Literaturnobelpreis geht an Bob Dylan

Der diesjährige Nobelpreis für Literatur geht an Bob Dylan. Das teilte die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm mit. Die Entscheidung ist in Maßen auch politisch.

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Bob Dylan. (Foto: dpa)

Bob Dylan. (Foto: dpa)

Der diesjährige Nobelpreis für Literatur geht an Bob Dylan. Das teilte die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm mit.

Rund 20 Jahre lang wurde Bob Dylan mit schöner Regelmäßigkeit für den Nobelpreis vorgeschlagen, doch stets ging der Dauerbrenner unter den Kandidaten leer aus. Zu gewagt erschien es offenkundig der Jury, einem Musiker – und sei es auch der berühmteste Songschreiber überhaupt – die höchste Literaturauszeichnung der Welt zuzuerkennen. Nun hat sie sich getraut. Diesmal haben die favorisierten Romanautoren und Dramatiker das Nachsehen.

Die Wahl Dylans hat im Ansatz auch eine politische Dimension: Protestmärsche, Vietnam, die Hoffnung auf Weltfrieden – Dylan war Teil der heute weitgehend verschwundenen Friedensbewegung der 68er, deren angekündigter „Marsch durch die Institutionen“ zur weitgehenden Preisgabe ihrer damaligen Ideale geführt hat. Der Historiker Sean Wilentz sagte der dpa vor einiger Zeit auf die Frage, ob Dylan auch heute noch eine politische Ausstrahlung haben könnte: „Auf alles, was aus dem linken Reformismus kommt, der sich entwickelnden Kultur, die er vor 50 Jahren stark geprägt hat. Er war beim Marsch auf Washington dabei und an vielen anderen Orten und schrieb Songs, die gelebt haben. Ich kann zwar nicht für sie sprechen, aber ich kann mir vorstellen, dass die jungen Menschen, die an der Kampagne für Bernie Sanders oder an der (Anti-Rassismus-)Bewegung «Black Lives Matter» beteiligt sind, gar nicht anders können, als vom Werk Bob Dylans berührt zu sein. Die Songs, die er während der 60er geschrieben hat, sie leben – und da sie leben, können sie auch weiterhin inspirieren.“

Der Vergleich zeigt schon, dass eine politische Dimension nur eingeschränkt zu erkennen ist: Heute hat es sich über weite Strecken durchgesetzt, dass Protestbewegungen kommerziell ausgerichtet und interessenspolitisch gesteuert werden, ohne dass die Ansichten der Financiers offen zu erkennen sind. Erst kürzlich hatte ein Facebook-Milliardär „Bürger-Proteste“ gegen die US-Notenbank organisiert, um eine Politik im Interesse der Superreichen zu erzwingen.

Von einigen Skeptikern abgesehen, dürften die meisten gut 50 Jahre nach Dylans Karrierestart anerkennen, dass der Autor von Folk-, Blues- und Rock-Lyrik wie «Masters Of War», «Like A Rolling Stone» oder «Visions Of Johanna» ein würdiger Preisträger ist. Den Pulitzer-Preis für «lyrische Kompositionen von außerordentlicher poetischer Kraft» hatte er ja bereits.

Seinen Ruf als Revolutionär der Folk- und Rockmusik erwirbt sich Dylan schon Anfang der 60er Jahre, als er die Zeichen einer unruhigen Zeit richtig deutet. Seinen Start als Singer-Songwriter beschreibt er später in der literarisch anspruchsvollen Autobiografie «Chronicles» (2004) so: «Amerika wandelte sich. Ich ahnte eine schicksalhafte Wendung voraus und schwamm einfach mit dem Strom der Veränderung.»

Der als Robert («Bobby») Allen Zimmerman geborene junge Mann aus Duluth/Minnesota benennt sich vermutlich nach einem literarischen Idol um, dem walisischen Dichter Dylan Thomas. Der Erfolg stellt sich mit dem Song «Blowin‘ In The Wind» (1963) ein. Wütende Lieder wie «Masters Of War» oder «A Hard Rain’s A-Gonna Fall» qualifizieren Dylan für die weltweite Jugend- und Protestbewegung.

Danach mutiert er zum Rockmusiker mit elektrischer Gitarre, komponiert und textet Mitte, Ende der 60er Jahre Album- und Songklassiker in Serie. Seine mit Metaphern, Symbolen und Anspielungen durchsetzten Lyrics sind von beispielloser Qualität.

Nach wechselvollen, künstlerisch oft unbefriedigenden 70er und 80er Jahren kommt Dylans Rehabilitierung 1997 mit dem ersten großen Alterswerk «Time Out Of Mind» – einer Platte voller düsterer, anspruchsvoller Texte, die zu seinen besten zählen. Seitdem hat er einen Lauf, setzt alle paar Jahre Ausrufezeichen wie «Modern Times» (2006) oder das erneut von literarischen, geschichtlichen und biblischen Anspielungen wimmelnde «Tempest» (2012). Rund 100 Millionen Tonträger soll Dylan inzwischen verkauft haben.

Seinem deutschen Biografen Heinrich Detering zufolge beziehen sich die Songtexte des Amerikaners «auf Dichtungen unterschiedlichster Zeitalter und Kulturen: von der Bibel und Homers „Odyssee“ über die Dichtungen der römischen Kaiserzeit (Ovid, Vergil, Juvenal), die mittelalterlichen Mysterienspiele und Shakespeares Dramen bis zur amerikanischen Romantik, den französischen „poètes maudits“ und dem Theater Bertolt Brechts». Und nicht zuletzt hebt der Literaturwissenschaftler die Geistesverwandtschaft Dylans mit «Beat-Poeten» wie Jack Kerouac und Allen Ginsberg hervor.

Acht Geschichten, die nicht im Lexikon stehen

Kaum ein Musiker wurde in langen Aufsätzen und dicken Büchern so ausführlich beschrieben und gedeutet wie Bob Dylan. Jenseits aller Erkenntnisse der «Dylanologen» gibt es immer noch viele weniger bekannte Geschichten und Schmonzetten rund um den Jahrhundertkünstler. Hier sind einige davon:

– Songdebüt für B.B.: Dem «Playboy» sagte Dylan 1978, sein allererstes selbst geschriebenes Lied sei für Brigitte Bardot gewesen, eine der verführerischsten Schauspielerinnen der 50er und 60er Jahre. «Ich erinnere mich kaum noch daran. Es hatte nur einen Akkord. Ich trage es im Herzen.»

– Ein Waisenknabe: Mit 20 sollte der Sänger einen Vertrag mit dem Label Columbia unterschreiben, damals war er aber noch nicht volljährig. Weil er keine Lust hatte, seine kleinbürgerlichen Eltern aus Duluth/Minnesota zur Unterschrift herbeizuholen, erklärte sich Dylan kurzerhand zum Waisen. Damit lief der Deal.

– Schlechter Einfluss: Es soll Dylan gewesen sein, der die Beatles 1964 mit Marihuana bekannt machte, wahlweise im New Yorker Delmonico Hotel oder am JFK Airport. Er selbst wollte sich Jahre später in einem Interview nicht mehr daran erinnern: «Gras gab es damals doch überall.»

– Kunstbanause: In der Popzeitschrift «Spin» räumte Dylan 1985 verschämt ein, dass er mal ein Andy-Warhol-Kunstwerk (das Bild «Elvis Presley») zugunsten eines Sofas verkauft habe. «Ich wollte Andy immer sagen, was für eine Dummheit ich gemacht habe, und ob er mir ein anderes Gemälde geben könne…»

– Ein Prince-Fan: Als solcher bezeichnete sich Dylan 1986 in einem Interview. Obwohl der schwarze Pop-Megastar der 80er und 90er Jahre wenig musikalische Verbindungen zum Folkrock hatte, zeigte sich der Altmeister begeistert: «Ein fantastischer Junge.»

– Sexy Dylan: 2004 überraschte Dylan seine Fans, als er den Song «Love Sick» für eine Damenunterwäsche-Werbung freigab. Im Video-Spot von Victoria’s Secret ist er sogar selbst zu sehen, wechselweise mit dem Topmodel Adriana Lima.

– Ein Herz für Rentner: Bei der Werbung zum Album «Shadows In The Night» (2015) konzentrierte sich Dylan (damals 73) zunächst auf US-Senioren. 50 000 der 35 Millionen Abonnenten einer Rentner-Verbandszeitschrift erhielten die CD als Gratisbeilage.

– Sammler-Wahnsinn: Dylan wertet sein Lebenswerk so gründlich aus wie kaum ein anderer Musiker. Die Phase Mitte der 60er Jahre mit drei Schlüsselalben fasste er kürzlich als «The Cutting Edge 1965-1966» zusammen, in einer Luxusedition mit 379 Tracks auf 18 CDs. «Jeder Ton dieser Sessions ist hier enthalten.»

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