Dramatik in Moskau: Russland erhöht Zinsen mitten in der Nacht auf 17%

Die wirtschaftliche Lage in Moskau hat sich in der Nacht zum Dienstag dramatisch zugespitzt: Die Zentralbank hat den Leitzins in einer spektakulären Entscheidung auf 17 Prozent erhöht. Die Finanzmärkte sehen Anzeichen von Panik. Das Büro des Bürgermeisters von Moskau hat den Verkauf von Waren gegen Dollar für illegal erklärt. Die russische Führung sieht die Gefahr einer Hyperinflation.

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In einer spektakulären Entscheidung hat die russische Zentralbank um ein Uhr morgens den Leitzins von 10.5 Prozent auf 17 Prozent erhöht. Mit dieser Maßnahme, die die Zentralbank außerhalb der Geschäftszeiten mitteilte, versucht die Bank mit zunehmenden Anzeichen von Verzweiflung, den finanziellen Kollaps abzuwenden. Man sei zu dem Schritt gezwungen, um die „jüngsten Tendenzen von Abwertung und Inflation wirkungsvoll einzudämmen„. In Folge der Entscheidung verteuerte sich die russische Währung zum Dollar auf 62,50 Rubel nach 65,50 Rubel.

Update: Dienstag, 16.12., 13 Uhr: Bereits am Dienstagmittag kehrte sich der Trend um: Der Rubel stürzte erneut ab, Anzeichen einer massiven Kapitalflucht waren zu erkennen (aktueller Bericht hier). 

Benoit Anne von der Société Générale hatte der FT am Montagnachmittag gesagt: „Es gibt Panik in den lokalen Märkten wegen der Untätigkeit der Zentralbank. Russland steht vielleicht noch nicht am Rande des finanziellen Zusammenbruchs, aber das Land ist nahe daran, seinen Status als mögliches Investment zu verlieren.“ Piotr Matys von der Rabobank sagte Bloomberg, dass es nicht mehr um die Abmilderung einer Rezession gehe, sondern um die Verhinderung eines Währungscrashs.

Sollte dies eintreten, könnte sich Russland kein Geld mehr an den Finanzmärkten besorgen – mit unabsehbaren Folgen für die Wirtschaft des Landes. Der Zinssatz der in Dollar denominierten, zehnjährigen russischen Staatsanleihen stieg auf 8,23 Prozent. Zum Vergleich: In Griechenland, wo zur Zeit ebenfalls wieder über einen Staats-Bankrott diskutiert wird, betrug der Zinssatz am Montag 8,93 Prozent.

Am Montag war der Rubel erneut auf ein Rekord-Tief abgestürzt. Die Zentralbank stoppte den Handel mit Bond-Futures, angeblich wegen des Verdachts der Manipulation durch Spekulanten. Die radikale Zinserhöhung legt jedoch den Schluss nahe, dass es zu einem gewaltigen Abverkauf gekommen sein dürfte. Die Zentralbank hat sich offenbar außerstande gesehen, die Kapitalflucht zu stoppen.

Der Verfall der Rubel ist vor allem auch deshalb von Bedeutung, weil der Ölpreis am Montag wieder gestiegen ist. Russland ist wegen der Mischung aus geopolitischen Risiken, dem niedrigen Ölpreis, den Sanktionen und den begrenzten Möglichkeiten der Politik, gegen diese Entwicklung anzugehen, in einer gefährlichen Situation. Analysten sagten der FT, dass es besonders besorgnisrerregend sei, dass Investoren nicht mehr daran glauben, dass sich die russischen Unternehmen angesichts dieser Entwicklung noch refinanzieren können. Auch die Aktien von Schwergewichten wie der Sberbank oder Rosneft sackten am Montag deutlich ab.

Alexei Nemeryuk, der für den Handel beim Moskauer Bürgermeister zuständig ist, erklärte laut Interfax die Praxis für illegal, zu der einzelne Läden bereits währende der Krise in den 1990er-Jahren übergegangen waren: Sie hatten ihre Waren nur noch gegen Bezahlung in Dollar abgegeben, weil sie den Wertverlust des Rubel nicht mehr kompensieren konnten. Damals war die Krise in eine Hyperinflation gemündet.

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