Entdecker der Barock-Musik: Dirigent Neville Marriner ist tot

Der Gründer der Academy of St. Martin in the Fields, Neville Marriner, ist tot. Er verschaffte einer ganzen Generation von Musikfreunden einen neuen Zugang zur Barockmusik.

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Sir Neville Marriner im Jahr 2013. (Foto: dpa)

Sir Neville Marriner im Jahr 2013. (Foto: dpa)

Der britische Dirigent Neville Marriner studierte er Geige, später gehörte er als Violinist zum Londoner Symphonieorchester (Video am Anfang des Artikels) und gründete 1958 die Academy of St. Martin in the Fields. Am Sonntag starb der Dirigent im Alter von 92 Jahren, wie die Academy of St. Martin in the Fields mitteilte.

Auch nach Deutschland hatte Marriner starke Verbindungen: Von 1983 bis 1989 war er Chefdirigent des Radio-Sinfonie-Orchesters Stuttgart. Seine Einspielungen umfassten die Werke der barocken und romantischen Musik bis zu zeitgenössischen Komponisten. Für seine musikalischen Verdienste ernannte Königin Elizabeth II. ihn 1975 zum Commander of the British Empire und erhob ihn 1985 in den Adelsstand. Seine Einspielungen brachten ihm zahlreiche Preise ein – darunter Grammys.
Marriner wurde 1924 im ostenglischen Lincoln geboren. Den Zugang zur Musik verdankte er, wie er in Interviews sagte, seiner musikbegeisterten Familie. Sein Vater war nicht nur Architekt, sondern auch Chorleiter. Sohn Andrew machte sich einen Namen als Klarinettist.

Nach seiner Schulzeit begann Marriner am Royal College of Music in London mit einem Violinstudium. Danach ging er in die Violinklasse von René Benedetti am Pariser Konservatorium. Das Rüstzeug zum Dirigenten holte er sich in Privatstunden bei Pierre Monteux und in Sommerkursen. Außerdem half ihm die Orchestertätigkeit unter den bekannten Dirigenten Herbert von Karajan und Arturo Toscanini.

In den 50er Jahren überredete Marriner mehrere Kollegen, zusammen mit ihm in einer Kirche aus dem 18. Jahrhundert in London Konzerte zu geben. So entstand die Academy of St. Martin in the Fields, die Marriner ursprünglich leitete. Doch die Konzerte waren anfangs schlecht besucht. Der Durchbruch gelang Marriner und seinem Kammerorchester 1970 mit einer Aufnahme von Antonio Vivaldis «Vier Jahreszeiten». Damit reiste das Orchester um die ganze Welt.

Marriner war auf seine Art ein Wegbereiter der Aufführungspraxis: Er siedelte die Barock-Musik im kammermusikalischen Bereich an und stellte so die Aufführung dieser Werke durch romantische Symphonieorchester in Frage. Heute haben die aufführungspraktischen Interpretationen Marriners Stil abgelöst. Seinne Aufnahmen bleibt dennoch unbestritten der dokumentarische Wert. Außerdem ist es sein Verdienst, dass er vielen Musikliebhabern einen neuen Zugang zur Barockmusik verschafft hat.

Marriner formte die Gruppe zu einem herausragenden Ensemble, das Musik aus verschiedenen Epochen spielte. Zu seinen kommerziell erfolgreichsten und bekanntesten Aufnahmen gehört die Filmmusik zu Milos Formans Oscar-prämiertem Mozart-Film «Amadeus» (1984).

Zu seinem Erfolg trug auch sein Charakter bei. Weggefährten lobten seine Brillanz, Integrität und seinen Humor – und dass er ständig den Dialog mit seinen Musikern suchte. Für den Musik-Direktor der Academy of St. Martin in the Fields, Joshua Bell, ist klar: Marriner wird immer das Herz und die Seele des Orchesters bleiben.

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