bezirk eher unübliche Vokabel.

Rathaus und Regierung – beide sozialistisch geführt und deswegen im stramm konservativen 16. Bezirk ohnehin wenig geschätzt – aber bleiben hart: „Das Zentrum wird gebaut“, bekräftigte Premierminister Manuel Valls vor wenigen Tagen. In ganz Paris gebe es 78 Obdachlosen-Unterkünfte, im 16. Bezirk nicht ein einziges. „Die Aufnahme von Menschen in Schwierigkeiten darf sich nicht auf Arbeiterviertel konzentrieren.“

Das Pariser Rathaus beteuert zudem, die Unterkunft sei für Obdachlose gedacht und gar nicht für Flüchtlinge. Ein Argument, dass die Anwohner nicht überzeugt. Denn in Paris leben eben auch viele Flüchtlinge auf der Straße – unklar ist, wie da eine Unterscheidung getroffen werden soll. Und selbst der Pariser Stadtrat begründet das Projekt mit der Notwendigkeit, „auf die Bedürfnisse von Obdachlosen und Flüchtlingen einzugehen“.

Im Kampf gegen die geplante Unterkunft sind die Gegner um Argumente nicht verlegen. „Wir sind eine der Städte mit den wenigsten Grünflächen, und daran wird jetzt geknabbert“, sagt Christophe Blanchard-Dignac, der eine Initiative gegen das Projekt anführt. Mit Blick auf ein nahegelegenes Freibad sagt er: „Die Eltern haben Angst.“ Schließlich kenne jeder die „Gewalt“, die es in Calais „und in Deutschland“ gegeben habe.

Sogar das Wohl der künftigen Bewohner der Unterkunft selbst führt Blanchard-Dignac an: „Werden sie sich in einem Viertel mit so hohen Preisen wohlfühlen?“ Eine Restaurantbesitzerin aus der Gegend stößt ins gleiche Horn: „Die Supermärkte hier sind unbezahlbar, sogar der marokkanische Gemüseladen ist zu teuer.“

Doch nicht alle Bewohner teilen die Ablehnung. „Es ist immer die gleiche Reaktion: Sogar meine Frau sagt, dass sie unseren Kindern die Kehlen durchschneiden werden“, sagt ein Mann. „Wir Reichen müssen den Armen helfen.“

Dominique Versini, als Vizebürgermeisterin im Pariser Rathaus für soziale Fragen zuständig, setzt darauf, dass es im 16. Bezirk auch „viel Großzügigkeit, viel Menschlichkeit“ gebe. Doch ironische Spitzen gegen die in der Regel betuchten Anwohner kann sie sich auch nicht verkneifen: „Ich verstehe, dass es für das 16. der Schock über das Unbekannte ist“ – Äußerungen, die nicht unbedingt dazu beitragen, die aufgeheizte Stimmung zu beruhigen.

Die Gegner der Obdachlosen-Unterkunft jedenfalls wollen nicht aufgeben, wie Blanchard-Dignac ankündigt: „Wir werden dieses Projekt bis zum letzten Moment bekämpfen.“

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