EU will mit riskanten Papieren Ausweg aus der Kredit-Klemme finden

Der Verkauf von problematischen Krediten war eine der Ursachen der Finanzkrise. Die EU will genau diese Methode nun im Zuge der Kapitalmarkt-Union vorantreiben. Das EU-Parlament hat die Kommission vorerst gestoppt.

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Eine der entscheidenden Ursachen für die Finanzkrise 2008 war die Bündelung problematischer Kredite, die in der Folge an Investoren verkauft wurden und als gigantisches Risiko zu enormen Verlusten geführt haben. Diese sogenannten ABS (asset backed securities) – „durch Werte abgesicherte Wertpapiere“ – sollen jetzt im Rahmen der geplanten „Kapitalmarkt-Union“ der EU forciert werden. Das EU-Parlament hat vor wenigen Tagen diese Initiative der Kommission vorerst zurückgewiesen.

Der Verkauf von Krediten soll Spielraum für neue schaffen

Das offizielle Argument der EU-Kommission lautet: Nachdem durch Basel III die Kreditvergabe drastisch eingeschränkt wird, sollen die Banken Kredite bündeln und an Investoren verkaufen. Dadurch wird Kapazität frei für neue Kredite.

Die Maßnahme wird unter anderem auch als notwendig bezeichnet, weil die Übernahme von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank zwar als Beitrag zur Entlastung der Banken dargestellt wird, aber nicht wirken kann: Staatsanleihen müssen nicht mit Kapital unterlegt werden, also schafft die Abgabe keinen Freiraum für Kredite an die Realwirtschaft, die mit sehr viel Kapital zu unterlegen sind.

Ein kleiner, positiver Aspekt muss unterstrichen werden: Die EU-Kommission nimmt endlich zur Kenntnis, dass Basel III als Kreditbremse und somit als Treiber der Rezession wirkt. Weniger positiv ist der Umstand, dass nicht die Beseitigung von Basel III zur Debatte steht – vielmehr träumen einige Regulatoren von Basel IV – , sondern der Griff in die Trickkiste der Banken.

Die Krisenfolgen der Ausgabe von ABS vor 2008 werden meist mit der Bemerkung abgetan, dass eben überwiegend Finanzierungen verkauft wurden, die an einkommensschwache Kunden für nicht ausreichend werthaltige Immobilien vergeben waren.

Die Konstruktion der ABS führt in die Krise

Hierbei handelt es sich aber nur um einen Teilaspekt. ABS sind durch die Konstruktion des Instruments selbst gefährlich: Die Kredite sind gebündelt und werden nicht mehr von der Bank verwaltet. Ein Computer registriert die Zahlungseingänge und stellt bei Ausfällen nach vorgegebenen Kriterien den gesamten Kredit fällig. Die Kunden können keinen Mitarbeiter mehr anrufen, ein Gespräch über einen Zahlungsaufschub oder eine Umschuldung ist nicht möglich.

In den ABS-Bündelungen spielen stets die Immobilienkredite eine entscheidende Rolle. Damit tritt folgendes Phänomen ein: In einer Region – ein Bezirk einer Stadt, eine Ortschaft, ein Tal – werden die Hypothekarkredite einiger Häuser wegen Zahlungsverzugs fällig gestellt und die Häuser müssen verkauft werden. Der schlagartige Verkauf mehrerer Immobilien kann nur zu niedrigen Preisen erfolgen. Diese Preise bilden aber den Verkehrswert für alle Immobilien in der betroffenen Region, wodurch der Wert aller Häuser sinkt. Dieses Phänomen bewirkt, dass der Wert zahlreicher Häuser nicht mehr ausreicht, um die Hypotheken abzusichern, wodurch in einem Domino-Effekt weitere Finanzierungen fällig gestellt werden, auch wenn die laufenden Raten-Zahlungen pünktlich erfolgen. Das Ergebnis: Aus einigen Problemfällen entsteht durch die Konstruktion der ABS eine Krise.

Mit den Bündelungen werden auch Kredite an kleine und mittlere Unternehmen verkauft, wodurch diese keinen Ansprechpartner in der Bank mehr haben und eine schwierige Phase nicht überbrücken können.

Auto-Kredite sind ebenfalls Finanzierungen, die im Rahmen der ABS verkauft werden, wodurch auch die in manchen Regionen und einigen Berufen existenziell entscheidende Mobilität der Kunden gefährdet sein kann.

Diese Probleme können nur vermieden werden, wenn Bankmitarbeiter die Kunden betreuen, Lösungen in kritischen Perioden finden und, wenn sich kein Ausweg mehr findet, die Insolvenz professionell begleiten. ABS ist für sich ein Instrument, das nicht eingesetzt werden sollte.

Die konsequente Bekämpfung des Risikos

Während die Kommission ABS als Lockerung des Basel-III-Korsetts präsentiert, spielt auch ein weiterer, weniger laut betonter Aspekt eine Rolle: Die Bündelung und der Verkauf von Krediten an Investoren würde die Risiken der Institute verringern. Und an diesem Effekt sind die Politiker und Aufseher besonders stark interessiert, weil sie Bankenkrisen und vor allem Rettungsaktionen durch die Staaten unbedingt vermeiden wollen. Die Risiko-Bekämpfung ist das bestimmende Element der EU-Finanzpolitik. Nicht nur im Zusammenhang mit den ABS.

Dass die Übernahme von Risiko das zentrale Element des Bankgeschäfts ist, wird völlig negiert. Man übersieht zudem, dass das reguläre Kreditgeschäft mit zahlreichen Unternehmen und Privatkunden – ohne ABS und ohne Spekulationen – die Krise nicht ausgelöst hat. Die Gefahr droht von Spekulation mit Milliarden ohne wirtschaftlich reelle Basis oder von Tricks, die dazu führen, dass die Banken ihre eigentliche Arbeit nicht mehr erledigen und im Fall der ABS die Kreditbetreuung nicht mehr besorgen.

Zudem ist es äußerst fraglich, ob die Entlastung der Banken durch die Abgabe von Immobilien- und Kommerzkrediten tatsächlich die Kreditbremse wirkungsvoll lockern würde. Schließlich werden die Basel-III-Regeln durch die Auslagerung nicht korrigiert und die Kunden müssen weiterhin eine hohe Bonität haben, die im Rahmen eines „Ratings“ bewertet wird.

Das Interesse der Anleger am Kauf von ABS ist begrenzt

Nicht zuletzt stellt sich die Frage nach der Bereitschaft der Anleger, diese Papiere zu kaufen. In diesem Zusammenhang lohnt sich ein Blick in die USA.

Die Idee, im Rahmen der EU-Kapitalmarkt-Union den ABS einen hohen Stellenwert einzuräumen, wird durch das Beispiel des US-amerikanischen ABS-Markts beflügelt. In den USA wurde nach der Krise 2008 nicht das gesamte in Europa realisierte Basel-III-Paket umgesetzt, aber sehr wohl das Kapital-Erfordernis der Banken drastisch erhöht. Somit schafft die Abgabe von Krediten über ABS unmittelbar Spielraum für neue Kredite.

Die Bedeutung der ABS ist aber begrenzt. Im Jahr 2015 wurden 93 Milliarden US-Dollar-Kredite über ABS an Investoren verkauft. Beim ABS-Kongress, der vor kurzem in Las Vegas stattfand, wurde aber deutlich: Heutzutage werden bestenfalls 40 bis 45 Milliarden US-Dollar auf dem Markt unterzubringen sein, weil die Skepsis der Anleger gegenüber diesen Papieren stark gestiegen ist.

Die Zahlen müssen zudem in Relation zum gesamten Kreditvolumen in den USA gesehen werden: Ende 2015 waren Kredite in der Höhe von 11.674 Milliarden Dollar vergeben, am 9. März 2016 betrug der Vergleichswert 11.885 Milliarden Dollar, also um 211 Milliarden mehr.

93 oder gar nur 45 Milliarden US-Dollar in ABS spielen also keine bestimmende Rolle.

Die Schlussfolgerung für Europa kann nur lauten: ABS sind äußerst problematische Papiere, die allein durch die Konstruktion ein hohes Risiko enthalten und zudem keine nennenswerte Lockerung der Kreditbremse ermöglichen, weil die Anleger skeptisch sind.

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Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF. 

 

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