Nachfrage bricht ein: OPEC verliert die Kontrolle über den Erdöl-Markt

Das Opec-Abkommen zur Begrenzung der Fördermenge wird die Preise für Erdöl nicht dauerhaft stützen können, analysiert die Internationale Energieagentur. Schuld daran seien die Schwäche der Weltwirtschaft, in deren Folge die Nachfrage deutlich gesunken ist.

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Der saudische Ölminister Khaled al-Faleh beim Opec-Treffen Ende September in Algiers. (Foto: dpa)

Der saudische Ölminister Khaled al-Faleh beim Opec-Treffen Ende September in Algiers. (Foto: dpa)

Die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert, dass die Ölpreise auf unabsehbare Zeit niedrig bleiben. Auch die Ende September erzielte Vereinbarung des Förderkartells Opec werde zu keinem nachhaltigen Anstieg des Ölpreises führen, berichtet oilprice.com.  Die Organisation erklärte am Dienstag, dass der Ölmarkt noch mindestens bis zur Jahresmitte 2017 von einem beträchtlichen Überangebot gekennzeichnet sein werde. Zudem lauerten in naher Zukunft einige Unsicherheitsfaktoren, die zu Preiseinbrüchen führen könnten.

Die IEA kappte zum zweiten Mal in Folge ihre Prognosen zur Zunahme der globalen Erdöl-Nachfrage im laufenden Jahr. Aktuell geht sie davon aus, dass die durchschnittliche Nachfrage des laufenden Jahres im Gegensatz zu 2015 um täglich 1,2 Millionen Barrel Öl (159 Liter) höher liegt. Im September sprach die IEA noch von 1,3 Millionen Barrel, im August noch von 1,4 Millionen Barrel. Hauptsächlich dafür verantwortlich sei ein „schwindendes Wachstum in den OECD-Ländern und eine merkliche Wirtschaftsverlangsamung in China.“

Der Rückgang der Nachfrage ist der IEA zufolge auch der zentrale Grund, warum die Ende September von der Opec beschlossene Förderkürzung nicht funktionieren werde. „Das Wachstum der Nachfrage ist zum Halten gekommen, hauptsächlich wegen der Abkühlung in China. Im dritten Quartal ist die Nachfrage auf das Jahr hochgerechnet nur um 0,8 Millionen Barrel gestiegen – so wenig wie seit vier Jahren nicht mehr. Die nachlassende Nachfrage stellt ein großes Problem für die Ölpreise dar, weil der von dem Opec-Entscheid angestoßene Rally kaum mehr Raum bleibt. Die Preise sind seitdem um etwa 15 Prozent gestiegen.“

Die IEA warnt, dass Förderzuwächse von Nicht-Opec-Staaten wie auch einiger Opec-Staaten die Vereinbarung hinfällig machen könnten. Im September stieg die Produktion der Opec ohnehin auf ein Allzeit-Hoch von 33,64 Millionen Barrel am Tag. Die Opec-Mitglieder Libyen, Nigeria und der Iran haben ihre Produktion wieder hochgefahren und sind von dem Abkommen ohnehin ausgenommen. Es ist deshalb sehr fraglich, ob der Entscheid – die Förderung auf maximal 33 Millionen Barrel täglich zu begrenzen, höhere Notierungen bewirken kann.

Ein weiteres Problem für den Erfolg der Produktionskürzung ist aus Sicht von oilprice.com die Strategie Saudi-Arabiens. Die politische Führung in Riad sei nur zu Produktionskürzungen bereit, welche sie ohnehin in den kommenden Wochen durchführen wollte. „In anderen Worten, Saudi-Arabien sagte Kürzungen zu, aber es verabschiedet sich nicht von seiner Strategie der Marktanteilsgewinnung. Es verpackte seine ohnehin geplanten Kürzungen in dem Opec-Abkommen. Dies lässt darauf schließen, dass das Land nicht mehr als 400.000 Barrel täglich kürzen wird – in diesem Fall würde es nur die Produktionsniveaus vom Frühjahr wieder einnehmen“, heißt es bei oilprice.com.

Unklar ist, ob sich Russland tatsächlich an der geplanten Förderbeschränkung beteiligen wird. Spekulationen darüber sorgten für heftige Reaktionen am Ölmarkt. Der Preis für das Nordseeöl Brent stieg sogar auf den höchsten Stand in diesem Jahr. Doch Experten haben Zweifel, ob den Worten der Förderländer auch tatsächlich Taten folgen werden. Dabei dürfte manch einem Ölscheich bei den Äußerungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin bei einer Energiekonferenz diese Woche ein Stein vom Herzen gefallen sein. „Ein Einfrieren oder sogar eine Kürzung der Ölförderung ist wohl die einzig richtige Entscheidung“, hatte der Kremlchef in Istanbul gesagt. Russland sei bereit, sich einer Initiative der Opec anzuschließen. Die Chancen auf eine gemeinsame Einigung stünden gut, gab sich der saudi-arabische Ölminister Khalid Al-Falih zuversichtlich.

Die wirkliche Arbeit gehe für die Opec allerdings erst los, so die IEA. Schließlich muss die Einigung noch formal festgezurrt werden. Bis dahin gebe es noch „kritische Details“ zu klären. Besonders schwierig dürfte die Einigung auf konkrete Länderquoten werden. Denn der Iran, der gerade erst Sanktionen des Westens abgeschüttelt hat, sowie die von Krieg gebeutelten Länder Libyen und Nigeria dürften kaum zu einer Drosselung ihrer Produktion zu bewegen sein. Andere Länder wie Saudi-Arabien müssten daher noch kürzer treten.

Deshalb zweifeln einige Experten daran, dass die Produktionsbeschränkung der Opec wirklich kommt. Eugen Weinberg, Rohstoffexperte bei der Commerzbank, hält zudem eine sinkende Produktion in Russland für „nahezu ausgeschlossen, da sich viele russische Ölunternehmen im Privatbesitz befinden.“ Die Zweifel scheinen berechtigt. Das Land erwäge zunächst ein Einfrieren auf bisherigem Niveau, sagte Russlands Energieminister Alexander Nowak am Dienstag. Von einer Reduktion war keine Rede.

Von Vertretern russischer Ölkonzerne gab es unterdessen unterschiedliche Signale. Der Vizechef des Ölgiganten Lukoil, Leonid Fedun, sagte, dass „alle russischen Ölförderer die Produktion senken werden“, sofern die Regierung dies verlange. Michail Leontjew, Vizechef von Russlands größtem Ölproduzenten Rosneft, sprach dagegen nur von einem möglichen Einfrieren und sein Chef Igor Setschin schlug noch viel zurückhaltendere Töne an. Laut Medienberichten sagte er auf die Frage, ob sein Unternehmen seine Förderung deckeln werde: „Warum sollten wir das tun?“

Besonders problematisch: Spekulative Anleger an den Finanzmärkten hätten zuletzt stark auf steigende Preise gesetzt, so Experte Weinberg. Sollte die Opec ihren Worten keine Taten folgen lassen, drohe daher ein deutlicher Preiseinbruch beim Öl. Für die Förderländer würde dies neben einem empfindlichen Glaubwürdigkeitsverlust dann auch neue schmerzhafte Einnahmerückgänge bedeuten.

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