Google greift an und sagt traditionellen Banken „den sicheren Tod“ voraus

Die amerikanischen Internet-Riesen greifen die klassische Finanzbranche an. Ein Banker ist zuversichtlich, dass bei diesem Kampf kein Stein auf dem anderen bleibt: Denn die Internet-Unternehmen haben heute schon die Daten und das Vertrauen der Kunden.

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Google hat in den USA schon vor einiger Zeit eine elektronische Geldbörse auf den Markt gebracht, das Google Wallet. Damit können Nutzer im Internet bezahlen und Geld senden und empfangen. Auch in Europa verfügt die Suchmaschine bereits über eine Banklizenz und könnte jederzeit loslegen. Da Googles Betriebssystem Android auf zahlreichen Smartphones läuft, hat das Unternehmen nach Einschätzung von Boston Consulting beste Voraussetzungen, um das Angebot in den nächsten Jahren auch in Deutschland und der Schweiz zu etablieren.

Apple hat das neueste iPhone laut Konzernchef Tim Cook auch deshalb mit einem Fingerprint-Sensor ausgestattet, weil das Unternehmen Interesse am Bezahlen über das Handy hat. Erste Erfahrungen mit Geldüberweisungen hat der Konzern bereits auf seiner Musikplattform iTunes gesammelt.

Facebook steht ebenfalls kurz davor, eine Banklizenz in Irland zu erhalten (mehr hier). Damit dürfte das weltgrößte Online-Netzwerk in ganz Europa Bankgeschäfte anbieten. Millionen von Nutzern könnten dann beispielsweise Geld auf Facebook-Konten aufbewahren und es an andere Kunden überweisen. Angeheizt wurden die Spekulationen über eine bevorstehende Banking-Offensive kürzlich, als Facebook den PayPal-Chef David Marcus verpflichtete.

„Banken, die auf solche Wettbewerber nicht vorbereitet sind, sehen dem sicheren Tod entgegen“, sagt Francisco Gonzalez, Chef der spanischen Großbank BBVA.

Die Internetriesen Google, Apple und Facebook haben Millionen von Kunden und kennen deren Einkaufsverhalten genau. Ihren Nutzern könnten sie folglich maßgeschneiderte Finanzierungsangebote machen – und Geldhäusern damit im großen Stil Geschäft abnehmen. „Die Unternehmen könnten die Bankenwelt alleine schon mit ihren Daten verändern“, betont Dirk Müller-Tronnier von der Beratungsfirma E&Y. Der E&Y-Experte und viele Banker gehen deshalb davon aus, dass die Angreifer als nächstes groß ins Geschäft mit Konsumentenkrediten einsteigen. Wenn jemand online einen Fernseher kauft oder eine Urlaubsreise bucht, könnten ihm die Internetunternehmen auch gleich das passende Darlehen anbieten. Konsumentenkredite sind relativ einfach strukturiert, und das Ausfallrisiko könnten die Konzerne dank ihrer Kundendaten relativ gut kalkulieren.

In einem angestammten Bankgeschäft ist ein Eindringling bereits heute Marktführer: In Deutschland wird mittlerweile gut ein Viertel aller Internet-Einkäufe über die Ebay -Tochter PayPal bezahlt, schätzt die Unternehmensberatung Bain. Weltweit benutzen den Online-Bezahldienst 148 Millionen. Die Größe und der Erfolg der Ebay-Tochter haben die Finanzbranche aufgeschreckt. Die deutschen Banken basteln unter dem Dach des Branchenverbands Deutsche Kreditwirtschaft an einer Alternative zu PayPal, wie mehrere mit dem Vorgang vertraute Personen berichten.

Weltweit versuchen nach Schätzungen von Bain & Company zudem rund 3500 Jungfirmen, den Banken das Geschäft abzujagen. Die Beratungsfirma Accenture schätzt, dass Banken bis 2020 weltweit mehr als 30 Prozent ihrer Erträge an neue Wettbewerber verlieren könnten. In Deutschland setzen die Brüder Samwer, die bereits beim Online-Schuhhändler Zalando eine gute Nase bewiesen, auf die Plattform Lendico, die ein ähnliches Konzept verfolgt wie LendingClub. Zudem sind sie am Unternehmen Zencap beteiligt, das Darlehen an Mittelständler vermittelt.

Auch das Jungunternehmen Fidor ist in Deutschland im Finanzbereich erfolgreich. Bei Fidor werden Kunden deshalb nicht in Filialen beraten, sondern diskutieren online über die beste Anlagestrategie. „Die Menschen tauschen im Netz Meinungen und Erfahrungen aus“, sagt Fidor-Chef Matthias Kröner. „Das greifen wir auf und sagen: Macht das beim Geld genauso.“ Außerdem leihen sie sich gegenseitig Geld („Social Lending“) oder finanzieren Projekte („Crowdfunding“). Fidor-Kunden können mit ihrer Bankkarte ganz traditionell Geld am Automaten abheben. Sie können es aber auch an Email-Adressen oder Handy-Nummern verschicken – der Betrag wird dann auf dem Fidor-Konto des Empfängers gutgeschrieben.

„Die digitale Revolution ist kein Trend mehr, sondern eine fundamentale Umwälzung“, sagt er. „Wie wir im 19. Jahrhundert eine Veränderung durch die industrielle Revolution hatten, haben wir jetzt eine Veränderung durch die Digitalisierung.“, sagt Theodor Weimer, der Chef der Münchner HypoVereinsbank. Da immer mehr Menschen ihre Bankgeschäfte im Internet erledigen, will Weimer in den nächsten Jahren die Hälfte der rund 600 HVB-Filialen schließen.

Ganz auf die Bank um die Ecke verzichten wollten die meisten Menschen nicht, bestätigt Banken-Forscher Bernd Nolte. Er erinnert daran, dass vor einigen Jahren viele Deutsche Geld bei der Kaupthing-Bank angelegt haben. Als das isländische Institut 2008 zusammenbrach, war der Schock groß. „Der Internetzugang zu ihrem Konto war gesperrt und sie konnten sich an niemanden wenden.“ Bei Filialbanken könne das nicht passieren, schließlich treffe man deren Mitarbeiter auch im Kindergarten oder beim Bäcker. „Dieser soziale Kontrollmechanismus wird in einer alternden Gesellschaft eine wichtige Rolle spielen“, sagt Nolte. „Wenn Menschen älter werden, sind sie erfahrungsgemäß misstrauischer und vorsichtiger.“

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