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Roboter-Auto statt Rollator: Senioren profitieren von Zukunfts-Technologien

Senioren haben sich im vergangenen Jahr eine Million neue Autos gekauft. Die meisten fahren täglich. Aber irgendwann wird es zu gefährlich. Die Autoindustrie hat die Älteren mittlerweile als neue Zielgruppe für sich entdeckt.

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Jeder dritte Neuwagenkäufer in Deutschland ist über 60 Jahre alt. Millionen Autofahrer sind bereits im Rentenalter. Aber wenn die Augen schlechter werden und die Konzentration nachlässt, trauen sich viele nicht mehr so oft hinters Steuer. Die Autoindustrie bastelt jedoch eifrig an einem „Geschenk des Himmels“, wie der US-Rentnerverband AARP es nennt: am selbstfahrenden Auto.

Schon bald sollen auch gebrechliche oder Menschen mit Handicap zum Einkaufen, zum Arzt, zu Freunden fahren, ohne dass sie auf fremde Hilfe angewiesen sind. So selbstverständlich wie ein Rollator ihnen heute das Gehen ermöglicht, soll das Roboterauto ihnen morgen das Fahren erlauben – so zumindest die Vision.

Notbrems-Assistent, Spurhalte- und Totwinkel-Assistent, Müdigkeitserkennung, Fernlicht- und Nachtsicht-Assistent: Sie alle springen dem Fahrer schon heute als technische Helfer in vielen Situationen bei. „Nicht nur einem 70-Jährigen würde ich raten: Kauf, was du kriegen kannst“, zitiert die dpa Heiko Wolframm, Experte für Fahrerassistenzsysteme im ADAC-Technikzentrum Landsberg. Der Grund liegt auf der Hand: Nur eine Sekunde Unaufmerksamkeit bei Tempo 100 bedeute ganze 28 Meter Blindflug. „Ein Notbrems-Assistent ist sinnvoller als schöne Aluräder.“

Sehen, Reaktion und Sicherheit werden zum Problem

Ältere sind heute viel unterwegs. Nach einer repräsentativen Umfrage der Allianz-Versicherung nutzen zwei Drittel der über 60-Jährigen ihr Auto täglich, so die dpa. Und sie verursachen weniger schwere Unfälle als junge Fahrer. Allerdings steigt das Risiko mit zunehmendem Alter stark. Wenn Senioren über 75 Jahren in Unfälle verwickelt sind, haben sie diese zu 75 Prozent selbst verursacht, stellten die Unfallforscher der Versicherer fest.

ADAC-Verkehrspsychologin Nina Wahn sagt, Ältere hätten „häufiger ein Problem mit dem Sehen, auch Reaktionsgeschwindigkeit und -sicherheit nehmen eher ab. Aber viele kompensieren solche Defizite, indem sie nur noch bekannte Strecken fahren, zum Arzt, zum Einkaufen etwa, und nicht mehr nachts oder bei Regen.“ Assistenzsysteme helfen ihnen, nachlassende Fähigkeiten auszugleichen.

Autobauer wie BMW und Mercedes wollen in absehbarer Zeit völlig autonom fahrende Autos auf den Markt bringen. Dabei haben sie auch die wachsende Zahl der Senioren im Blick. Eine „Zielgruppe ist die von älteren Personen“, die mit autonomen Fahrsystemen „ihre eigenen, leider nachlassenden sensorischen Fähigkeiten im Straßenverkehr unterstützen“, erklärte Daimler-Manager Ralf Guido Herrtwich. Der Stuttgarter Konzern zitiert auf seiner Homepage den Pittsburger Professor William Whittaker, der sagt: „Für Behinderte und Senioren ist autonomes Fahren eine Frage der Menschenwürde.“

VW-Digitalchef Johann Jungwirth sagt, selbstfahrende Autos würden schon in fünf Jahren Alltag. „Damit können alle Menschen, auch Menschen ohne Führerschein, Alte, Kranke, Kinder und Blinde in den Genuss von individueller Mobilität kommen.“ Lobbygruppen in USA appellierten schon: „Lasst uns teilhaben!“

Eigenständige Mobilität erhalten

Aber setzen sich Ältere wirklich in ein Auto ohne Lenkrad und Pedale und vertrauen allein dem Computer? ADAC-Verkehrspsychologin Wahn sagt: „Die Hemmschwelle hin zur Technik-Akzeptanz ist bei Älteren vielleicht größer.“ Aber die Vorteile sind verlockend. „In ferner Zukunft wäre es vorstellbar, dass völlig autonome Fahrzeuge auch Menschen mit eingeschränkter Fahrkompetenz ihre eigenständige Mobilität erhalten“. Bei Bus und Bahn müsse man „sich nach Fahrplänen richten und erst mal zur Haltestelle kommen. Das eigene Auto gibt da schon mehr Freiheit.“

Senioren haben sich im vergangenen Jahr allein in Deutschland 1,12 Millionen neue Autos gekauft – 35 Prozent aller Neuwagen wurden auf Käufer zugelassen, die älter als 60 waren. „Im deutschen Neuwagenmarkt existiert ein Methusalem-Effekt“, so Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg-Essen. Der durchschnittliche VW-, Mercedes- und Porsche-Käufer sei über 55 Jahre alt. Das heißt aber auch: Mit den heutigen Assistenz-Systemen kommen ältere Autofahrer gut zurecht.

Beim Rentner- und Sozialverband VdK sieht man die Vorteile der neuen Autotechnik ebenfalls. „Über den tödlichen Unfall mit einem selbstfahrenden Auto bin ich sehr erschrocken. Der Weg zu einem vollkommen sicheren selbstfahrenden Auto ist nun wahrscheinlich noch sehr weit“, sagt VdK-Präsidentin Ulrike Mascher. „Aber alle Systeme, die das Autofahren sicherer und einfacher machen, sind für Menschen, die auf einen Pkw angewiesen sind, sehr hilfreich.“ Die 77-Jährige spricht aus Erfahrung. „Meine Schwester beispielsweise, die sich aufgrund von Nackenproblemen nicht so gut umdrehen kann, hat an ihrem Auto eine Einparkhilfe. Diese ist für sie eine große Entlastung.“

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