„Wir sind auf dem Weg zu einem digitalen Proletariat“

Die durch das Internet angestoßene, technologische Veränderung wird nach Ansicht von Mindshare-Chef Christof Baron zu gravierenden sozialen Verwerfungen führen. Weil im Zeitalter der Roboter und künstlicher Intelligenz weniger Menschen gebraucht werden, rechnet Baron mit sozialen Unruhen und einer Zunahme von Konflikten. Diese könnten sogar mit Waffengewalt ausgetragen werden. Die Weltgemeinschaft muss Lösungen für den Ausgleich zwischen technischem Fortschritt und menschlichen Bedürfnissen finden.

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Christof Baron, CEO, CEE & Non-Executive Chairman, Mindshare Deutschland (Foto: Christof Baron)

Christof Baron, CEO, CEE & Non-Executive Chairman, Mindshare Deutschland (Foto: Christof Baron)

Alle Innovationen, die auf dem Internet aufbauen, sowie die zunehmende Vernetzung von „Dingen“ verändern unsere Umwelt und Arbeitswelt, ganz besonders durch die enormen Fortschritte auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz und Robots. Und dies in einer Geschwindigkeit, für die es keinen historischen Vergleich gibt. Die daraus resultierenden Folgen sind nach Einschätzung des Chefs von Mindshare Deutschland, Christof Baron, nicht nur erfreulich, sondern erfordern eine intensive Auseinandersetzung mit dieser Entwicklung.

Wirft man einen Blick zurück, so sind alle technologischen Umwälzungen nie spurlos an der Menschheit beziehungsweise einzelnen Gesellschaften vorübergegangen. Es gab immer erhebliche Anpassungsprobleme, ob bei der Erfindung der Dampfmaschine und des mechanischen Webstuhls, der Erfindung des Autos, der industriellen Fertigung am Fließband, der Entdeckung der Elektrizität und Atomenergie zur Energieerzeugung und vieler anderer Entwicklungen, deren Adaption und Durchsetzung nicht nur sehr lange dauerten, sondern auch einen brutalen Druck auf einzelne Teile der Gesellschaft ausübten. In der Regel brauchte es Jahrzehnte, bis die Mehrheit der Bevölkerung einen Nutzen daraus ziehen konnten.

Zurückblickend lässt sich heute konstatieren, dass alle Innovationen, die die Kraft und das Potential hatten, einen relevanten Fortschritt in Teilbereichen des Alltags zu liefern, sich positiv ausgewirkt haben. Das Ergebnis waren  mehr Wohlstand, weniger Hunger, eine geringere Säuglingssterblichkeit und höhere Alterserwartung, bessere Jobs und vieles mehr.

Allerdings gab es meist auch unzählige Opfer, bevor eine Mehrheit von dem Innovationspotential profitieren konnte. Natürlich gibt es immer noch und überall massive Ungleichgewichte zwischen einzelnen Ländern. Und das nicht nur zwischen hochentwickelten Ländern in West-Europa und Asien, sondern auch innerhalb politischer Konstrukte wie der EU – trotz enger wirtschaftlicher und politischer Kooperation.

Mit jeder Weiterentwicklung, mit jeder neuen technischen Innovation, haben sich Märkte einander angenähert. Aus dem Markplatz auf dem Dorf als zentralem Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens wurde ein globaler Marktplatz mit komplexen Verästelungen in alle Ecken der Erde. Gleichzeitig hat die Geschwindigkeit des Austauschs und der Verbreitung von Leistungen und Informationen stetig zugenommen: wo früher Informationen Jahre brauchten um von Punkt A zu Punkt B zu kommen, werden heute nur noch Millisekunden benötigt.

Die Geschwindigkeit, mit der sich nun das Internet kontinuierlich ausdehnt und alle Lebensbereiche durchdringt, ist bislang einmalig. Und die Wucht, mit der dies derzeit geschieht, ist ebenfalls beispielslos. Baron sieht grundsätzliche Herausforderungen für alle Gesellschaftsschichten in aller Welt. Niemand wird sich dieser Entwicklung entziehen können, sofern er nicht ein Leben als Esoteriker auf einer einsamen Insel führt – oder der Meinung ist, auf Technik weitestgehend verzichten zu können. Eine Minderheit also.

Die technologische Revolution werde zu einem Siegeszug von Robotern beziehungsweise Assistenz- und Automatisierungslösungen führen, die viele Menschen aus der Erwerbsarbeit, wie wir sie heute definieren, treiben wird.

„Wir sind in unseren Gesellschaften und den vorherrschenden, sehr starren Strukturen nicht auf diese Umwälzungen in dieser Geschwindigkeit vorbereitet. Das zeigt sich schon allein an den Schwierigkeiten der EU, wettbewerbsfähige digitale Strukturen zu schaffen“, so Baron. „Eine Studie der US-Institution White House’s Council of Economic Advisers (CEA) kommt zu dem Ergebnis, dass alle Jobs die weniger als 20 US-Dollar pro Stunde verdienen, durch Computer ersetzt werden. Dies betrifft aktuell 62 Prozent aller Arbeitsverhältnisse. Bei Jobs zwischen 20 und 40 US-Dollar beträgt die Wahrscheinlichkeit hinsichtlich der Ersetzbarkeit 31 Prozent, und bei Jobs ab 40 US-Dollar nur noch 4 Prozent.

Vergleichbare Studien von der Oxford University und McKinsey kommen zu ähnlichen, wenn auch nicht ganz so gravierenden Ergebnissen. Die Oxford-University prognostiziert, dass bis zu 50 Prozent der Jobs zwischen 2025 und 2035 wegfallen werden, McKinsey rechnet mit 45 Prozent. Das Forschungsinstitut ZEW kommt in einer Studie aus dem Jahr 2014 zu dem Ergebnis, dass in Deutschland rund 18 Millionen Jobs von der Einführung von Automatisierungtechnologien betroffen sein werden, aber tatsächlich – bezogen auf den Aufgabenbereich – bis zu 5 Millionen Arbeitsplätze bedroht sein können. Das ist immer noch eine stattliche Zahl. Ganz klar – es werden neue Jobs entstehen, die wir heute noch gar nicht auf dem Schirm haben. Eine höhere Qualifizierung, eine bessere (Aus-)Bildung wird ebenfalls helfen, die negativen Effekte des Systemwandels zu minimieren. Aber nicht alle Jobs werden durch gleichwertige ersetzt oder irgendwann wiederkommen. Und ich denke, dass wir eine ähnliche Entwicklung in allen entwickelten Volkswirtschaften erleben werden, aber nicht nur dort. Die Volkswirtschaften, die bis dato kostengünstig manuelle Tätigkeiten für die hochentwickelten Länder übernommen haben, stehen im Zweifel aufgrund steigender Arbeitskosten vor noch größeren Herausforderungen, da sie nicht über ausreichend entwickelte Strukturen verfügen.“ Dadurch werde die „Stabilität der Gesellschaften im Kern getroffen“.

Der zunehmende Einsatz von Robotern wird sich ebenfalls global auswirken: „Wenn Roboter verstärkt in der Produktion eingesetzt werden, muss ein Unternehmen diese nicht in die Schwellenländer verlagern. Die Anschaffungskosten für den Roboter sind überall gleich, ob ich ihn nun in Vietnam oder Rumänien einsetze. Allerdings ist man dichter an den Abnehmermärkten und schneller und kostengünstiger in der Logistik, und im Zweifel sind auch die strukturellen Rahmenbedingungen besser. Jene Länder, die heute vom Outsourcing profitieren, werden mittelfristig die Folgen spüren.“ Baron nennt den chinesischen Zulieferer Foxconn als Beispiel: „Foxconn hat angekündigt, 30 Prozent der Belegschaft in den nächsten fünf Jahren durch voll automatisierte Fertigungsprozesse zu ersetzen. Das sind über 300.000 Mitarbeiter! Man möchte zwar einen Teil der Mitarbeiter in höherwertige Produktionsbereiche übernehmen, aber es ist illusorisch anzunehmen, dass ein Bedarf von zusätzlich 300.000 Ingenieuren besteht. Was passiert in Märkten, in denen ein Großteil der Menschen in der Landwirtschaft arbeitet, aber sich auch hier die Digitalisierung und die Industrialisierung in der Bewirtschaftung großer Flächen mittelfristig durchsetzen werden? Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, wenn verhindert werden soll, dass es zu immensen sozialen Spannungen kommt.“

Wenn die menschliche Arbeitskraft teurer ist als die eines Roboters oder mit Hilfe des Einsatzes neuer Technologien und Software, die in der Lage sind sich selbständig zu optimieren, Produkte schneller, besser und billiger produziert werden können, wird sich zunehmend die Frage nach der Wirtschaftlichkeit des Produktionsfaktors Mensch stellen.

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