Analyst: US-Notenbank hat die Kontrolle über die Lage verloren

Die US-Notenbank Fed hat Beobachtern zufolge die Kontrolle über die Lage verloren. Das jüngste Kommuniqué und die anschließende Pressekonferenz von Fed-Chefin Yellen haben jegliche Klarheit und Logik vermissen lassen. Auf die wirklich spannenden Fragen lieferte Yellen einmal mehr keine schlüssigen Antworten.

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In einer interessanten Analyse kritisiert die Helaba den medialen Auftritt der amerikanischen Zentralbank Fed und deren Geldpolitik:

Abraham Lincolns „Gettysburg-Address“ von 1863 gilt als eine der Säulen, auf denen sein Ruhm als einer der größten US-Präsidenten begründet ist. Die Rede war nur 272 Worte lang und dauerte weniger als zwei Minuten. Aber in dieser Zeit fand Lincoln nicht nur genau den richtigen Ton, um die Stimmung in der vom Bürgerkrieg gebeutelten Nation einzufangen. Er formulierte gleichzeitig eine Art Katechismus des amerikanischen Demokratie- und Freiheitsverständnisses, das bis heute über die Grenzen der USA hinaus als Inspiration gilt.

Das FOMC-Kommuniqué von gestern Abend fiel mit 540 Worten rund doppelt so lang aus wie die „Gettysburg-Address“. Leider steht die Länge hier im proportional umgekehrten Verhältnis zur Aussagekraft. Trotz der verglichen mit früher erheblich umfangreicher gewordenen Fed-Statements geht der Erkenntnisgewinn für den Leser bedauerlicherweise zunehmend gegen null. Mit der Länge steigt zudem das Risiko, dass sich immer weniger Marktteilnehmer die Mühe machen, das Kommuniqué tatsächlich zu lesen. Dadurch erreicht die Botschaft viele Empfänger nur noch durch Journalisten gefiltert, die Aussagen jedoch stets verkürzen und zuspitzen.

Nicht viel besser schneidet Janet Yellens Pressekonferenz ab. Zwar dauerte sie mit knapp einer Stunde nur halb so lang wie sich Lincolns Vorredner, Edward Everett, genommen hatte. Sie war aber ebenso vergessenswert wie dessen mehr als 13.000 Worte lange Ansprache, mit der sich heute bestenfalls noch Spezialisten auseinandersetzen. Auf die wirklich spannenden Fragen lieferte Yellen einmal mehr keine schlüssigen Antworten. Wieso sollen laut den Projektionen nun 2017 und 2018 weniger Zinserhöhungen angemessen sein als im März? Welche neuen Erkenntnisse in den vergangenen drei Monaten haben zu der Abwärtsrevision des langfristig normalen Leitzinses um 0,3 Prozentpunkte geführt? Noch am 6. Juni hatte Yellen den alten Medianwert von 3,3 % propagiert.

Wie realistisch ist es, dass der Rückgang der Arbeitslosenquote praktisch mit sofortiger Wirkung aufhört? Warum sollte die US-Wirtschaft drei Jahre in Folge genau mit dem Trendwert von 2 % wachsen?

Zu diesen Fragen war das Schweigen ohrenbetäubend. Insgesamt wird der Eindruck verstärkt, dass sich die Fed nicht wirklich traut, das Zinsniveau zu normalisieren. Schlimmer noch: Es ist Wasser auf die Mühlen derer, die von vorneherein gesagt haben, die Notenbank würde den Zinserhöhungskurs „auf keinen Fall durchziehen“ und meine das auch gar nicht ernst. Es ist ein Desaster für die Kommunikation und Glaubwürdigkeit der Fed.

Wegen der fehlenden Aussagekraft des Kommuniqué fokussieren immer mehr Marktteilnehmer auf die Projektionen der einzelnen FOMC-Mitglieder. Diese werden aber nicht erläutert. Was steht beispielsweise hinter den bizarren Erwartungen eines Sitzungsteilnehmers, der einen weiteren Zinsschritt 2016 für angemessen hält – und dann bis Ende 2018 keine weitere? Wir können nur raten.

Erstaunlich ist auch, dass der Medianwert für den Leitzins für Ende 2016 unverändert blieb. Zwar verschob sich die „central tendency“ um 0,3 bis 0,5 Prozentpunkte nach unten, dennoch bleibt offenbar ein „harter Kern“ dabei, dass zwei Zinserhöhungen im zweiten Halbjahr angemessen sind. Wir halten deshalb zunächst an unserer Prognose fest, dass der Leitzinskorridor im Dezember tatsächlich bei 0,75 % bis 1 % liegen wird. Aber der zögerliche Kurs der Fed und die Abwärtsrevisionen des Leitzinspfads durch die Mehrheit der Teilnehmer (zumindest gemessen am Median werden nun sowohl 2017 als auch 2018 weniger Zinsschritte für angemessen erachtet) deuten auf zunehmende Risiken hin, dass die Fed die von uns 2017 erwarteten vier Zinserhöhungen nicht „liefern wird“, sondern wie schon 2016 Ausreden findet. Angesichts der erwarteten Überraschungen für die Fed in den kommenden Monaten – ein deutlicherer Rückgang der Arbeitslosenquote und schnelleres Anziehen der Teuerung – dürften sich aber auch bei den Notenbankern zunehmend Zweifel an der Angemessenheit eines negativen Realzinses einstellen.

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